Berlin

Es war einmal die WerteUnion

Mit der Wahl von Max Otte zum Bundesvorsitzenden hat die WerteUnion die Anschlussfähigkeit an ihre Mutterpartei verloren.
Max Otte
Foto: Wolfgang Borrs (NDR) | Im Zuge seines Rücktritts vom Kuratoriumsvorsitz der Desiderius-Erasmus-Stiftung hatte Otte gefordert, der Höcke-Flügel müsse besser in die Partei integriert werden.

Die WerteUnion hat nach eignen Angaben rund 4.000 Mitglieder. Das ist nicht viel im Vergleich zu den offiziellen Parteivereinigungen der Union. Genau diesen offiziellen Status hat sie seit ihrer Gründung 2017 zwar immer angestrebt, aber nie erhalten. Trotzdem stand sie in der letzten Phase der Ära Merkel immer im Zentrum medialer Aufmerksamkeit. Ihr Vorsitzender Alexander Mitsch hatte es geschafft, die WU als Stimme der konservativen und wirtschaftsliberalen Basis zu verkaufen, die den Kurs der Kanzlerin ablehnt und eine Rückbesinnung auf die programmatischen Wurzeln der Partei fordert. Am Wochenende nun wurde der Nachfolger Mitschs, der nicht mehr angetreten war, gewählt: Max Otte, Unternehmer und Wirtschaftsprofessor, seit 30 Jahren CDU-Mitglied, bis Januar dieses Jahres aber auch Vorsitzender des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. 2017 hatte Otte erklärt, er werde der AfD bei der Bundestagswahl seine Stimme geben.

Glückwünsche vom AfD-Spitzenkandidaten

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Von AfD-Spitzenkandidat Tino Chrupalla erhielt er nun Glückwünsche: Im Zuge seines Rücktritts vom Kuratoriumsvorsitz hatte Otte gefordert, der Höcke-Flügel müsse besser in die Partei integriert werden. Vor diesem Hintergrund ist die Glückwunsch-Adresse Chrupallas zu werten: Es besteht die skurrile Situation, dass ein AfD-Spitzenkandidat in Form seiner Glückwünsche an den Vorsitzenden einer angeblich CDU-nahen Vereinigung im Machtkampf seiner eigenen Partei eine Spitze gegen den Meuthen-Flügel setzt. Allein dieser Vorgang unterstreicht: Mit der Otte-Wahl kann die WerteUnion ihr altes Narrativ, sie stünde für die Werte der Union der Vor-Merkel-Phase, nicht mehr glaubhaft verkaufen.

Otte selbst bekundete zwar gegenüber dem Deutschlandfunk, er stünde freilich nicht zu Merkel, aber sei "felsenfest und bombenfest" CDU-Mitglied. Auch in einem Interview mit dem Journalisten Martin Lohmann, der dem neugewählten WU-Bundesvorstand angehört und das Anfang der Woche bei YouTube veröffentlicht worden ist, betont Otte, er sehe die CDU als seine "geistige Heimat" an, aus der er sich nicht vertreiben lassen wolle. Dass er aber inhaltlich mit Grundbausteinen der CDU-DNA fremdelt, wurde im gleichen Gespräch auch deutlich. So äußerte Otte etwa Zweifel am Sinn der Nato. Die feste Verankerung der Bundesrepublik im westlichen Verteidigungsbündnis freilich gehört seit den Gründungsjahrzehnten der Bundesrepublik zum festen Markenkern der Partei. Die WU selbst steht seit der Wahl vor einer Spaltung.

Bayerischer Landesverband verlässt Tagungsort vor Abschluss

Der bayerische Landesverband, dessen Kandidatin für den Vorsitz, Juliane Ried, Otte unterlegen war, verließ vor Abschluss der Versammlung den Tagungsort.  Weitere WU-Landesverbände haben signalisiert, dieser Richtung zu folgen. Die Otte-Kritiker stören sich vor allem an dessen außenpolitischen Aussagen   Stichwort Nato   und seiner aus ihrer Sicht weiterhin ungeklärten Haltung gegenüber der AfD. CDU-Bundesvorsitzender Armin Laschet erklärte, wer Mitglied der WU sei, organisiere sich außerhalb der Partei. Bleibt die Frage, ob eine neue Plattform gegründet wird. Alle Blicke richten sich dabei auf Hans-Georg Maaßen, der durch seine Bundestagskandidatur quasi automatisch zu einer Leitfigur für dieses Lager geworden ist. Erstes Signal: Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident hat seine WU-Mitgliedschaft ruhen lassen. Dazu wie er die Entwicklung der WU bewerte, wollte er sich gegenüber dieser Zeitung nicht äußern.

Sylvia Pantel, CDU-Bundestagsabgeordnete und Co-Sprecherin des konservativen "Berliner Kreises", betonte, sie sei selbst nie WU-Mitglied gewesen, habe die Arbeit des alten WU-Chefs Mitsch sehr geschätzt, nun aber nach Gesprächen den Eindruck, dass die Gruppe ihre Attraktivität als Sammelpunkt deutlich verloren habe. Wichtigstes Ziel müsse nun sein, die Bundestagswahl gemeinsam zu gewinnen. Die Mitglieder der WU, so Pantel, seien sich hier gewiss ihrer Verantwortung bewusst.         

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