„Finanzierung der Hochschule keine Sache der Studierenden“

Professor Rolf Dobischat, Vorsitzender des Deutschen Studentenwerkes, zur aktuellen Debatte um die Studiengebühren

Halten Studiengebühren junge Menschen vom Studieren ab?

Wir wissen aus eigenen Erhebungen, dass das Hochschulsystem hier sozial extrem selektiv ist. Von 100 Akademikerkindern studieren 83, von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund sind es nur 23. Wir müssen alles daransetzen, junge Menschen aus bildungsfernen Familien mit wenig Einkommen zu einem Studium zu begeistern. Und dazu sind Studiengebühren der absolut falsche Weg. Sie verteuern ein Studium und belasten vor allem die unterhaltsverpflichteten Eltern. Die Studienfinanzierung in Deutschland ist eine klassische Mischfinanzierung. Die wichtigsten Säulen sind die Eltern, das Jobben und das BaFöG, die Ausbildungshilfe des Bundes. Die Studierenden werden zu 90 Prozent von ihren Eltern mit rund 450 Euro im Monat unterstützt, zwei Drittel der Studierenden jobben und ein Viertel bekommt BaFöG.

Studiengebühren sollen für eine bessere Lehre und Ausstattung an den Hochschulen verwendet werden. Werden sie das?

Wir haben mit dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft die Verwendung von Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen geprüft. Fazit: Sie werden durchaus zweckgebunden zur Verbesserung der Lehre eingesetzt. Die grundsätzliche Frage aber ist: Können Studiengebühren etwas an der dramatischen Unterfinanzierung der Hochschulen ändern? Nein, das können sie nicht. Es ist nicht Sache der Studierenden, dass sie zu einer vernünftigen Finanzausstattung der Hochschulen herangezogen werden.

Aber verleitet ein kostenloses Studium nicht zum Bummeln, und studiert nicht zielstrebiger, wer sein Studium zahlen muss?

Studiengebühren werden auch mit dem Argument befürwortet, dass dann die Studierenden zu Kunden der Hochschule werden und mehr Leistung erwarten können. Das ist zynisch, weil Hochschulen keine Filialen sind, wo man Bildung kauft. Studierende sind Angehörige der Hochschulen, nicht Kunden. Studierende müssen heute schon sehr zielstrebig studieren, und Studiengebühren führen nur dazu, dass die Studierenden zusätzlichen finanziellen Druck bekommen, den sie entweder an ihre Eltern weitergeben oder über zusätzliches Jobben kompensieren müssen. Da helfen auch Studiendarlehen wenig. Eine Berechnung des Instituts für Bankwesen der Humboldt-Universität in Berlin hat ergeben, dass jemand, der zehn Semester lang die Studiengebühren aus eigener Tasche bezahlen kann, weil er oder die Eltern genug Geld haben, 5 000 Euro bezahlt. Jemand, der aber wenig hat, muss ein Studiengebührendarlehen aufnehmen und zahlt dann insgesamt 12- bis 13 000 Euro.

Glauben Sie, dass die Studiengebühren in allen Ländern kippen?

Das Signal Hessen wird sicher seine Wirkung entfalten. Dort wurden sie ja abgeschafft. Wir müssen weg von diesen parteipolitischen, sehr stark ideologisch geführten Diskussionen „Studiengebühren Ja oder Nein“ hin zu einer bildungspolitischen Diskussion: Sind sie sinnvoll? Wir sagen, das sind sie nicht und es wäre schön, wenn der Bildungsgipfel die Gebühren auf die Agenda setzt und ein Signal kommt, liebe Länder, schafft sie doch ab.

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