Evangelikale auf dem Vormarsch

Sie sind kampagnenfähig, nehmen Regierungsposten ein und setzen Themen: Evangelikale in Lateinamerika. Der Einfluss der katholischen Kirche auf dem Kontinent nimmt hingegen ab. Von Marcela Vélez-Plickert
Supporters of presidential candidate Jair Bolsonaro pray during a demonstration after he was stabbed, in Rio de Janeiro
Foto: Reuters | Beten für den Sieg: Viele evangelikale Christen haben den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro in seinem Wahlkampf unterstützt.

Der Wahlsieg des Jair Messias Bolsonaro hat die wachsende Bedeutung der Evangelikalen deutlich gemacht. In den ersten zwei Wochen seit Amtsantritt als Präsident zeigte Bolsonaro, wer nun ideologisch die Geschicke des größten lateinamerikanischen Landes führt: die evangelikale Pfingstkirche, die ihn im Wahlkampf besonders unterstützt hatte. Als eine der ersten Handlungen hat die neue Regierung aus offiziellen Dokumenten die Hinweise auf „LGBT“-Gruppen (schwule, lesbische, bi- und transgender Menschen) gestrichen und sie verspricht, die Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen. Neuer Minister für Frauen, Familie und Menschenrechte ist ein evangelikaler Pastor, der als Gegner von Feminismus und Abtreibung bekannt ist. Niemand war überrascht, die Anführer der größten Pfingstler-Freikirchen des Landes bei Bolsonaros Amtseinführung direkt neben den Spitzen des Staates zu sehen.

Sie agieren als ein Block

In Brasilien ist die Verschiebung der religiösen Verhältnisse augenfällig. Anders als die katholischen Kirchen sind die oft riesigen „Tempel“ der Evangelikalen, die mehrere tausend Menschen fassen, an Sonntagen übervoll. Allein die „Igreja Batista Atitude“ (Baptisten-Kirche Haltung) in Rio de Janeiro, der Michelle Bolsonaro angehört, hat Platz für mehr als 8 000 Gläubige. Jair und Michelle Bolsonaro sah man vor der Wahl knieend auf der Bühne, Pastor Silas Malafaia bat im Beistand Gottes für die beiden, dahinter eine Mega-Videoleinwand mit Bilder von Wellen und Gischt; die Gläubigen jubelten. In Rio wurde 2017 auch der erste evangelikale Bürgermeister gewählt.

Zwar sind die Evangelikalen noch eine Minderheit im Lande, aber eine schnell wachsende. Laut dem letzten Zensus von 2010 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung seit 1980 von fünf auf 22 Prozent mehr als vervierfacht. Die katholische Mehrheit schrumpfte laut dem damaligen Zensus auf knapp zwei Drittel (64,6 Prozent), etwa 135 Millionen. Inzwischen sollen aber laut einer Umfrage von Datafohla schon rund 30 Prozent der Brasilianer den Evangelikalen angehören. Das brasilianische Nationale Institut für Statistiken prognostiziert, dass in etwa fünfzehn Jahren die Evangelikalen die Mehrheit im Land sein werden. In ganz Lateinamerika gibt es einen starken Trend hin zu den Evangelikalen. Nach einer Studie des Pew Research Center waren 1970 noch 92 Prozent der Lateinamerikaner Katholiken, inzwischen sollen es noch 69 Prozent sein. Der Anteil der Evangelikalen soll von vier auf 19 Prozent gestiegen sein. Die Pew-Studie, veröffentlicht 2016, zeigt auch, wie aktiv die Evangelikalen ihren Glauben leben: Sie gehen häufiger in den Gottesdienst, betreiben aktiv Mission und unterstützen zu 65 Prozent, dass die Religion eine Rolle im öffentlichen Leben spielen soll.

Das erklärt auch, warum die „evangelikale Fraktion“ im brasilianischen Kongress, obwohl nur eine Minderheit von 91 Abgeordneten von insgesamt 513 Parlamentariern, so einen Einfluss hat. Anders als die katholischen Abgeordneten agieren die Evangelikalen – auch wenn sie in verschiedenen Parteien sitzen – als ein Block, der gemeinsame Ziele verfolgt. Die evangelikale Agenda kann mit drei Hauptthemen beschrieben werden: die Ablehnung der Ehe für Homosexuelle, Nein zur Gender-Theorie und Nein zur Abtreibung.

Sie wollen die Politik christianisieren

„Evangelikale glauben, dass sie die Pflicht haben, die Politik zu christianisieren, in einem Kreuzzug für die Moral und gegen die Korruption“, sagt William Mauricio Beltrán, ein Soziologieprofessor von der Nationalen Universität von Kolumbien, im Gespräch mit der „Tagespost“. „Die Evangelikalen sehen sich als Standartenträger eines Moral-Projekts, das auch ein Echo bei konservativen Katholiken findet.“ Es gebe damit eine „konservative Ökumene“, in der sich verschiedene christliche Konfessionen mit ähnlicher Werte-Agenda zusammenfinden, die erfolgreich ihre politischen Kandidaten unterstützt und ihre politischen Themen setzt.

