Stuttgart

Einer schwenkt von Schwarz auf Grün

Viel schwärzer hätte die Familie, aus der Matthias Filbinger stammt, kaum sein können. Doch dann kommt es zum Bruch mit der CDU. Warum der Ministerpräsidenten-Sohn schließlich bei den Grünen gelandet ist.

Matthias Filbinger
Schwarz-Grün, so denkt Matthias Filbinger, biete heute auch so etwas wie eine Versöhnung zwischen zwei Lagern, die gar nicht so weit voneinander entfernt, ja sogar in gewisser Weise miteinander verwandt seien. Foto: Marc Müller (dpa)

„Die Ideologie wird in Berlin gemacht, der Pragmatismus in Baden-Württemberg“, sagt Matthias Filbinger. Und fügt hinzu: „Das ist schon eindrucksvoll, wenn man sieht, wo die Grünen überall gewonnen haben. Selbst am Bodensee oder in Waldshut, das waren früher CDU-Hochburgen.“ Die Geschichte des Unternehmers, Jahrgang 1956, verheiratet, drei Kinder, erklärt, warum Winfried Kretschmann mit seiner Partei in Baden-Württemberg so gut bei einem Klientel ankommt, das sich selbst durchaus als bürgerlich und konservativ versteht und vermutlich noch vor einigen Jahren nicht im Traum auf den Gedanken gekommen wäre, bei den Grünen das Kreuz zu machen.

Der Vater war ein Idol für Konservative

Ein Blick zurück: Viel schwärzer hätte die Familie, aus der Matthias Filbinger stammt, kaum sein können: Vater Hans Filbinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der 1976 mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ mit fast 57 Prozent für die CDU das bisher beste Ergebnis in ihrer Geschichte holte, war bis zu seinem Tod fast schon ein Idol für die Konservativen in der Union. Mit dem Studienzentrum Weikersheim schuf der Katholik nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident eine der wenigen explizit konservativen Denkfabriken der Bundesrepublik. Filbinger senior, dessen Tätigkeit als Marinerichter während des Zweiten Weltkrieges zu seinem Rücktritt geführt hatte, war aber auch für seine politischen Gegner eine Reizfigur, vor allem auch für die damals aufkommende Ökobewegung: Der Protest gegen das Kernkraftwerk in Wyhl ist hier das Stichwort.

Nicht zuletzt wegen dieser wilden Zeit – unter der natürlich auch das Familienleben gelitten hatte – hält sich Filbinger junior zunächst mit politischem Engagement zurück. Dann mit 40 Jahren wird er aber auf kommunaler Ebene aktiv – in der CDU, in logischer Konsequenz seines Lebensweges, wie es bis dahin scheint. Doch dann kommt es zu einem Bruch: In Filbingers Wohnort Stuttgart-Vaihingen soll ein Fernbusbahnhof gebaut worden, im Zuge von Stuttgart 21. Das hätte bedeutet, dass mehr als 100 Busse pro Tag durch seinen Stadtteil rollen würden. Das wollte Filbinger nicht, die CDU schon. Er tritt aus der Partei aus. Und es kommt zu einem ersten Kontakt mit den Grünen.

An der CDU störte ihn das Hermetische

Zunächst engagiert er sich als Parteiloser, dann wird er schließlich Mitglied und nimmt bis 2014 auch unterschiedliche kommunale und landespolitische Funktionen für die Partei wahr: „An der CDU störte mich das Hermetische, es gab keinen Diskurs. Bei den Grünen war es viel offener. Es wurde einem zugehört. Und es ging um die Sache.“ Neben der Basisdemokratie war  vor allem auch der Naturschutz  für Filbinger das Thema, gerade wegen der Prägung durch sein katholisch-konservatives Elternhaus. „Mein Vater war ein leidenschaftlicher Bergsteiger. Uns wurde die Ehrfurcht vor der Schöpfung beigebracht. Statt Flugreisen in den Süden stand Wandern und Skilaufen in der Heimat auf dem Programm“. Dass seinem Vater trotzdem die Sensibilität für die Motive der Ökobewegung fehlten, führt Matthias Filbinger darauf zurück, dass diese Generation immer noch ganz auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau fixiert gewesen sei. Dies habe den ursprünglich ja vorhandenen Sinn für Naturschutz überlappt. Schwarz-Grün, so denkt er, biete heute auch so etwas wie eine Versöhnung zwischen zwei Lagern, die gar nicht so weit voneinander entfernt, ja sogar in gewisser Weise miteinander verwandt seien.

Trotzdem ist Matthias Filbinger davon entfernt, die Grünen zu idealisieren. Hier spielt für den Katholiken auch das Verhältnis der Partei zur Kirche eine Rolle: „Gegensätzliche Positionen bestehen nach wie vor beim Schutz des ungeborenen Lebens (,Du sollst nicht töten‘) sowie in der Genderdiskussion (,Gott erschuf Mann und Frau‘).“ Und auch sein Blick von Stuttgart aus auf die Berliner Parteizentrale ist durchaus skeptisch: „Schwarz-Grün finde ich eine interessante Perspektive für den Bund. Wenn sich aber zeigen sollte, dass die Partei auf Rot-Rot-Grün zusteuern will, könnte ich ihr bei der Bundestagswahl meine Stimme nicht geben. Das könnte ich nicht unterstützen und es wäre ein Austrittsgrund aus der Partei.“

 

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