Euro besteht ersten Stresstest

Griechische Staatsanleihen behaupten sich gegen Spekulanten

Nein, man wird nicht mit Sicherheit sagen dürfen, dass die Finanzkrise Griechenlands deswegen überstanden ist, weil der Markt die griechische Staatsanleihe von fünf Milliarden Euro soeben mit großem Appetit verschlungen hat; die Anleihe war sogar beträchtlich überzeichnet. Das ist freilich – für sich allein genommen – noch kein sicheres Indiz dafür, dass der Markt wieder ein hinreichendes Vertrauen in die Solidität der griechischen Haushaltslage gefasst hat. Viel wichtiger ist die Indikation, dass die Preise für die Risikoabsicherung der Anleihen – die sogenannten „Credit Default Swaps“ – in der letzten Woche von 400 Basispunkten auf 302 zurückgegangen ist. Das heißt: Für die Absicherung einer griechischen Anleihe in Höhe von einer Million Euro musste der Käufer – wenn er denn wollte – eine Ausfallprämie für die entsprechende Versicherung nicht mehr in Höhe von 40 000 Euro, sondern nur noch von 30 200 Euro zahlen. Das ist ein untrügliches Zeichen gegen den Triumph der Spekulanten. Denn diese „Credit Default Swaps“ sind ein Teufelszeug. Warren Buffett, der große Finanzmogul, bezeichnete sie schon vor Jahren als „Massenvernichtungswaffen“. Warum? Eigentlich ist die Absicherung des Ausfallrisikos gegenüber einer Staatsanleihe, weil eben der Staat als Emittent bankrott ist, eine sehr solide Sache. Es handelt sich insoweit um eine Art Lebensversicherung, weil der Gläubiger einer solchen Absicherung dann die entsprechende Versicherungsleistung erhält. Doch das große Problem ist: Diese Papiere werden außerbörslich auf einem unregulierten Markt gehandelt. Und sie werden als Derivate gehandelt, das heißt unabhängig von den zugrundeliegenden, zu sichernden Staatsanleihen (oder sonstigen Verbriefungen). Spekulation pur. Zockerei auf höchstem Niveau.

Genau dies ist auch geschehen. Viele Spekulanten wetteten in den vergangenen Monaten mit Hilfe dieser „Credit Default Swaps“ auf den Bankrott des griechischen Staates; sie redeten seine Bonität mit wachsender Bosheit schlecht, was dann eine Kette weiterer Gerüchte und Spekulationen im Rahmen einer selbst erfüllenden Prophezeiung auslösen kann. So befeuern derartige Gerüchte und die bewusst gestreuten schlechten Nachrichten den Preis für diese Papiere. Denn je höher das angebliche Risiko eines Kreditausfalls, desto höher ist natürlich auch der Preis für den Erwerb des Papiers. Dabei muss man wissen, dass der gesamte Markt an Derivaten – also der außerbörsliche Freiverkehrsmarkt einschließlich der „Credit Default Swaps“ – sage und schreibe ein Volumen von geschätzten 600 Billionen Dollar ausmacht. Zum Vergleich: Der gesamte Wert der an den Börsen gehandelten Papiere beträgt lediglich ein Zehntel. Realwirtschaft ade.

Wenn es denn richtig ist, dass die Krise der Jahrtausendwende die Unternehmen betraf und die Krise des Jahres 2008 auch die Banken, dann reden wir jetzt ganz zwingend davon, dass sich in dieses Duo potenzieller Konkurseure auch die Staaten einfinden. Der Hebel hierfür sind in erster Linie die Kombination von zwei Zahlen, zum einen die allenthalben wegen der Krise ausufernden Defizite der Haushalte und zum anderen die Arbeitslosenquote. Und da sind, wenn man die Signale zutreffend deutet, vor allem Spanien mit seiner Arbeitslosenquote von 20 Prozent und einem Staatsdefizit von zwölf Prozent und Großbritannien im Visier der Spekulanten. Zum Nachteil von London zählt vor allem die hohe Abhängigkeit der City vom Wohl und Wehe der internationalen Finanzmärkte; das zu ihrer Rettung ausgeworfene staatliche Sanierungspaket und vor allem die düstere Aussicht zählen hierzu, dass bei den bevorstehenden Unterhauswahlen keine klare parlamentarische Mehrheit zustande kommen wird. Das könnte möglicherweise in ernst zu nennende Weise die politisch-wirtschaftliche Handlungsfähigkeit Londons beeinträchtigen.

