Berlin

Fluchtursachenbericht: Im Geist globaler Utopien

Der Bericht zu den Fluchtursachen benennt nur lauter Symptome, aber keine Ursachen. Ein Gastbeitrag.
Pressekonferenz zum Bericht der Fachkommission Fluchtursachen
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) stellte jetzt den Bericht der Kommission für Fluchtursachen vor.

In der Zusammenstellung der „Fachkommission Fluchtursachen“, um die sich 24 Fachleute eineinhalb Jahre gemüht haben, bleibt kaum ein Problem auf der Welt unerwähnt. Ob die direkten Ursachen wie Konflikte und Verfolgung, das Versagen von staatlichen Institutionen und wirtschaftlicher und sozialer Perspektivlosigkeit, ob vorwiegend indirekte Ursachen wie demografischer Druck, Umweltzerstörung und Klimawandel oder auch die Schleusernetzwerke. Es fehlt aber eine tiefer schürfende Analyse der Ursachen der Fluchtursachen. Denn die Benennung all dieser Defizite beantwortet nicht die Frage nach ihrem Warum? Seit 1960 sind zwei Billionen Dollar Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen. Afrika ist reich an Ressourcen und an jungen Menschen und trotzdem sehen viele von ihnen keinen Ausweg als die lebensgefährliche Flucht. Über die Reflexion solcher Fragen wären womöglich die kulturellen Voraussetzungen von Entwicklung thematisiert worden.

Korrupte Oligarchien in den Fluchtgebieten

Entwicklungshilfe darf in dem Bericht nicht einmal mehr als solche benannt werden, stattdessen geht es heute ja um Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Aber mit wem denn? In der Regel herrschen in den Fluchtgebieten korrupte Oligarchien, und wenn diese sich bekriegen, versinkt alles im Chaos.

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Keine Erwähnung finden die kulturellen und religiösen Ursachen des vorherrschenden identitären Kollektivismus. Selbst die aus archaischen Kulturen oder fundamentalistischer Religionspraxis resultierende Unterdrückung der weiblichen Entwicklungspotentiale bleibt ausgeklammert.

Dabei hätte ein Blick auf die ungleich bessere Entwicklung der ostasiatischen Staaten geholfen. Fortwirkende Stammeskulturen und jene, die Hälfte der Bevölkerung diskriminierenden Strukturen in der islamischen Welt, stehen dagegen der zivilisatorischen Entwicklung im Wege.

Solange die Ursachen der Symptome nicht erwähnt werden, kann auch keine Therapie gelingen. Es bleiben nur noch ganzheitliche und globale Lösungen, in denen etwa „Klima, Migration und Friedenspolitik“ zusammengeführt werden. Im Geist solcher globalen Utopien werden konkrete Hindernisse wie das Spannungsverhältnis zwischen dem langfristig Wünschenswerten und kurzfristig Notwendigem übersprungen.

Kultur und Religion heute kein Thema

Die vorgetragene Kritik an der mangelnden Strategiefähigkeit der deutschen Außenpolitik ist nur zu berechtigt, aber bei der Lektüre werden einem deren Ursachen klarer. Es fehlt den Experten an Köpfen, die sich unabhängig vom Zeitgeist den Ursachen der Fluchtursachen stellen. Kultur und Religion sind heute für wohlmeinende Sozialtechnokraten kein Thema. Weder die christliche Soziallehre mit ihrer „Hilfe zur Selbsthilfe“ noch liberale Rufe nach mehr Markwirtschaft zur Überwindung oligarchischer Monopole finden Gehör.

Die offenkundig vorherrschende Annahme, dass mehr Hilfe der Bundesregierung für die Welt entscheidend sei, trägt schon Züge von National-Globalismus und ist angesichts von 0,8 Prozent Anteil der Deutschen an der Menschheit etwas verstiegen. Allenfalls die EU findet im Kontext Deutschlands noch Erwähnung, nicht China und nicht die  USA. In der Kommission fehlten solche in Alternativen denkende Querdenker wie der Afrikakritiker Volker Seitz. So bleibt die Expertenszene eines Sinnes, was sich in der korrekten Aufführung der Symptome und in der ebenso korrekten Forderung nach mehr Leistungen von unserer Seite niederschlägt: gleich als erstes wird der Vorschlag einer Bündelung unserer Analysekapazitäten in einem „Rat für Frieden, Sicherheit und Entwicklung“ vorgebracht.

Scharia als Entwicklungshindernis

Wie der Bericht vermerkt, kommen die meisten Geflüchteten – nächst Syrien - aus Afghanistan nach Europa, aus einem Staat, in dem die westliche Welt unter Opfer vieler Menschenleben und unerhörten Geldsummen für bessere Regierungsführung und Infrastruktur, für mehr Brunnen und Schulen gekämpft hat.
Könnte es sein, dass die vom freigewählten afghanischen Parlament eingeführte Scharia ein Entwicklungshindernis darstellt und das im Umkehrschluss säkulare Strukturen hilfreicher gewesen wären?

Entwicklung hängt weniger von unserer Hilfe als von der Selbsthilfe vor Ort ab. Gerade die Entwicklung der Privatwirtschaft wäre ein wichtiger Pfeiler für aufstrebende Akteure insbesondere bei kleinen und mittelständischen Unternehmen. Deren  wichtigste Voraussetzungen sind individuelle berufliche Kompetenzen. Sie eröffnen sowohl mehr Teilhabe an der Globalisierung als auch Chancen für eine Überwindung von kulturellem Kollektivismus und oligarchischen Machtstrukturen in ihrer Heimat. Und beides sollte idealerweise schon in der Steuerung der Migrationsbewegungen beginnen, mit dem langfristigen Ziel einer Transformation des Brain-Drain in ein Brain-Circulation.

Paul Collier hat Vorschläge unterbreitet, wie Berufsbildung in den Flüchtlingslagern hätte zeitig auf den Weg gebracht werden können. Stattdessen wurden 2014 die Hilfsgelder für die Lager halbiert. Weitsicht ist nicht die Stärke unserer Regierungen, während es ihren Expertenkommissionen wiederum an kulturellem Tiefblick fehlt.

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Der Autor lehrte bis 2020 Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln.  Im Herbst erscheint von ihm „Selbstbehauptung. Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen“.

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