Istanbul

Erdogan wird zu Mehmets Erbe am Bosporus 

In der Hagia Sophia wurde Atatürks Doktrin zu Grabe getragen. Erdogans Türkei wird hier sichtbar.

Die Hagia Sophia öffnet als Moschee
Ein Bruch mit der laizistischen Tradition der Türkei: Im Stil osmanischer Sultane eröffnete Erdogan selbst das Freitagsgebet mit einer Koranrezitation. Foto: Uncredited (Turkish Presidency)

Die internationalen Proteste durften Subalterne parieren, der Sprecher des Präsidenten oder der des Außenministeriums. Der Sultan selbst hatte in diesen Tagen Wichtigeres zu tun. Gemeinsam mit seiner Frau Emine (wie immer mit Kopftuch) inspizierte Recep Tayyip Erdogan am Vortag die Hagia Sophia, kontrollierte die Vorbereitungen, posierte mit Gattin vor dem neuen Schild mit der Aufschrift „Groß-Moschee Hagia Sophia“ (Ayasofya-i Kebir Cami-i ?erifi). 

Am Freitag schließlich, nachdem sich Zehntausende mit ihren Gebetsteppichen rund um den mächtigen Sakralbau postiert hatten und einer der drei frisch ernannten Imame drinnen stundenlang aus dem Koran rezitiert hatte, erfüllte sich Erdogans Jugendtraum. Er, der Sohn eines kleinen Küstenschiffers aus dem Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa, betrat als Staatspräsident die Hagia Sophia, flankiert von den Mächtigen seines Reiches: von Ministern, Mitarbeitern und dem Koalitionspartner – um der Rückumwandlung der Hagia Sophia zur Moschee beizuwohnen. 

Erdogan in der ersten Reihe

Ach nein, nicht um beizuwohnen! Erdogan war nicht in die Politik gegangen, um dabei zu sein, sondern um zu führen und zu formen. Er, den die damals laizistische Justiz der Türkei zu einer Haftstrafe verurteilt und mit Politikverbot belegt hatte, der seine Macht unter Putsch-Drohungen und einem Putschversuch kemalistischer Generäle immer weiter ausgebaut hat, kniete am Freitag in der ersten Reihe. Tief konzentriert stimmte er selbst als Vorbeter die Eröffnungssure des Freitagsgebets, die Al-Fatiha  an: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes, Lob sei Gott, dem Herrn der Welten, dem Barmherzigen und Gnädigen, der am Tag des Gerichts regiert...“. 

Unüberbietbar war diese Zeichenhandlung: Auf den Tag genau 97 Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Lausanne, der Gründungsurkunde der modernen Türkischen Republik, zog Erdogan einen Schlussstrich unter Atatürks laizistische Staatsdoktrin. Der Kulturrevolution, mit der Mustafa Kemal Atatürk seine Republik am radikalen Laizismus der Französischen Revolution neu ausrichten wollte, setzt Erdogan seine Konterrevolution entgegen. Am vergangenen Freitag, exakt drei Jahre vor dem hundertjährigen Bestehen der Türkischen Republik wurde Atatürks Staatsdoktrin, der Kemalismus, in Istanbul zu Grabe getragen. 

Seele der Stadt Kaiser Konstantins

Die Hagia Sophia, die Seele der Stadt Kaiser Konstantins, rund ein Jahrtausend lang das pulsierende Herz der östlichen Christenheit, die Basilika der Nachfolger des Apostels Andreas, die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser: Zweimal wurde sie zur Moschee gemacht, nämlich am 29. Mai 1453 durch Sultan Mehmet II., genannt „der Eroberer“, und nun am 24. Juli 2020 – 567 Jahre später – durch Präsident Erdogan. Zuletzt war sie 86 Jahre lang ein Museum, mit einem Dekret, das die Unterschrift Atatürks trägt. 

Doch Atatürks Unterschrift zählt nicht mehr in der Türkei Erdogans. Ebenso wenig wie seine Prinzipien und Ziele. Die Inbesitznahme der Hagia Sophia am 24. Juli 2020 geht nicht allein als schwer überbietbarer Affront gegen die weltweite Orthodoxie in die Geschichtsbücher ein. Das Datum besiegelt auch eine Neuausrichtung der Türkei, die in der einst von Mehmet II. eroberten Patriarchalbasilika von Byzanz im Stil einer nationalistischen Staatsliturgie zelebriert wurde. 

 Erdogan betet am Sarg des osmanischen Eroberers 

 Da stieg der Präsident des staatlichen Religionsamtes Diyanet und oberste Imam der Republik, Ali Erbas, mit einem Schwert in der Linken auf den Minbar der Hagia Sophia, um die Großtaten Sultan Mehmets zu preisen, der „Istanbul mit der Erlaubnis und Gnade Gottes“ erobert habe. Die „Schwerttradition“ (kiliç gelenegi) erinnert an die gewaltsame Eroberung Konstantinopels, und auch an die Verwendung des Schwertes bei der Thronbesteigungs-Zeremonie der osmanischen Sultane. 

