Erzählen statt belehren

Es fehlt an Reportern wie Peter Scholl-Latour, der morgen 90 Jahre alt wird. Von Jürgen Liminski
Foto: dpa | Mit fast neunzig noch aktiv: Peter Scholl-Latour in seinem Arbeitszimmer in Berlin.
Foto: dpa | Mit fast neunzig noch aktiv: Peter Scholl-Latour in seinem Arbeitszimmer in Berlin.

Die geopolitische Sicht ist in Deutschland verpönt. Es fehlt auch an Publizisten, die stets die Welt im Blick haben. Einer, der das meisterhaft beherrscht, ist Peter Scholl-Latour. Er hat jahrzehntelang in Bild und Ton aus aller Welt berichtet, ein Kosmopolit, ein Connaisseur aus eigener Anschauung, ein Gelehrter aus Erfahrung. Recherche bedeutete für ihn immer Begegnung mit Menschen, lange Gespräche und Teilnahme an deren Lebens- und Wirkungsstätten. Sein Ansatz, ist die Mentalität der Menschen zu erkennen und in geopolitische Umstände einzuordnen. So hat er Wissen über den Tag hinaus verdichtet und Denkern wie Schopenhauer widersprochen, die meinten, Journalisten seien nur Tagelöhner des Geistes.

Vielleicht braucht man dafür so eine Biographie wie Scholl-Latour. Denn seine französisch geprägte Herkunft – der Vater in Lothringen aufgewachsen, die Mutter aus dem Elsass, er selbst Fallschirmjäger bei einer französischen Einheit in Indochina – kultivierte er mit einem Studium an der Sorbonne, wo er auch 1954 promovierte, nachdem er bereits ein Diplom am Institut National des Sciences Politiques erworben hatte. Vielleicht ist es diese Prägung französischer Weltläufigkeit, die ihn über den kleinen Tellerrand deutscher Sorgen hinausblicken und zum Beispiel die Klimaschutzdiskussion als „Modethema“ bezeichnen lässt. Auf jeden Fall ist er kein Freund politischer Korrektheiten. In einem seiner Bücher (Lügen im Heiligen Land) gibt PS-L (so zeichnet er selbst) im Vorwort einiges von seinem Denken preis, wenn er schreibt: „Dieses ist ein kontroverses Buch und der Autor ist sich dessen voll bewusst. Um eine Enthüllungs-Story handelt es sich nicht, wohl aber um die Darstellung der Ereignisse im Nahen Osten, die den üblichen Schablonen der ,political correctness‘ den Rücken kehrt und sich über manches Tabu hinwegsetzt. Am sogenannten investigativen Journalismus war mir nie gelegen, und noch weniger will ich mich in jene Kategorie von Rechercheuren einreihen, die die Franzosen mit dem drastischen Ausdruck ,les fouille-merde‘ bezeichnen.“

Das ist PS-L pur. So tritt er auf in Talkshows und schockiert Mitdiskutanten mit tabufreien Urteilen, gelegentlich auch mit persönlichen Zurechtweisungen. Natürlich haben Neider und ideologisch Verärgerte versucht, die Institution PS-L zu schleifen, vorzugsweise mit angeblich wissenschaftlichen Methoden. Aber wie will man journalistische Qualität messen? Zurück bleibt, dass die einen ein blasses, korrektes Nahost-Lexikon mit dem Vorwort eines palästinensischen Lobbyisten herausgeben und PS-L lebenspralle Bücher schreibt mit Titeln wie: „Machtproben zwischen Euphrat und Nil“, „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“, oder auch „Den Gottlosen die Hölle – Der Islam im zerfallenden Sowjetreich“. Und natürlich „Russland im Zangengriff“ oder „Eine Welt in Auflösung – vor den Trümmern der neuen Friedensordnung“. Zur Empörung, mit der westliche Politiker auf die Ereignisse in der Ukraine reagieren, sagt er schlicht: „Völlig überzogen, unrealistisch und von Voreingenommenheit gegenüber Russland geprägt. Vergessen wir nicht: Weder die derzeitige Kiewer Regierung noch der Präsident sind legitimiert. Auch ich halte wenig von dem gestürzten Präsidenten Janukowitsch. Der rechtmäßige Präsident der Ukraine ist er dennoch. Und was die Amerikaner anbelangt: Sie sollten nicht zu laut tönen. Sie haben schon dreimal rote Linien gezogen und nicht eingehalten.“ Und bei der Krim gelte es zu bedenken, „dass die Schenkung der Halbinsel Krim durch den damaligen Kremlchef Nikita Chruschtschow im Jahr 1954 an die Ukraine ebenfalls den Normen des Völkerrechts nicht entsprochen hat“.

Man kann sich an PS-L reiben. Mit seinen Argumenten muss man sich auseinandersetzen. Sein Blick auf die Weltmacht USA bleibt kritisch, vor allem wenn es um den Nahen Osten geht. Ebenfalls kritisch aber verständnisvoll der Blick auf Russland. Die Entwicklung der geopolitischen Machtverhältnisse bestätigt seine Einschätzungen und bei allem bleibt er sich und seiner Methode treu. Er definiert sie selbst mit einem Wort von Michel Montaigne, dem Erfinder des Begriffs ,öffentliche Meinung‘: „Ich belehre nicht, ich erzähle.“ Morgen wird die Reporterlegende 90 Jahre alt. Jüngere Kollegen von diesem Schlag gibt es nicht.

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