„Es gibt starke Tendenzen der Spaltung“

Bischof Carlos Stetter von San Ignacio de Velasco zum Verfassungsreferendum in Bolivien

Herr Bischof, wie sehr hat sich die Beziehung der katholischen Kirche zur bolivianischen Regierung seit dem Amtsantritt von Morales verändert?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die katholische Kirche ihre Beziehung zur Regierung oder zum Staat verändert hat. In der noch gültigen Verfassung heißt es: „Der Staat anerkennt und stützt die katholische Religion.“ Die gegenseitigen Beziehungen werden mittels Konkordaten und Vereinbarungen geregelt. Die gegenwärtige Verfassung anerkennt die Kirche als eine Institution des öffentlichen Rechts. In diesem Rahmen der Anerkennung, des Respekts und der Unabhängigkeit kooperiert die Kirche mit staatlichen und bürgerlichen Stellen in vielen Bereichen des sozialen und kulturellen Lebens, vor allem im schulischen Bereich, im Gesundheitswesen, in der Erwachsenenbildung.

Inwiefern wird sich die Stellung der Kirche verändern, wenn die geplante neue Verfassung durch das Referendum angenommen wird?

Der Entwurf der neuen Verfassung erkennt die Freiheit der Religionsausübung an und bewahrt sie – aber im Bereich der bürgerlichen Rechte, nicht bei den Grundrechten. Es ist offensichtlich, dass die katholische Kirche den Status einer „Einrichtung des Öffentlichen Rechts“ verliert und einem Sportverband oder Bürgerverein gleichgesetzt wird. Aber selbst ein laizistischer Staat wird die Kirche nicht ignorieren können, vor allem in den Bereichen des Gemeinwohls und des sozialen Engagements für ein menschenwürdiges Leben. Zwischen 30 und 40 Prozent aller sozialen Projekte werden von der Kirche getragen und finanziert. Kirche ist in Bolivien weniger Institution, sondern vor allem „Volk Gottes“ und wird in jedem politischen Umfeld das Evangelium Jesu Christi zu bezeugen wissen.

Hat die Regierung Morales die unterschiedlichen Ansichten innerhalb der Kirche verstärkt, oder sind sie dadurch lediglich öffentlicher geworden?

Die Regierung Morales wird getragen von der Regierungspartei „Movimiento al Socialismo“ (Bewegung zum Sozialismus, MAS) und von sogenannten „Movimientos Sociales“ (sozialen Aktionsgruppen), die meinen, der Sozialismus – sprich Staatskapitalismus – der neuen Regierung sei der Beginn des Paradieses. Es scheint Personen und Gruppen zu geben, die meinen, Evo Morales sei der neue Erlöser, und die katholische Kirche müsse sich dem neuen Heilsbringer zuwenden. Aus einer jahrhundertealten Erfahrung ist die Kirche äußerst vorsichtig und skeptisch, wenn solche „Heil“-Rufe auftauchen. Es gibt Anzeichen dafür, dass die gegenwärtige Regierung versucht, die Position der Kirche zu schwächen und eine „Iglesia Popular“, eine Art von linientreuer Kirche zu organisieren. Die Parallelen aus Nicaragua und Venezuela sind bestens bekannt.

Kommentatoren sprechen vom Virus der Kirchenspaltung. Besteht diese Gefahr?

Ich halte es nicht für angebracht, von Kirchenspaltung zu sprechen. Aber es gibt starke Tendenzen der Spaltung – auch in der Bevölkerung. Das zeigen etwa die jüngsten Wahlen oder die Autonomiebewegungen. Die Regierung Morales hat die Konfrontation zu einem Instrument ihrer Politik gemacht. Begriffe wie Konzertierung oder Dialog sind abgewirtschaftet worden. „Teile und herrsche“ war schon immer ein politisches Prinzip der Mächtigen. Die katholische Kirche ist eine Kirche, die stark im Volk verwurzelt ist – und darum nicht immun gegenüber Tendenzen der Teilung und Schwächung.

Früher war die Kirche in Bolivien ein anerkannter Vermittler bei Konflikten. Heute wird sie oftmals als Bremser gesehen. Wie groß ist der Einfluss der Kirche in der aktuellen Politik und in der Bevölkerung?

Die Bischofskonferenz hat in der Vergangenheit in vielen Konflikten des Landes zu einer Lösung beigetragen. Dabei will die Kirche nicht „Vermittlerin“ sein, sondern dazu beitragen, dass die verantwortlichen Gruppen eine Lösung der Probleme finden. Es ist und war immer ein Anliegen der Kirche, ihre Unabhängigkeit zu wahren und die Akteure auf ihre Verantwortung zum Wohl des Landes hinzuweisen. Die Kirche hat kein Interesse, Einfluss auf die aktuelle Politik zu nehmen. Sie ist weder politische Partei noch Interessengruppe noch Opposition. Kirche ist Wort Gottes in einer konkreten Situation, ist Gemeinschaft der Glaubenden.

Sollte die Kirche also neutral sein hinsichtlich der Probleme, die das Land betreffen?

Die Kirche muss parteipolitisch neutral sein. Ebenso klar ist, dass sie einen Auftrag hat, das Wort Gottes zu verkündigen. Die Gläubigen haben ein Anrecht auf Orientierung. Zentrale Fragen des Lebens und des Zusammenlebens erhalten wichtige Antworten aus der Bibel und aus der kirchlichen Lehre: Freiheit, Würde des Menschen, Würde der Person, Recht auf Leben, Schutz von Ehe und Familie, Recht und Gerechtigkeit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz und so weiter. Zu diesen Themen muss die Kirche klar Stellung beziehen.

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