„Europa ist politisch nicht gescheitert“

Aber das Schuldenmachen muss aufhören, sagt der Sozialethiker Professor Anton Rauscher SJ. Von Johannes Seibel
Foto: Archiv | (82) gilt als einer der maßgeblichen Köpfe der katholischen Soziallehre in der Bundesrepublik. Er lehrte bis 1996 Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Augsburg und war bis 2010 Direktor der Katholischen ...
Foto: Archiv | (82) gilt als einer der maßgeblichen Köpfe der katholischen Soziallehre in der Bundesrepublik. Er lehrte bis 1996 Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Augsburg und war bis 2010 Direktor der Katholischen ...
Herr Professor, ist mit der Krise des Euro und mit der sehr stark auf die Ökonomie konzentrierten Art und Weise, wie Europa mit dieser Krise umgeht, das politische Projekt Europa als Friedensprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg gescheitert?

Ich kann nicht sehen, dass es gescheitert ist, im Gegenteil: Ich glaube, dass die Reaktionen der einzelnen Regierungen, aber auch in Griechenland und vor allem auch auf den Märkten, doch davon ausgehen, dass diese schwere Finanzkrise, in der sicherlich Griechenland und einige andere Länder in Europa noch stecken, einigermaßen bewältigt werden kann, wenn alle zusammenhelfen.

Gleichwohl: Sie haben als junger Soldat noch den Zweiten Weltkrieg erfahren und erlebt, wie sich Europa selbst zerstört hat. Wie empfinden Sie es, wenn heute über das Ende des Euro, die Rückkehr zu nationalen Währungen oder verschiedene Geschwindigkeiten der Einigung gesprochen wird?

Zunächst muss ich sagen, wir hätten es – ich erinnere mich sehr gut an das Jahr 1945 – niemals für möglich gehalten, dass nach einer derartigen Verwüstung Europas und auch seiner christlichen Kulturbasis, hier ein solcher Aufstieg kommen würde. Das Problem scheint mir zu sein, dass nicht nur in Europa, sondern in der gesamten Welt die Schuldenproblematik nicht mehr erkannt wurde. Wir hatten ja 1923 die große Inflation, wir hatten nach dem Ende des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges 1948 die Währungsreform, wo sehr viel Vermögen vernichtet wurde, das heißt, einfach nicht mehr da war. Und jetzt gab es, auch von Seite der Wirtschaft her, die Möglichkeit, mit Europa etwas ganz neu anzufangen. Das war der Punkt. Dass man den Euro geschaffen hat, der ja erst sehr viel später kam, ist sicherlich Ausdruck dieser Zusammengehörigkeit. Entscheidend scheint mir jedoch zu sein, dass Europa entdeckt, wie wichtig die Wertgrundlagen, die das Christentum gelegt hat, überhaupt für die Lebenspraxis der Menschen hier und für das Miteinander der Nationen sind, die sich ja ansonsten in sehr vielem sehr stark unterscheiden.

Halten Sie demnach die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges 1945 begonnene Einigung Europas und den Frieden in Europa für gleichsam unumkehrbar, oder kann dieser Frieden wieder durch wirtschaftliche Krisen gefährdet werden?

Ich bin vorsichtig mit dem Umgang des Wortes „unumkehrbar“, weil wir schon viel erlebt haben. Aber ich glaube, wenn die Völker und die Regierungen sich wirklich anstrengen und in Zukunft darauf achten, nicht nur dass die Schulden nicht mehr weiter explodieren, sondern dass auch das Bewusstsein wächst, wie wichtig eigentlich die Zusammengehörigkeit ist, deren Grundstein der christliche Glaube ist, der in Europa unsere Kultur durchdrungen und geformt hat, dann meistern wir die Finanzmisere und die Schwierigkeiten, vor denen beispielsweise selbst die Vereinigten Staaten mit ihrer Schuldenkrise stehen. Wir müssen in Zukunft die Fähigkeit entwickeln, wirklich schon bei der Entstehung solcher Probleme die notwendige Geschlossenheit und auch Effizienz der Gegenmittel zu praktizieren.

Handelt für Sie eigentlich die derzeitige Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Krise vernünftig, oder könnte sie etwas besser machen?

Nach allem, wie man die Dinge beurteilen kann: Ich glaube, das, was am Donnerstag auf dem EU-Gipfel gemeinsam beschlossen wurde, ist vernünftig. Es wird davon abhängen, ob nicht nur die Regierungen, sondern auch die Völker bereit sind, diesen Weg zu gehen und das heißt, nicht dauernd neue Schulden auf die alten zu häufen.

Themen & Autoren

Kirche