Hinzu kommt, dass London schon einmal im Jahr 1992 Opfer einer Spekulation eines gewissen Herrn Sorros geworden ist; angeblich hat ihm das Desaster des dann abgewerteten Pfundes einen exorbitanten Ertrag beschert (von zehn Milliarden Dollar ist die Rede). Und London kann das Pfund abwerten, denn es ist nicht Teil einer Währungsunion. Mehr noch: Gegenüber der auf einen Bankrott Athens spekulierenden Welt der Banken und der Hedge-Fonds hat sich Brüssel in letzter Minute massiv zur Wehr gesetzt und eine Untersuchung – und damit auch wohl letztlich: eine Regulierung – angemahnt. Ob London diesen Weg geht, ist noch ungewiss.

Die Spekulation agiert nach wie vor weltweit; und sie verkörpert eben die von der Realwirtschaft abgekoppelte Welt der derivativen Finanzprodukte, die ständig neu erfunden und denen verkauft werden, welche die Zusammenhänge nicht verstehen, aber am Gewinn in großer, ungebrochener Gier teilhaben wollen, ob das die Währungen, die Bonität der Staaten oder welches Finanzprodukt auch immer ist, vom Aktienkurs bis zu den Rohstoffen. Doch hinzu treten die Bemühungen Brüssels, das Rating von Staaten künftig selbst durch die Europäische Zentralbank zu erstellen, nicht aber nur den Benotungen einer der drei führenden Ratingagenturen blind zu vertrauen. Das ist ein Weg in die richtige Richtung.

Sicherlich, der erste Stresstest für den Euro ist jetzt überstanden. Der Markt hat die Signale aus Athen (und Brüssel) zum Nennwert genommen, auch wenn sich das Land selbst noch nicht ins Unvermeidliche geschickt und Kürzungen der Gehälter, der Bezüge und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer akzeptiert hat. Der Stachel der Ungerechtigkeit angesichts einer unvertretbar hohen Korruption bleibt; die Streiks und die Arbeitsverweigerungen sind hierfür Signal, das man im Übrigen auch in Spanien besichtigen kann. Doch die Haushaltsdefizite werden in den nächsten Monaten noch weitere Staatsanleihen notwendig machen, Milliarden und Abermilliarden zum Ablösen hoher fälliger Beträge, auf die die Gläubiger warten. Das wird der Stresstest sein. Doch Europa hat es geschafft, jedenfalls fürs erste. Auf der einen Seite die Peitsche für weitere Konsolidierungen der Haushalte, drastische Kürzungen der Ausgaben, Sparen vor allem auch gegenüber denen, die auf die Hilfe des Staates angewiesen sind, wie die Armen und die Kranken. Auf der anderen Seite aber haben Brüssel und auch die Regierungen in Paris und Berlin zu erkennen gegeben, dass man ein notleidendes Mitgliedsland nicht allein lassen, schon gar nicht dazu zwingen wird, eine staatliche Planinsolvenz zu probieren. Denn alle Euro-Länder sitzen da in einem Boot. Und das dem Markt und den Spekulanten in Solidarität und Solidität bewiesen zu haben, ist ein Hoffnungszeichen. Denn diese Stresslage für den Euro war die erste, aber bei weitem nicht die letzte. Aber sie zeigt beispielhaft, wie sich eine Staatengemeinschaft gegen die Zockerei behaupten kann.

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