Paris/Istanbul

Eure Werte sind nicht unsere Werte

Im Karikaturen-Streit hat Erdogan dem Westen die Wertegemeinschaft aufgekündigt: ein Signal nach Innen und an Europa.
Karikaturenstreit - Erdogan
Foto: Uncredited (AP) | Vor Parlamentariern seiner Regierungspartei AKP bezeichnete Erdogan das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ als obszön.

Ein Krieg der Worte tobt seit Tagen zwischen den Präsidenten Frankreichs und der Türkei, Emmanuel Macron und Recep Tayyip Erdogan. Und doch sind die Spannungen ernster, grundsätzlicher und auch folgenschwerer als es der Schlagabtausch auf den ersten Blick zu erkennen gibt.

Vordergründig geht es um die Mohammed-Karikaturen des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“, die ein Lehrer in Frankreich, Samuel Paty, seinen Schülern gezeigt hatte, um mit ihnen über Meinungsfreiheit zu diskutieren. Ein junger islamistischer Fanatiker ermordete und enthauptete Paty unmittelbar danach. Präsident Macron hielt bei der Trauerfeier eine Ansprache, in der er Frankreichs Bekenntnis zur Meinungsfreiheit verteidigte. Das wiederum veranlasste Erdogan zu der polemischen Bemerkung, Macron solle seinen Geisteszustand untersuchen lassen.

Dann setzte eine Eskalation ein: Paris rief seinen Botschafter aus Ankara zurück, EU-Außenbeauftragter Josep Borell rügte Erdogans Bemerkung als inakzeptabel. Der türkische Präsident seinerseits forderte seine Landsleute zum Boykott französischer Waren auf. Während in der EU immer mehr Staaten Sanktionen gegen die Türkei fordern und immer mehr Spitzenpolitiker öffentlich gegen Erdogan wettern, werden in der Türkei, aber auch in arabischen Staaten und in Pakistan Macron-Porträts mit Füßen getreten und verbrannt.

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„Charlie Hebdo“ heizte die Stimmung neuerlich mit einem Cover an, das man auch ohne jede Sympathie für Erdogan geschmacklos finden kann: Die Zeichnung zeigt Erdogan in Unterwäsche, das Hinterteil einer verschleierten Frau entblößend mit dem Ausruf „Ohh! Der Prophet!“ Der Kommunikationschef des türkischen Präsidenten, Fahrettin Altun, sprach von „kulturellem Rassismus“ und einer Frucht der „antimuslimischen Agenda des französischen Präsidenten“.
Erdogan selbst versicherte, er habe die Karikaturen nicht persönlich gesehen, doch sei es für ihn „eine Frage der Ehre“, sich gegen alle Angriffe auf den Propheten Mohammed zu stemmen. Unter den Führenden in Europa breite sich die Feindlichkeit gegenüber dem Islam und den Muslimen sowie Respektlosigkeit gegenüber Mohammed „wie ein Krebs“ aus. So emotional oder irrational solche Äußerungen auf westliche Beobachter wirken mögen, sie senden doch eine klare Botschaft. Sie lautet: Eure Werte sind nicht unsere Werte!

Unterstellt wird nämlich, dass das westliche, säkulare Europa keine Achtung vor den religiösen Gefühlen gläubiger Muslime habe, sondern eine Meinungsfreiheit absolut setze, die die Beleidigung von Religionen und die Verhöhnung von Gläubigen einschließt. Mehr noch: Erdogan unterstellt Frankreich – oder dem Westen allgemein – den Islam zu verachten und muslimische Gefühle vorsätzlich mit Füßen zu treten.

„Hört auf, uns zu verletzen!“

Mit dieser Sicht steht Präsident Erdogan keineswegs allein: Der Präsident des Iran, Hassan Ruhani, forderte vor wenigen Tagen angesichts des Streits um die Mohammed-Karikaturen vom Westen eine Achtung islamischer Werte und all dessen, „was 1,9 Milliarden Menschen heilig ist“. Länder wie Frankreich, die stets die Brüderlichkeit und Zivilisation hochhielten, sollten die Beleidigung anderer Kulturen nicht zulassen.

Ägyptens Präsident Abd al-Fattah al-Sisi, ein Gegner Erdogans, sieht in den französischen Karikaturen eine „Verachtung edler religiöser Werte“, wie er bei einer Feier in Kairo erklärte. „Hört auf, uns zu verletzen!“, appellierte er an den Westen. „Wenn Menschen das Recht haben, ihre Gedanken auszudrücken, sollte die Grenze meiner Meinung nach dort liegen, wo Gefühle von mehr als 1,5 Milliarden Menschen verletzt werden.“ In diesem Sinn forderte der Großimam der Al-Azhar in Kairo, Ahmet al-Tajib, von der internationalen Gemeinschaft eine Gesetzgebung, die die Diskriminierung von Muslimen unter Strafe stellt.

Das klingt rhetorisch moderater, spiegelt aber ebenso den in der islamischen Welt verbreiteten Eindruck, der Westen sei nicht bereit, die religiösen Gefühle von Muslimen zu achten und zu schützen. Gleichzeitig sind solche Äußerungen auch eine Botschaft an die eigenen Gesellschaften: ein Signal der Bereitschaft, islamische Werte und Emotionen gegenüber einer westlichen Gesellschafts- und Rechtsordnung zu verteidigen, die dafür wenig Sensibilität hat.

