Es muss diskutiert werden

Die Sprachpolizei hat wieder zugeschlagen. Mit dem Anathema haben die Gesinnungswächter der „political correctness“ diesmal den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, belegt. Dieser hatte sich tatsächlich auf dünnes Eis begeben. Kann man die in Ostdeutschland höhere Zahl an Babytötungen auf die Abtreibungsmentalität zurückführen, wie sie sich in der DDR herausgebildet hatte?

Mitreden kann der Mann: Als Gynäkologe leitete er früher die Entbindungsstation eines ostdeutschen Krankenhauses. Und dann verfügt er wohl als Ministerpräsident über genügend Erfahrung, um sich zu einem der dunkelsten Kapitel der heutigen Zeit Gedanken zu machen: Wie man mit den Kleinsten der Kleinen umgeht, den geborenen wie den ungeborenen. Und schon fallen sie über Böhmer her – eine ernsthafte Diskussion soll erst gar nicht zustandekommen. In Italien geschieht das zurzeit mit Giuliano Ferrara, einem Journalisten, der ein Moratorium in Sachen Abtreibung propagiert. Er will weder Gesetze ändern noch Frauen kriminalisieren, sondern schlägt ein Innehalten vor, eine neue Nachdenklichkeit, was den Umgang mit dem kostbaren Leben angeht.

Aber kein Tag vergeht, an dem ihm nicht eine gereizte, bisweilen auch wütende Reaktion entgegenschlägt. Die Freigabe der Abtreibung innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate – und bei den Spätabtreibungen schauen viele einfach weg – gilt immer noch als Sieg der laizistischen Kultur über die Kräfte der Vergangenheit. Böhmer hat den Finger auf den Wandel der Mentalitäten gelegt, ohne „wissenschaftliche“ Beweise in der Hand zu haben. Aber reicht in einer der heute notwendigsten Debatten nicht auch der gesunde Menschenverstand? Denkverbote führen nicht weiter. gho

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