Entsetzen über Terror in Nigeria

Mehr als 40 Gläubige sterben bei Attentaten an Weihnachten – Kauder: UN-Vollversammlung soll sich mit Christenverfolgung befassen
Foto: dpa | Der Pfarrer der katholischen St. Theresa's Church in Madalla bei Abuja erklärt den Sicherheitskräften die Lage nach den todbringenden Anschlägen.
Foto: dpa | Der Pfarrer der katholischen St. Theresa's Church in Madalla bei Abuja erklärt den Sicherheitskräften die Lage nach den todbringenden Anschlägen.

Abuja/New York/Berlin (DT/dpa/KNA/KAP) Papst Benedikt XVI., UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, US-Präsident Barack Obama und zahlreiche westliche Politiker verurteilten die Anschläge gegen christliche Kirchen, die am Weihnachtstag in Nigeria mindestens 40 Todesopfer forderten. Einsatzkräfte bargen allein aus der schwer beschädigten katholischen Kirche St. Theresa's in Madalla in der Nähe der nigerianischen Hauptstadt Abuja 35 Tote, wie ein Sprecher des Katastrophenschutzes sagte. Augenzeugen berichteten, dass eine Bombe nach dem Morgengottesdienst vor der Kirche explodiert war. Einige Familien hätten bereits in ihren Autos gesessen und seien verbrannt. Vier Menschen fielen einem weiteren Anschlag auf eine Kirche in Gadaka in der nordöstlichen Provinz Jobe zum Opfer. Eine weitere Explosion ereignete sich nahe einer Kirche in der zentralnigerianischen Stadt Jos. Hier wurden ein Polizist getötet und mehrere Menschen verletzt. Zu den Anschlägen bekannte sich die islamische Sekte Boko Haram.

Der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan sicherte zu, die Attentäter ihrer Strafe zuzuführen. Vier Verdächtige wurden bisher festgenommen. Dennoch wurde Jonathan wegen seiner zögerlichen Reaktion im eigenen Land kritisiert. Nigeria ist mit etwa 150 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Im Süden leben hauptsächlich Christen, im Norden Muslime. Polizeiminister Caleb Olubumi kündigte an, mehr Sicherheitskräfte vor den Kirchen zu postieren. Nach tagelangen Gefechten zwischen Regierungstruppen und Kämpfern der Boko-Haram-Sekte im Nordosten des Landes ist die Lage in Nigeria ohnehin gespannt (Siehe Hintergrund auf Seite 2).

Der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney, betonte in einer Erklärung: „Wir verurteilen diese sinnlose Gewalt und diesen tragischen Verlust von Leben am Weihnachtstag.“ UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach den Angehörigen der Opfer und dem nigerianischen Volk sein Beileid aus. Ban forderte erneut das Ende der religiös begründeten Gewalt in dem Land. Die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Catherine Ashton, reagierte in Brüssel schockiert auf die „terroristischen Anschläge“. Die EU unterstütze die nigerianischen Behörden im Kampf gegen den Terrorismus und im Bemühen, „alle Bürger und deren Recht auf Leben sowie die Rechtsstaatlichkeit zu schützen“.

Bundespräsident Christian Wulff erklärte, dass diese feige Gewalt von keiner Religion gedeckt sei. „Besonders verabscheuungswürdig ist, dass sich die Anschläge gegen Menschen richteten, die sich friedlich an Weihnachten in ihren Gotteshäusern versammelt hatten“, sagte er. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte Freunde, Partner und Gleichgesinnte aus aller Welt auf, sich dem Übel von Terrorismus, Gewalt und Unterdrückung mit ganzer Kraft entgegenzustellen. Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) kündigte an, dass er UN-Generalsekretär Ban Ki Moon dazu auffordern werde, dass sich die UN-Vollversammlung mit dem Thema Christenverfolgung befasst. Dies sei „kein Randthema mehr“.

Papst Benedikt XVI. äußerte am Montag tiefe Trauer über die „absurden Anschläge“. Beim Angelusgebet sagte er: „Mögen die Hände der Gewalttäter innehalten, die Tod säen, und mögen auf der Welt Gerechtigkeit und Frieden herrschen“ (Siehe Seite 5). Als „ein neuerliches Zeugnis der Grausamkeit eines blindem und absurdem Hasses, der keinen Respekt vor dem menschlichen Leben kennt“, bezeichnete Vatikansprecher Federico Lombardi die Bombenanschläge. „Wir beten für die Opfer der Attentate und wir hoffen, dass die unsinnige Gewalt nicht den Willen auf ein friedliches Zusammenleben und auf Dialog in dem Land schwächt“, sagte Lombardi am Sonntag.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, verurteilte die Anschläge und rief zum Gebet für die Opfer und zu einer friedlichen Lösung der Konflikte in Nigeria auf. Zugleich beklagte er die wachsende Zahl an Christenverfolgungen weltweit: „Zu keiner anderen Zeit sind Christen wegen ihres Glaubens so zahlreich verfolgt worden wie heute. Alle drei Minuten wird weltweit ein Christ wegen seines Glaubens getötet.“ Als Beispiele nannten er die Ausschreitungen gegen Kopten in Ägypten und die Unterdrückung von Christen in Nordkorea. Über solche schockierenden Nachrichten „können wir als Christen in Europa nicht hinweggehen“. An die Politik appellierte Zollitsch, Menschen vor religiösen Benachteiligungen zu schützen. Zollitsch schrieb in einem Kondolenzbrief an den Vorsitzenden der Nigerianischen Bischofskonferenz: „Die feigen Attacken auf Gotteshäuser sind für mich unvorstellbare und von blindem Hass gesteuerte Taten.“

Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, rief die Christen am Montag dazu auf, für ihre Verfolger zu beten, wie es der heilige Stephanus als erster Märtyrer der Kirche getan hat. Die Ursachen für die Verfolgung und Benachteiligung von rund 250 Millionen Christen weltweit seien „vielfältig“, und Christen sollten im Urteilen darüber „vorsichtig“ sein angesichts der eigenen Gewalthandlungen im Laufe der Geschichte. Als „tiefsten Grund für Christenverfolgung“ nannte Schönborn „Jesus, weil er eine Provokation ist, die zur Entscheidung herausfordert und weil er uns an die Schuld erinnert“.

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