Wie der peruanische Soziologe und Autor José Luis Pérez Guadalupe in seinem Buch „Entre Dios y el César“ (Zwischen Gott und dem Kaiser) beschreibt, beteiligten sich Evangelikale erstmals in den dreißiger Jahren politisch in Lateinamerika. Ein erster Meilenstein war 1991 die Wahl des konservativen Evangelikalen Jorge Serrano in Guatemala. Andere Kandidaturen in Peru, Kolumbien und Venezuela waren aber erfolglos. Erst in jüngerer Zeit haben die Evangelikalen mehrere Wahltriumphe feiern können. 2016 wurde der baptistische TV-Komiker Jimmy Morales Präsident von Guatemala, seine Wahl wurde als Aufstand gegen die traditionellen Eliten verstanden. In Costa Rica lag im vergangenen Jahr der Pastor Fabricio Alvarado überraschend in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen vorne. In Mexiko gewann die Kampagne des Linkskandidaten Andrés Manuel López Brador erst dann richtig Schwung, als er sich mit dem evangelikalen Partido Encuentro Social (Soziale Begegnungs-Partei) zusammentat, der er im Gegenzug eine „moralische Verfassung“ versprach. In Chile haben die beiden rechten Kandidaten Sebastian Pinera und José Antonio Kast öffentlich um die Stimmen der Evangelikalen geworben.

Soziologieprofessor Beltran erklärt, dass die Evangelikalen sehr vielfältig sind. „Anders als die Katholiken haben diese Kirchen keine zentrale Führung, ihr Erfolg hängt vom Charisma der Pastoren ab. Der Pastor wird als Prophet gesehen und seine Worte werden nicht angezweifelt, das macht auch politische Aufrufe wirkungsvoller. Im Gegensatz dazu findet man solches Charisma und solche Überzeugungsgewalt heute selten bei katholischen Priestern“, sagt Beltran. Seit dem 19. Jahrhundert sind aus Nordamerika die verschiedensten Freikirchen nach Mittel- und Südamerika gekommen: Pfingstler, Neu-Pfingstler, Baptisten, Charismatiker und andere. Laut Pew-Studie sind aber mit zwei Drittel Anteil die Pfingstler die bei weitem größte Gruppe.

„Theologie des Wohlstandes“

Schon vor Bolsonaros Aufstieg waren sie in Brasilien ein Machtfaktor. Nachdem der Linke Luiz Inácio Lula da Silva dreimal vergeblich versucht hatte, zum Präsidenten gewählt zu werden, klappte es erst 2002, als der einflussreichste Evangelikale des Landes, Edir Macedo, ihn unterstützte. Der heute 73-jährige Macedo ist Gründer der „Igreja Universal do Reino de Deus“ (Universalkirche des Königreichs Gottes). Lulas politische Ziehtochter Dilma Rousseff änderte öffentlich ihre Position zur Abtreibung, um Macedos Unterstützung zu bekommen. Macedo, der in Sao Paulo einen „Tempel des Salomon“ mit Platz für 10 000 Leute gebaut hat und einen großen TV-Sender beherrscht, hat es zu einem geschätzten Vermögen von 1,1 Milliarden Dollar (laut Forbes) gebracht. Der ehemalige Katholik gründete in den siebziger Jahren seine eigene Kirche und predigt eine „Theologie des Wohlstands“: Die Menschen sollen materiellen Reichtum anstreben, denn das sei Gottes Wille.

Immer wieder gab es in verschiedenen Ländern gerichtliche Untersuchungen des Geschäftsgebarens und den dauernden Spendenaufrufen von Macedos Kirche, der Betrug und Untreue vorgeworfen wurde, doch verurteilt wurde der selbsternannte Bischof Macedo nie. In seinem Buch „Plano do Poder“ (Der Plan für die Macht) von 2008 kritisierte Macedo die christlichen Wähler für ihre Trägheit: Es sei eine „falsche Idee, das Gott alles machen wird, ohne dass wir einen Strohhalm krümmen müssen“. Stattdessen müsse man in die Politik gehen. Gott wolle, dass die Macht „in der Hand seines Volkes liegt“. Macedos „Macht-Plan“-Buch soll großen Einfluss auf Bolsonaro ausgeübt haben.

Kirche gilt als Verbündete der Eliten

Der Aufstieg der Evangelikalen fällt zusammen mit dem Abstieg der katholischen Kirche in Lateinamerika. Ihre Glaubwürdigkeit ist auch dort durch Missbrauchsskandale schwer beschädigt. Allein in Chile werden derzeit 139 Fälle von mutmaßlichem sexuellen Missbrauch durch Priester von der Justiz untersucht. Der Rückhalt in der Bevölkerung ist stark gesunken, nur noch 27 Prozent der Chilenen vertrauen laut einer Umfrage von Latinobarómetro der Kirche. Politisch abstinent ist die Kirche dabei nicht. In Venezuela hat sie sich deutlich auf die Seite der Opposition gestellt. In Mexiko, Chile und Nicaragua hat sie versucht, Initiativen zu fördern, die ihrer Werte-Agenda entsprechen, mit einem Nein zu „Homo-Ehen“, Geschlechtsumwandlungen und legalisierter Abtreibung. Doch anders als die Evangelikalen, die mehr die Geringverdiener ansprechen, wird die katholische Kirche als Verbündete von traditionellen Eliten angesehen, die in den Augen vieler als diskreditiert gelten.

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