EU will Migranten Europas Werte vermitteln

Vertreter von Christentum, Judentum und Islam beraten die EU-Kommission zu Fragen von Migration und Integration. Von Stephan Baier

Brüssel (DT) Über Migration, Integration und die europäischen Werte haben Vertreter der großen Religionsgemeinschaften am Dienstag in Brüssel mit der EU-Kommission beraten. Junckers Vize Frans Timmermans sprach nach dem Dialog mit den Religionsvertretern, der durch den Vertrag von Lissabon institutionalisiert ist, von einem „intensiven Meinungsaustausch zu aktuellen Herausforderungen“. Es sei darum gegangen, „wie wir Neuankömmlingen unsere Werte vermitteln können ohne Assimilierung“. Dazu habe man „Erfahrungen und Ideen ausgetauscht“. Es solle eine Plattform geschaffen werden, „damit die religiösen Führer sich noch intensiver austauschen können“. Angesichts der Migrationskrise, deren Ende nicht absehbar sei, gehe es darum, „Neuankömmlingen die Werte Europas zu vermitteln“, sagte Timmermans bei einer Pressekonferenz in Brüssel.

Der syrisch-orthodoxe Metropolit Polycarpus erinnerte daran, dass Christen, Muslime und Juden im Orient lange friedlich zusammenlebten. Heute gebe es jedoch neue Herausforderungen, etwa die „Diversität in der Region aufrechtzuerhalten“. Der Oberrabbiner der jüdischen Gemeinschaft in Wien, Arie Folger, bedauerte, dass die Leiden der Christen in Nahost nicht zu klareren Reaktionen der Politiker führten. Er hoffe aber, „dass wir jetzt alle aufwachen“.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, berichtete bei der Pressekonferenz in Brüssel von seiner Reise in den Irak: „Die Menschen brauchen materielle Unterstützung und die Sicherheit, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Das ökumenische Kirchennetz tut, was es kann, aber die Menschen brauchen noch mehr.“ Bedford-Strohm hob hervor, dass hunderttausende Menschen in den christlichen Gemeinden eine Willkommenskultur in Deutschland aufgebaut hätten. Das Motiv dafür sei gewesen, dass Gottesliebe nach christlicher Auffassung „untrennbar verbunden ist mit der Nächstenliebe“. Gleichwohl gebe es „in den europäischen Kirchen keine einheitliche Sicht der Flüchtlingspolitik“, so der EKD-Vertreter.

Imam Hassen Chalgoumi, ein früherer Vorsitzender der Konferenz der Imame in Frankreich, betonte, dass man „auch von muslimischer Seite auf die dschihadistischen Narrative“ reagiere: „Wir wollen zeigen, dass Pluralismus und Religionsfreiheit gelebt werden können. Die Umsetzung der universellen europäischen Werte bedeutet, dass man die Einheit in der Vielfalt berücksichtigt.“ Der in Marokko geborene und in Belgien lebende Oberrabbiner Albert Guigui warb für Differenzierung: „Man muss vermeiden, alles in einen Korb zu werfen, und unterscheiden zwischen Muslimen, die in Europa leben und sich integrieren wollen, und den Dschihadisten, die den Islam zu ihren eigenen Zwecken instrumentalisieren und missbrauchen.“

Imam Benjamin Idriz, der Direktor der islamischen Gemeinschaft in Penzberg, anerkannte in seiner Wortmeldung, „dass die christlich geprägten Menschen sich noch mehr für die Flüchtlinge eingesetzt haben als die Muslime“. Aus seiner Erfahrung in Deutschland stellte er die These auf, dass Menschen sich umso stärker für Integration einsetzen, je stärker sie mit der Kirche in Verbindung sind. „Je weniger kirchlich sie sind, desto offener sind sie für den Populismus.“ Europa sei stark durch gemeinsame Werte wie Toleranz und Pluralismus. Der Imam sprach sich für eine enge Zusammenarbeit mit christlichen Einrichtungen aus.

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