Endlich schiefe internationale Vergleiche beenden

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, zum „Bildungsbericht 2008“

Bundeskanzlerin Merkel fordert jetzt die „Bildungsrepublik Deutschland“ und will sich selbst ein Bild vor Ort machen. Was läuft schief, dass sie jetzt selbst eingreifen will?

Deutschland war immer eine Bildungsnation. Und Deutschland war weltweit immer anerkannt und führend als Bildungsnation. Man muss da jetzt nichts Neues erfinden. Ich freue mich über jeden Politiker, der sich vor Ort Schule, Hochschule, berufliche Bildung, Berufsschule und Forschungseinrichtungen anschaut. Doch habe ich oft das Gefühl, dass Politik am Grünen Tisch über schulpolitische Belange entscheidet, ohne zu wissen, was vor Ort los ist. Und dass eine Kanzlerin ein paar Tage durch Deutschland fährt, genügt nicht. Dadurch bekommt man kein repräsentatives Bild. Deutschland hat 42 000 Schulen. Das ist alles ein bisschen Show-Veranstaltung.

Kann sich der Bund überhaupt in die Schulpolitik einmischen?

Seit der Föderalismusreform 2006 hat der Bund in Sachen Schulbildung überhaupt nichts zu mehr sagen. Das ist eine Geschichte, die die Länder angeht, und die müssen sich nach der Decke strecken.

Gemäß der Bildungsstudie soll das Kompetenzniveau der Schüler gestiegen sein. Warum gibt es dann noch die negative Bewertung?

Dazu hätten wir den Bericht nicht unbedingt gebraucht. Wir haben ja bereits drei Pisa-Studien hinter uns. Natürlich muss man sagen, dass Pisa nur einen kleinen Ausschnitt aus dem schulischen Lern- und Leistungsgeschehen misst. Aber wir haben uns von Pisa 2000 über Pisa 2003 bis hin zu Pisa 2006 deutlich verbessert. Es wird viel zu wenig registriert, dass Deutschland bei der letzten Pisa-Studie international auf Platz 8 gekommen ist – deutlich vor den Schweden, den Dänen und den Norwegern – und in der Rangfolge aufgeschlossen hat.

Die Bildungsausgaben steigen nicht mit dem Wirtschaftswachstum. Warum wird trotz öffentlicher Beteuerung so wenig ausgegeben?

Es ist ärgerlich, dass wir in Sachen Bildungsfinanzen international nur in der Mittelgruppe sind und nicht ganz vorne. Aber dazu ist zu sagen – und das wissen wir auch im innerdeutschen Vergleich –, dass die Bildungsausgaben alleine noch kein Garant für Bildungsqualität sind. Es gefällt mir überhaupt nicht, dass es jetzt schon wieder aus der Ecke von Spitzenorganisationen der Wirtschaft heißt, die schlechten Schulen seien Schuld daran, dass es einen gewissen Anteil von nicht ausbildungsreifen und nicht ausbildungsbereiten jungen Leuten gibt. Aber nur ein Drittel der ausbildungsberechtigten Betriebe in Deutschland bildet aus, zwei Drittel sind ausbildungsunwillig und verstoßen damit gegen eine patriotische Pflicht gegenüber unseren jungen Leuten.

Was würden Sie empfehlen, damit der nächste Bildungsbericht besser wird?

Zunächst, was die Diagnose betrifft: Wir müssen uns endlich davon verabschieden, diese schiefen internationalen Vergleiche als den Maßstab anzunehmen. Abiturientenquote, Studierquote, Akademikerquote sind international nicht vergleichbar. Da kann die OECD noch so viele Tabellen auflisten. In Deutschland ist der Abschluss einer beruflichen Bildung oft mehr wert als in anderen Ländern ein Hochschulabschluss. Also diese Vergleiche doch endlich mal beiseitelegen und weniger auf Selbstvergessenheit und Selbstverleugnung machen. Die berufliche Bildung wäre eine Möglichkeit, den an der Bildung gestrandeten 19- bis 22-Jährigen eine zweite Chance zu gewähren, wenn man ihnen entsprechend hilft.

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