Istanbul

Erdogan erntet weltweiten Protest

Die Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee erzürnt die Orthodoxie, macht den Papst traurig und enttäuscht den Westen.
Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee erzürnt die Orthodoxie
Foto: Osman Orsal (XinHua) | Blick auf die Hagia Sophia. Rund 90 Jahre nach der Umwandlung des Istanbuler Wahrzeichens Hagia Sophia in ein Museum durch Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk wird das Gebäude wieder eine Moschee.

Mit der Umwandlung der Hagia Sophia von Istanbul zu einer Moschee haben das türkische Verwaltungsgericht und Präsident Erdogan ein Zeichen gesetzt, das weltweit mit Enttäuschung und Empörung aufgenommen wird. Nun soll bereits am 24. Juli in der einst größten und prächtigsten Kirche der Christenheit, die 1453 durch Sultan Mehmet II. schon einmal zur Moschee gemacht worden war, neuerlich der Moscheebetrieb aufgenommen werden. Ab 1934 war die frühere Krönungskirche der byzantinischen Kaiser ein Museum.

Heftig reagierten die orthodoxen Kirchen auf die Umwandlung

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Heftig reagierten die orthodoxen Kirchen auf die Umwandlung. Der russische Patriarch Kyrill warnte vor der Entscheidung des Verwaltungsgerichts: "Eine Bedrohung der Hagia Sophia ist eine Bedrohung für die gesamte christliche Zivilisation, für unsere Spiritualität und Geschichte." Der griechisch-orthodoxe Andreas-Orden sprach von einer wenig weisen Entscheidung, die einen Schatten auf die Selbstverpflichtung der Türkei zu religiöser Toleranz und Religionsfreiheit werfe. Ähnlich äußerten sich orthodoxe Kirchen von Albanien bis Georgien. Trotz interner Differenzen und Spannungen sehen die meisten orthodoxen Kirchen der Welt die einstige Patriarchalbasilika des Nachfolgers des Apostels Andreas als Teil ihrer eigenen spirituellen Geschichte.

Die katholischen Bischöfe in der Türkei verwiesen Nachsicht heischend um Verständnis dafür, dass sie als "Kirche ohne rechtlichen Status" keine Möglichkeit hätten, "Ratschläge zu den inneren Angelegenheiten dieses Landes" zu erteilen. Sie seien "nicht in der Lage, einzugreifen oder unsere Meinung zu einer Entscheidung zu äußern, die nur die Türkische Republik betrifft". Deutlicher wurden die katholischen Bischöfe Griechenlands, die an Erdogan appellierten, "die religiösen Gefühle von zwei Milliarden Christen auf der ganzen Welt" nicht zu verletzen und keine Entfremdung zwischen den monotheistischen Religionen zu provozieren. Griechenlands Orthodoxie - sonst wenig ökumenisch gesinnt - lobte diesen Appell der katholischen Minderheit, kritisierte jedoch den Papst wegen seines Schweigens.

"Ich denke an die Hagia Sophia, und es schmerzt mich sehr"
Papst Franziskus

Ihr Sprachrohr "Orthodox Times" schrieb, dass der sonst so "redselige und stets sensible Bischof von Rom" schweige. Dies erinnere an 1453, "als trotz der Hilferufe aus Byzanz keine Armee aus dem Westen zu Hilfe gekommen ist, als Mehmet II. schließlich Konstantinopel eroberte und die Hagia Sophia in eine Moschee umwandelte". 567 Jahre später wiederhole sich die Geschichte. Tatsächlich hat sich Papst Franziskus am vergangenen Sonntag erstmals öffentlich zum Streit um die Hagia Sophia geäußert. Beim Angelus sagte er: "Ich denke an die Hagia Sophia, und es schmerzt mich sehr." Zwar hätten weder diplomatische Aktionen noch öffentliche Appelle des Papstes an Ankara mehr Wirkung entfaltet als die Interventionen aus Washington, Brüssel und Moskau, doch fühlen sich Teile der Orthodoxie angesichts der römischen Zurückhaltung jetzt erneut im Stich gelassen und vergessen.

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Kritik an Erdogans Entscheidung kam von der UNESCO, die auf den Status der Hagia Sophia als "anerkanntes Denkmal des Weltkulturerbes" verwies, von der Europäischen Union und aus der US-Regierung. Der Kreml erklärte öffentlich, es handle sich um eine innere Angelegenheit der Türkei, doch telefonierte Präsident Wladimir Putin mit seinem türkischen Amtskollegen zur Hagia Sophia. Dabei soll Putin darauf hingewiesen haben, welche Auswirkungen die Entscheidung auf die öffentliche Meinung in Russland habe.

Erdogan will allen Besuchern weiter Zugang garantieren

Erdogan versicherte mehrfach, der Zugang zur Hagia Sophia sei weiter für alle Besucher garantiert und die christlichen Kunstwerke würden bewahrt. Beides gilt ab 24. Juli jedoch nur außerhalb der muslimischen Gebetszeiten: Die staatliche Religionsbehörde Diyanet hat bereits angeordnet, dass die Hagia Sophia während der islamischen Gebete für Besucher geschlossen wird; die christlichen Mosaike sollen in dieser Zeit abgedunkelt werden.

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