Extremisten jagen Christen

Nigeria: Boko Haram stellt ein Sicherheitsrisiko für alle Länder Westafrikas dar. Von Mikaila Issa

„Jesus, Fürst des Friedens, unser wahrer Frieden, hab Mitleid mit unserer Welt!“, skandierten die nigerianischen Christen an Weihnachten in großer Bedrängnis. Die islamistische Sekte Boko Haram hatte mit einer Welle an Attentaten auf christliche Gemeinschaften und Kirchen für weltweite Bestürzung gesorgt. Und auch am vergangenen Wochenende töten die Islamisten erneut etwa 200 Menschen. Die Gruppe ist fest entschlossen, dem gesamten Land – dem bevölkerungsreichsten Afrikas mit mehr als 160 Millionen Einwohnern – die Scharia aufzuzwingen.

Schon zuvor hat Boko Haram mit einer stetig steigenden Zahl an Bombenattentaten auf Kirchen, Bahnhöfe, Hotels, Polizeistationen und Regierungsgebäude ihren Kampf intensiviert. Die Gruppe hat sich etwa auch zu einem Kamikaze-Attentat auf die Vertretung der Vereinten Nationen in Abuja bekannt, bei dem am 26. August vergangenen Jahres 18 Menschen den Tod gefunden hatten. Das christliche Viertel von Darnaturu wurde zur Zielscheibe von Boko Haram. Mehrere Christen wurden getötet, Kirchen zerstört. Dass die Verantwortung für diese vielen blutigen Überfälle ganz offen von Boko Haram übernommen wird, lässt eine Eskalation der Gewalt befürchten. Die meisten Christen leben im Süden Nigerias, während die Mehrheit der Muslime im Norden wohnt. Zahlreiche Gemeinden sind aber gemischt. Seit dem 3. Januar fahren Panzer und Soldaten Tag und Nacht Streife in fünfzehn Bundesstaaten im Norden des Landes, die von den jüngsten Angriffen der Islamisten betroffen waren. Es handelt sich dabei um die Bundesstaaten Yobe und Borno im Nordosten, um Plateau im Zentrum, sowie um Niger im Osten, die unter die Kontrolle der Sicherheitskräfte gestellt wurden.

Der Name Boko Haram bedeutet in Hausa – einer im Norden von Nigeria gesprochenen Regionalsprache – „Westliche Erziehung gehört verboten“. Das Ziel dieser Sekte ist es, jeden zu töten, der dem Islam seine Zustimmung verweigert. So verlangt Boko Haram die Gründung eines islamischen Staates sowie die Ausreise der Christen aus dem überwiegend muslimischen Norden. Die Mitglieder von Boko Haram gehen in die Tausende. Die muslimische Sekte ist aus einer pazifistischen Bewegung hervorgegangen, die 2002 von dem Prediger und radikalen Islamisten Mohammed Yusuf in Maiduguri, der Hauptstadt des im Norden gelegenen Bundesstaates Borno, gegründet wurde. Sie bezeichnet sich als das Volk, das dazu verpflichtet ist, die Lehren des Propheten des Islam und des Dschihad zu verbreiten. Anfangs war Boko Haram eine Moschee mit einer Koranschule. Ihr Gründer war davon überzeugt, dass die westliche Erziehung unmoralisch sei. Seit etwa 2004 politisiert sich die Organisation und zieht nun junge Studenten an, die ein gestörtes Verhältnis zum Lernen an der Universität haben. Boko Haram okkupierte zeitweise den Ort Kannamma, was zu einer Massenauswanderung der Hälfte der Einwohner führte. Heute organisiert die Gruppe brutale Aktionen gegen die lokale Polizei im Nordosten Nigerias, wo sie Lager eingerichtet hat und Dorfbewohner angreift, die keinen reinen Islam praktizieren. Im August 2009 wurden 1 000 Mitglieder der Sekte getötet, darunter auch Mohammed Yusuf, der Gründer von Boko Haram. Sein Nachfolger ist Sanni Umaru. Nach diesem Angriff gegen Boko Haram waren zahlreiche Aktivisten in den Niger und den Tschad geflüchtet. Allerdings blieb die Sekte unauffällig und organisierte sich im Untergrund in Maiduguri neu.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es schwierig, tatsächliche Verbindungen zwischen Boko Haram und weiteren radikalen islamistischen Gruppen wie Al-Kaida im islamischen Maghreb oder der Shebab-Miliz in Somalia nachzuweisen. Einige Experten gehen von solchen Kooperationen aus, andere nicht. Der Staatspräsident Nigerias, Goodluck Jonathan, hält die ideologische Verbindung von Boko Haram mit dem globalen Terrorismus seit August 2011 für erwiesen. Er hat am 8. Januar erklärt, dass Boko Haram über Komplizen im gesamten Staatsapparat, vom Parlament über die Sicherheitskräfte und die Armee bis in die Justiz hinein verfüge. Davon abgesehen stellen die Machenschaften und Verstrickungen von Boko Haram ein bedeutendes Risiko für die Stabilität der gesamten Region dar. Wenn Boko Haram seine Aktivitäten verstärkt, könnte das zu einer gefährlichen Destabilisierung Nigerias führen, das die wichtigste wirtschaftliche und militärische Macht der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft CEDEAO (Communauté économique des États de l'Afrique de l'Ouest). Die Situation in Nigeria verlangt daher auch eine gemeinsame Vorgehensweise aller Länder dieser Region. Oft wird an ein afrikanisches Sprichwort in den Diskussionen erinnert: „Wenn die Hütte deines Nachbarn brennt, solltest du ihm schnell dabei helfen, den Brand zu löschen, denn es könnte sein, dass sich das Feuer auf deine eigene Hütte ausbreitet.“

Angesichts der Eskalation der Gewalt hat Präsident Jonathan in mehreren Zonen Nigerias den Ausnahmezustand verhängt und die Schließung der Grenzen zum Niger, nach Kamerun und dem Tschad verfügt. Der Präsident hat auch Gespräche mit den führenden Muslimen des Landes geführt, die versuchten, die Bevölkerung nach den Attentaten zu beruhigen. „Wir möchten allen Nigerianern versichern, dass es nicht den geringsten Konflikt zwischen Muslimen und Christen gibt, zwischen dem Islam und dem Christentum“, erklärten diese gemäßigten Muslime. Die CAN (Christian Association of Nigeria), der Dachverband der Christen in Nigeria, sieht dagegen weiter die Gefahr eines Bürgerkrieges. Um Boko Haram in den Griff zu bekommen, versucht Nigeria neuerdings auch, die Unterstützung Frankreichs und der Vereinigten Staaten zu erreichen.

Übersetzung aus dem Französischen von Katrin-Krips Schmidt.

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