Erdogan beschimpft Macron und meint Atatürk

Im Fall Erdogans ist die innen- und gesellschaftspolitische Botschaft zugleich eine Abkehr vom Gründervater der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk. Die Parole jener türkischen Intellektuellen, auf deren Schultern Atatürk stand, lautete: Batiya dogru! – Richtung Westen. In der radikalen Abkehr vom islamisch-osmanischen Erbe und der Hinwendung zu den damals zeitgemäß scheinenden Idealen der Französischen Revolution sah Atatürk die Modernisierung der Türkei.

Darum zerschlug und verräumte er ab 1923 alles, was die osmanische Vergangenheit verkörperte: Sultanat und Kalifat, Scharia und islamische Gerichtshöfe, Brüderorden und islamische Bildungsanstalten, den muslimischen Freitag und den islamischen Kalender, den Fastenmonat Ramadan und die arabische Schrift. Im Nationalismus und ideologischen Laizismus der Französischen Revolution sah Atatürk den Schlüssel zur Europäisierung der Türkei. Die Kulturrevolution, die er damit auslöste, spaltet die türkische Gesellschaft bis heute.

Mit Erdogan bekam die religiöse Konterrevolution ein Gesicht: Seit 2003 baut er den Laizismus zurück, unterwarf die Generäle – die „Hüter des Kemalismus“ – der gewählten Exekutive, suchte die Aussöhnung mit der älteren Geschichte. Wenn Erdogan Frankreich und seine Werte offen attackiert, ist das eine Zeichenhandlung gegen die von Atatürk betriebene Unterwerfung der Türken unter die Ideale der Französischen Revolution. Erdogan beschimpft Macron, aber er meint Atatürk.

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Während man in Brüssel grübelt, wie man den längst zum Stillstand gelangten EU-Beitrittsprozess der Türkei beenden könnte, hat Ankara diesen längst aufgegeben. Ein Beitritt zur EU mit dem damit verbundenen Verlust an nationaler Souveränität und Anpassung an europäische Rechtsnormen ist für Erdogan keine Option mehr. Wer daran zweifelt, lese die Reden des türkischen Präsidenten. „Die Invasionspolitik Europas, die seit Jahrhunderten heimtückisch ist, hat sich in türkischen Ländern immer auf skrupelloseste Weise manifestiert“, sagte er in der Vorwoche in öffentlicher Rede.

In einer anderen beschrieb er sein Geschichtsbild: „Wir waren immer bei unseren Brüdern und Schwestern, die ihre Augen und Herzen auf uns gerichtet haben – in dieser Region vom Balkan bis zum Kaukasus, von Afrika bis Asien, und wir werden es weiterhin sein.“ Die Türkei habe nicht nur eine europäische und asiatische Seite, sondern auch „eine Seite, die sich bis nach Afrika erstreckt“. Das gilt freilich nur für das Osmanische Reich, nicht aber für die heutige Türkische Republik.

Solche Thesen des Präsidenten offenbaren sein Selbstverständnis als Führer einer Regionalmacht, die eine moralische Verantwortung und historische Rolle für einen weit jenseits ihrer Grenzen liegenden Raum beansprucht. Und damit die politische Vormundschaft, etwa für die Balkan-Muslime und für das „Brudervolk“ in Aserbaidschan. Die militärischen Abenteuer der Türkei in Libyen, Syrien wie im Kaukasus, der Anspruch Ankaras auf die Erdgasfelder im östlichen Mittelmeer und die Paten-Rolle Erdogans für die vermeintlich unterdrückten sunnitischen Massen in Nahost und Nordafrika entspringen diesem Selbstbild.

So sagte Erdogan am 20. Oktober in Ankara: „Wir werden nicht zulassen, dass der Irak zu einem Ort wird, an dem terroristische Organisationen wild werden. Wir haben unsere Brüder in Syrien nicht in den Klauen des grausamen Regimes und terroristischer Organisationen gelassen, und wir werden es nicht tun. In Libyen haben wir nicht zugestimmt, dass ein Putschist das Land außer Sichtweite bringt. Wir werden uns der rücksichtslosen Usurpation der Rechte unseres Landes und der türkischen Zyprioten im östlichen Mittelmeer nicht beugen. Wir unterstützen den Kampf Aserbaidschans mit ganzem Herzen und mit allen Mitteln.“

Wachsende Allianzen gegen Ankara

In allen diesen Schlachten ist die EU ein Kritiker Ankaras, und in allen steht Frankreich auf der entgegengesetzten Seite. Paris sieht sich im Kaukasus auf Seiten Armeniens, in Libyen auf Seiten Haftars, im östlichen Mittelmeer auf Seiten Zyperns und Griechenlands. Erdogan dagegen fördert im Kaukasus Aserbaidschan und in Libyen Sarradsch. Das Erdgas im östlichen Mittelmeer will er für die Türkei. Kein Wunder, dass sich in der EU die Allianz gegen Ankara immer mehr verfestigt.

Kein Wunder aber auch, dass Macron arabische Partner findet, denen Erdogans Großmachtspiele unheimlich sind. Die Türkei habe „imperialistische Neigungen in der Region“, warnte Macron die Araber auf Al Jazeera. Und bekam Applaus vom Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Anwar Gargash: Erdogan verbreite die Ideologie der Muslimbrüder und wolle das Osmanische Reich wiederherstellen, meinte dieser. „Wie der Iran betreibt er eine imperialistische Politik, und das ist eine der Hauptgefahren in der Region.“

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