Warschau/Posen

Erzbischof Gadecki: Ein diplomatisch kluger Steuermann der polnischen Kirche

Es ist derzeit in Polen keine leichte Aufgabe, eine Bischofskonferenz zu leiten und den Gläubigen ein emphatisch-souveräner Hirte zu sein. Doch genau dies gelingt Erzbischof Stanislaw Gadecki.
Erzbischof Stanislaw Gadecki
Foto: Imago Images | Während der Zeit der öffentlichen Attacken auf Johannes Paul II. im Zuge des McCarrick-Reports blieb Gadecki ruhig und sachlich.

Vieles bricht auf, vieles bricht ein – in Kirche, Gesellschaft und Politik. Auch in Polen, das lange wie ein katholisches Bollwerk wirkte, inzwischen aber auch den säkularen Geist atmet. Für ein Recht auf Abtreibung streikende Frauen gehören genauso zur Realität des Landes wie eine starke LGBT-Lobby. Gleichzeitig ist das Ansehen der Kirche in weiten Teilen der Bevölkerung durch Missbrauchsskandale diskreditiert.

Schon häufig mit Opfern getroffen

Lesen Sie auch:

Keine leichte Aufgabe, inmitten einer solchen Szenerie eine Bischofskonferenz zu leiten und den Gläubigen ein emphatisch-souveräner Hirte zu sein. Doch genau dies gelingt Erzbischof Stanislaw Gadecki, der das Amt des Vorsitzenden seit 2014 innehat. Gut zu beobachten in den vergangenen Wochen: Ohne sich vor den politischen Wagen der Regierungspartei PiS spannen zu lassen, lobte der 71-Jährige die Reform des Abtreibungsgesetzes, weil ihm das Recht auf Leben wichtig sei. Als aus dem Europäischen Parlament Kritik an dem Urteil aufflammte, hielt Gadecki dagegen: „In einer demokratischen Rechtsordnung darf es kein Recht geben, einen unschuldigen Menschen zu töten.“ Die Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE) unterstützt die Position Gadeckis ausdrücklich.

Während der Zeit der öffentlichen Attacken auf Johannes Paul II. im Zuge des McCarrick-Reports blieb Gadecki ruhig und sachlich. Der polnische Papst sei von McCarrick „zynisch getäuscht“ worden, bemerkte Gadecki, der Platz der Kirche sei bei den Opfern des Missbrauchs. Dass er sich schon häufig mit Opfern getroffen hat, erwähnte der Bibelexperte und Bischof von Posen, der sehr gut Deutsch spricht, nicht. Show-Effekte entsprechen nicht seinem Temperament, was ihn mit dem unvergesslichen und ab Mai 2021 wohl seligen Stefan Kardinal Wyszynski verbindet, der ihn im Jahr 1973 zum Priester weihte.

Von Polemiken bislang verschont

Ist das der Grund, wieso Gadecki von Polemiken bisher nahezu verschont blieb? Diplomatisch klug steuert Gadecki die Kirche, ohne sich in Beliebigkeit zu verzetteln. Als er vor fünf Jahren Flüchtlingen in seiner Diözese eine Unterkunft anbot, war dies vom Evangelium inspiriert. Als er sich in diesem Jahr ausdrücklich nicht an einer Anti-LGBT-Initiative beteiligte, stand wieder Jesus Pate. Wobei Gadecki ausdrücklich zwischen Person und Praxis zu unterscheiden versteht. Auch wenn er über die ideologischen Motive der demonstrierenden Frauen spricht. Bei soviel Führungsqualitäten kann man sich fragen, wieso Gadecki nicht längst in den Rang eines Kardinals erhoben wurde. Die Weltkirche braucht Persönlichkeiten wie ihn. Gerade jetzt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Stefan Meetschen Bischofskonferenzen Erzbischöfe Gläubige

Kirche