Bundeswehr

Es herrscht Angst vor der Rache der Taliban

Viele der Helfer der Bundeswehr in Afghanistan fühlen sich nach deren Abzug im Stich gelassen. Visa waren versprochen, wo eine Gefährdung vorliegt. Bei der Umsetzung hakt es.

Konflikte in Afghanistan
Soldaten halten in der Nähe der Front der einander gegenüberstehenden Taliban und der afghanischen Sicherheitskräften an einer Straße. Helfer der Bundeswehr fürchten sich von den Taliban und brauchen Hilfe, Foto: Nazim Qasmy (AP)

Wir lassen Euch nicht im Stich"   lautete das Versprechen der Bundesregierung an die afghanischen Helfer der Bundeswehr. Doch daran gibt es Zweifel: Die deutschen Soldatinnen und Soldaten sind zu Hause, die Afghanen noch im Land. Den so genannten Ortskräften, Afghanen, die für die Bundeswehr und andere deutsche Behörden gearbeitet haben, droht die Rache der Taliban.  Auch Mitarbeiter von politischen Stiftungen gelten als Ortskräfte. Mitarbeiter von Subunternehmen, NGOs oder Medienschaffende fallen in der Regel nicht darunter.

Hilfe versprochen

Die Regierung verspricht Hilfe. Da, wo es etwa wegen einer akuten Gefährdung einen dringenden Ausreisewunsch gebe, solle die Ausreise auch möglich werden, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Bislang wurden rund 2400 Visa für Ortskräfte und ihre engen Verwandten ausgestellt. Die Regierung will nach eigenen Angaben allen afghanischen Mitarbeitern von Bundeswehr und Polizei, die ab 2013 ein Visum für Deutschland angestrebt haben, dieses bewilligen.

Voraussetzung ist, dass die Ortskräfte schon einmal angezeigt haben, dass sie gefährdet sind. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sind bislang "einige Hundert" afghanische Ortskräfte nach Deutschland gekommen. In Sonderfällen sollen auch Afghanen, die nicht direkt für das Verteidigungsministerium gearbeitet haben, in Deutschland vorübergehenden Schutz für sich und ihre Familien bekommen. Doch dafür muss die individuelle Gefährdung der Antragssteller geprüft und nachgewiesen werden. Etliche der lokalen Helfer dürften hier durch das Raster fallen   auch weil ein solcher Nachweis etwa wegen fehlender Anlaufstellen in Afghanistan kaum erbracht werden kann.

Wissen nicht wohin

Viele der Ausreiseberechtigten wissen nicht, wohin und an wen sie sich in Afghanistan wenden sollen. Das Auswärtige Amt weist auf zwei Anlaufstellen für die Ortskräfte hin. In Kabul sei bereits eine eingerichtet, in Masar-i-Sharif solle ebenfalls eine eröffnet werden, dies ist aber bislang aus Sicherheitsgründen nicht geschehen. Die Ortskräfte aus der Region könnten sich aber per Telefon oder E-Mail an das Büro in Kabul richten, hieß es lapidar. Die Fahrt ins mehr als 400 Kilometer entfernte Kabul kann allerdings wegen des Vormarschs der Taliban lebensgefährlich sein. Ein Visum zu bekommen, ist aber nur eines der Probleme.

Denn den Flug nach Deutschland müssen die Afghanen selbst organisieren und selbst bezahlen   was für viele kaum möglich ist. Eine Übernahme der Flugkosten lehnt das Bundesinnenministerium indes ab. Zu Beginn der Corona-Pandemie holte die Bundesrepublik mehr als 55000 deutsche Touristen zurück in die Heimat. Für Freunde in der Not, die afghanischen Ortskräfte, gelten offensichtlich andere Kriterien. 

Schnelles Handeln nötig

Wenn die Bundesregierung den Vorwurf entkräften will, Deutschland lasse die Ortskräfte im Stich, muss sie dringend dafür sorgen, dass das weitere Vorgehen transparent wird und die Ausreise schnell möglich ist. Doch da gibt es ein Kompetenzgerangel. Am Vorgang, gefährdeten Ortskräften die Einreise nach Deutschland zu erlauben, sind das Innenministerium, das Auswärtige Amt und das Bundesverteidigungsministerium beteiligt.

Ganz unbürokratisch dagegen will das im brandenburgischen Eberswalde ansässige "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" den Menschen helfen, "die für uns und unsere Ziele ihr Leben riskiert haben". Vor allem wolle man die afghanischen Ortskräfte bei ihrem Start in Deutschland unterstützen, sagt Marcus Grotian, erster Vorsitzender des Netzwerks, gegenüber der "Tagespost". Der Verein sammelt bereits jetzt Spenden für die sichere Unterbringung sowie für den Flug der Betroffenen. Erfährt Grotian, der als Oberleutnant der Bundeswehr selbst in Afghanistan stationiert war, Unterstützung aus der Politik? Kaum Resonanz. "Läuft ja aber auch alles super, höre ich von der Regierung."

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