Ankara

Erdogan bricht ein Tabu

Der türkische Präsident Erdogan kondoliert den Armeniern, auch wenn er den Genozid nicht beim Namen nennt.

Erdogan und der armenische Völkermord
„Wir werden nie zulassen, dass irgendein Bürger aufgrund seines Glaubens und seiner Identität an den Rand gedrängt und anders behandelt wird", so Erdogan in seinem Kondolenzschreiben. Foto: - (XinHua)

Erneut hat Recep Tayyip Erdogan den Nachfahren der 1915 zu Tode gekommenen Armenier kondoliert. Zum Jahrestag der Tragödie, die am 24. April 1915 begann, schrieb der türkische Staatspräsident an den neuen Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche in Istanbul, Sahak II.: „Ich erinnere respektvoll an die osmanischen Armenier, die unter den harten Bedingungen des Ersten Weltkriegs, die den Völkern der Welt großes Leid bereiteten, ihr Leben verloren haben, und spreche ihren Enkeln mein aufrichtiges Beileid aus.“ Er wünsche „allen osmanischen Bürgern, die in dieser schmerzhaften Zeit gestorben sind, Gottes Barmherzigkeit“.

Schon 2014 gedachte Erdogan des "unmenschlichen" Vorgehens

Zugleich würdigte Präsident Erdogan die religiöse und nationale Identität der bis zu 100.000 in der Türkei lebenden Armenier: „Wir werden nie zulassen, dass irgendein Bürger aufgrund seines Glaubens und seiner Identität an den Rand gedrängt und anders behandelt wird.“ Der Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten 1915/16 war in der Türkischen Republik ein strenges Tabu. Es war Erdogan, der es im Frühjahr 2014 – noch als Ministerpräsident – brach: Als erster türkischer Politiker gedachte er des „unmenschlichen“ Vorgehens gegen die Armenier und kondolierte deren Enkeln: Es sei eine „menschliche Pflicht“, an diese Schmerzen zu erinnern. Der damalige Patriarchalvikar der Armenisch-Apostolischen Kirche in der Türkei, Erzbischof Aram Atesyan, begrüßte diese Beileidsbekundung. In Armenien und in der armenischen Diaspora dagegen gab es Kritik, weil Erdogan nicht von einem Genozid gesprochen hatte.

Dieser Genozid war weniger religiös als nationalistisch motiviert. Der Hauptgrund dafür, dass die Türkei die armenische Tragödie so lange tabuisierte und auch heute nicht von einem Völkermord sprechen will, liegt darin, dass die Republik von Mustafa Kemal Atatürk zwar mit dem Osmanischen Reich und seiner Religionspolitik brach, sich aber in der Tradition jener nationalistischen Jungtürken sieht, die den Völkermord von 1915 zu verantworten haben.
Wie sehr die Geschichte des Genozids im heutigen Armenien identitätsstiftend wirkt, kann man daran ermessen, dass zum 100. Jahrestag in Etschmiadzin, dem Sitz des armenisch-apostolischen Katholikos, die rund 1,5 Millionen Opfer des Völkermords kollektiv heiliggesprochen wurden. An dieser Feier nahmen armenische Bischöfe und zehntausende Pilger aus aller Welt teil.

Der Papst intervenierte bereits 1915 beim Sultan

Die katholische Kirche hat sich in der Genozid-Frage stets klar positioniert. Dokumente aus dem Vatikanischen Geheimarchiv zeigen, dass das Ausmaß der Gräuel relativ rasch bekannt war. Papst Benedikt XV. intervenierte im September 1915 und neuerlich Anfang 1918 bei Sultan Mehmet V. Auch beauftragte er den Nuntius in Deutschland, Eugenio Pacelli (den späteren Papst Pius XII.), bei der Regierung in Berlin zugunsten der Armenier vorzusprechen. Benedikt XV. und sein Nachfolger Pius XI. ließen 400 armenische Waisenkinder in Castel Gandolfo einquartieren.

2001 unterzeichneten Papst Johannes Paul II. und der Katholikos der Armenier, Karekin II., eine Erklärung, in der „die Ermordung von 1,5 Millionen armenischen Christen“ als „der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wird. Karekin II. und Papst Franziskus bekräftigten dies in einer gemeinsamen Erklärung 2016.

Trotz des Tabubruchs durch Präsident Erdogan protestierte die offizielle Türkei, als der Deutsche Bundestag am 2. Juni 2016 den Genozid an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten als „planmäßige Vertreibung und Vernichtung“ anerkannte. Ebenso, als Papst Franziskus im Jahr 2015 und neuerlich bei seiner Armenien-Reise 2016 die Massaker an den Armeniern als „Völkermord“ bezeichnete.

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