Eine „tiefe Herzwunde geht zu Ende“, sagte Erbas, eine „Sehnsucht unserer Nation“ werde erfüllt. Die Öffnung der Hagia Sophia für den Gottesdienst zeige die „Entschlossenheit, eine solide Zukunft mit der spirituellen Kraft aufzubauen“, so der Chef jenes Amtes, das in Atatürks Konzept der Verstaatlichung und Kontrolle des Islam dienen sollte. Nun hat das Diyanet drei Imame und fünf Muezzine für die Hagia Sophia ernannt, gerade als solle eine Überdosis die 86-jährige Profanierung des Baus wettmachen, den Muslime als frühere Reichsmoschee der Osmanen verehren. 

Nach dem Freitagsgebet stattete der Präsident dem Sarg des Eroberer-Sultans einen Besuch ab, um dort demonstrativ zu beten. Die prachtvollen byzantinischen Mosaike waren verhängt, der Fußboden mit Teppichen ausgelegt – nur jene Stelle, auf der einst die byzantinischen Kaiser gekrönt wurden, ließ man frei. Genau vor dieser Stelle, dem Omphalion, ließ sich Erdogan mit seiner Frau fotografieren. Großzügig, wie es Alleinherrscher in den Stunden ihres Triumphes zu sein pflegen, verlängerte Erdogan am Vorabend der Besitzergreifung der Hagia Sophia die Amnestie für zehntausende Häftlinge; ausgenommen waren freilich politische Gefangene. 

Nicht mehr in der Tradition Atatürks

Gibt es noch einen Zweifel, dass sich der Präsident der Türkei nicht länger in der Tradition Atatürks, sondern als Erbe der osmanischen Sultane sieht? Sein Umgang mit der Kritik aus dem Ausland sollte die letzten Zweifel ausräumen: Alle Bitten, Mahnungen, Aufrufe und Trauerreden der orthodoxen Kirchen weltweit ignorierte die Türkei weithin, obgleich es um die ehrwürdigste Kirche der weltweiten Orthodoxie geht; und obgleich der Erste unter den orthodoxen Hierarchen, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, im Istanbuler Stadtteil Fener residiert. 

Aggressiv parierte das türkische Außenministerium die Kritik aus Griechenland. Die griechische Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou erinnerte daran, dass die Umwandlung der Hagia Sophia nicht nur alle Christen beleidige, sondern die gesamte zivilisierte Welt. „Die Türkei entfernt sich von den Prinzipien des säkularen Staates und den Werten der Toleranz wie des religiösen Pluralismus.“ Griechenlands Regierungschef Kyriakos Mitsotakis sagte, die Hagia Sophia werde immer in den Herzen der orthodoxen Christen bleiben. 

Ein Sprecher des türkischen Außenamtes wetterte daraufhin über die „griechische Feindseligkeit gegen den Islam und die Türkei“. Griechenland solle aus seinem seit 567 Jahren andauernden byzantinischen Traum endlich aufwachen. 

Stein gewordener christlicher Glaube 

Der Fraktionschef der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Manfred Weber, rief ins Bewusstsein, dass es nicht um einen griechisch-türkischen Konflikt gehe, sondern um die Beziehung zwischen Europa und der Türkei. Auch die US-Administration appellierte mehrfach an Ankara. 

Zuletzt empfing US-Vizepräsident Mike Pence den griechisch-orthodoxen Erzbischof von Amerika, Elpidophoros Lambriniadis, im Weißen Haus. Als Präsident Donald Trump davon Wind bekam, rief er den Vertreter von Patriarch Bartholomaios in den USA spontan zu sich und kritisierte selbst die Umwandlung der Hagia Sophia. 

Proteste interessieren den Sultan nicht

Doch alle Proteste aus Athen, Brüssel und Washington interessieren den Sultan nicht mehr. Er sieht sein Reich nicht als Teil von etwas – etwa Europas und des Westens –, sondern als ein Zentrum mit Einflusssphären: Darum hat die Türkei (in osmanischer Tradition) heute militärische Operationen in Syrien, im Irak, in Libyen und – wegen der umstrittenen Erdgasvorkommen – im östlichen Mittelmeer. 

Für die orthodoxe Christenheit bleibt die Hagia Sophia, wie der orthodoxe Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis formulierte, „Stein gewordener christlicher Glaube“. In die Weltgeschichte ging sie ein als Tempel der Weisheit Gottes, als Symbol der religionspolitischen Wende Roms, als Seele des Reiches von Byzanz, aber auch als Sinnbild der osmanischen Eroberung Konstantinopels. Und nun als Siegel jener Konterrevolution, mit der Erdogan die Kulturrevolution Atatürks beendet und gewendet hat. 

 

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