Europas Gipfel im Blick

CSU-Vize und EVP-Chef Manfred Weber vor dem Sprung an die Spitze der EU-Kommission. Von Stephan Baier
Manfred WEBER, Jean-Claude JUNCKER - EC President
Foto: EP | Der CSU-Europapolitiker Manfred Weber (links) hat beste Chancen, Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsident nachzufolgen.

Von Manfred Weber würde wohl fast jeder einen Gebrauchtwagen kaufen. Einem wie ihm vertraut man gern. Der Niederbayer strahlt eine ruhige, nachdenkliche Sachlichkeit aus, stellt präzise Fragen, interessiert sich für seine Gesprächspartner, beschäftigt sich mit Themen bis ins Detail.

Ein Politiker, der Menschen und Sachfragen ernst nimmt, der nicht sagen muss, dass es ihm „um die Sache geht“, weil man genau das spürt. Kaum vorstellbar, dass ihm – wie manchem seiner Parteifreunde in der CSU – einmal die Sicherung durchbrennt oder er sich in der Hitze des politischen Gefechts derb im Ton vergreift.

Wenn Weber, ob im Europäischen Parlament oder beim Wahlkampfauftritt im heimatlichen Bierzelt, Klartext spricht, dann ist das intellektuell reflektiert, mit Beratern erwogen, politisch entschieden. Das mag damit zu tun haben, dass er Ingenieur der Physikalischen Technik ist und als junger Mann zwei Unternehmen im Bereich des Qualitätsmanagements und der Arbeitssicherheit aufbaute. Kein Tagträumer also, und auch kein reiner Berufspolitiker.

Gleichwohl zog er mit 30 Jahren in den Bayerischen Landtag ein. Und er hätte als Landesvorsitzender der Jungen Union Bayern (2003 bis 2007), später als Chef der starken CSU-Niederbayern (2008 bis 2016) wohl eine ordentliche Karriere auf Landes- oder Bundesebene geschafft, doch zog es ihn nach Europa. Als viele seiner schwarzen Parteifreunde noch die Nase über „die in Europa“ rümpften, hatte Manfred Weber erkannt, dass sich in Brüssel und Straßburg etwas bewegen lässt.

Weil zu Sachlichkeit und Handschlagqualität bei ihm der Fleiß kommt, stieg Weber im Europäischen Parlament rasch auf: 2004 wurde er Europaabgeordneter, 2009 Vizepräsident seiner christdemokratischen Fraktion, 2014 EVP-Fraktionschef. Seit 2015 ist er zudem stellvertretender Parteivorsitzender der CSU, in der bekanntlich nicht alle so europäisch ticken wie der weltgewandte Niederbayer.

Es ist aber auch ein bunter Haufen, den der CSU-Mann in Brüssel zusammenhalten muss, ideologisch wie in der Mentalität überaus heterogen. Und es sind viele Absprachen, die er treffen, sowie Verhandlungen, die er führen muss, damit das Europäische Parlament als Mitgesetzgeber der Europäischen Union wahrgenommen wird, und damit seine Christdemokratie ihre politischen Akzente setzen kann.

Als Europäer aus Überzeugung strebt er angesichts der Globalisierung und ihrer Schattenseiten nach europäischen Lösungen. „Das größte Defizit ist, dass wir in Europa zu wenig Führung haben, zu wenig Orientierung durch manche Spitzenkräfte in der Politik“, sagte Manfred Weber 2016 im Interview mit der „Tagespost“.

Da führte er bereits – sachlich und souverän – die größte Fraktion des Europäischen Parlaments, die christdemokratische EVP. Jetzt setzt Weber zum größten denkbaren Karrieresprung auf EU-Ebene an: Der bayerische Katholik hat beste Chancen, Jean-Claude Juncker als Präsident der EU-Kommission zu beerben. Der Franzose Michel Barnier, dem viele Christdemokraten den EU-Chefsessel auch zugetraut hätten, hat als Verhandlungsführer der EU-Kommission für den Brexit derzeit keine Hand frei für die eigene Lebensplanung.

In früheren Zeiten wäre der Aufstieg eines Parlamentariers an die Spitze der EU-Kommission undenkbar gewesen: Für den Top-Job in der EU-Administration kamen fast nur ehemalige Regierungschefs in Betracht. Immerhin waren es bislang die EU-Regierungschefs, die darüber befanden. Doch das Europäische Parlament hat mittlerweile die Spielregeln verändert, woran Weber – gemeinsam mit dem damaligen Parlamentspräsidenten Martin Schulz – kräftig mitwirkte: Die Europawahl soll, so will es nun das Straßburger Vielvölkerparlament, auch über die politische Führung der EU-Kommission entscheiden.

Wenn Manfred Weber die EU-weite Christdemokratie bei der Europawahl im Mai 2019 zum Erfolg führt, dann dürften sich die Regierungschefs der 27 EU-Staaten einigermaßen schwer tun, ihm den Job des Kommissionspräsidenten zu verwehren. Dann stünde erstmals ein Bayer an der Spitze des vereinten Europa.

Ein überzeugter katholischer Christ dazu: Einer, der ganz selbstverständlich sonntags zur Messe geht und „wir“ sagt, wenn er über die katholische Kirche spricht. „Das Leben im christlichen Glauben gibt mir Kontinuität und Stabilität“, bekennt Manfred Weber, der sich früher regelmäßig für eine Woche ins Kloster zurückzog.

Bis heute ist er Vorsitzender des Freundeskreises der niederbayerischen Benediktinerabtei Rohr.

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