Einer muss gewinnen

Am Sonntag wählt Frankreich seinen neuen Präsidenten – Wertkonservative und Katholiken der ältesten Tochter der Kirche sind verwaist – Die Gräben, die politischen, geistigen und gesellschaftlichen, sind so tief wie nie. Von Jürgen Liminski
FILE PHOTO: An electoral poster of Emmanuel Macron, head of the political movement En Marche !, or Onwards !, and candidate for the 2017 presidential election, is displayed during a campaign rally in Paris
Foto: Benoit Tessier (X02011) | Geht es nach den Umfragen, wird Emmanuel Macron der neue Präsident Frankreichs.

Der Druck auf die Bischöfe war erdrückend. Dass die linksliberalen Medien, allen voran die Tageszeitung Le Monde, die katholischen Bischöfe Frankreichs zu einer Wahlempfehlung aufforderten und das Schweigen als „moralischen Fehler“ bezeichneten, konnte man noch gelassen als traditionelle Überheblichkeit der linksliberalen Weltversteher und -verbesserer erklären. Und auch der Appell der Spitzenfunktionäre von Juden, Muslimen und Protestanten wäre noch erträglich gewesen. Das umso mehr, als auch die Orthodoxen und Buddhisten sich weigerten, diesen Appell zu unterschreiben.

Aber dass 39 Verbände in der katholischen Kirche Frankreichs, angefangen bei den Jugendverbänden bis hin zum Malteserorden dazu aufriefen, Emmanuel Macron die Stimme zu geben, das machte manche Hirten nachdenklich. Schließlich meinten auch vereinzelte Bischöfe, sich diesem Trend anschließen zu müssen. Aber die allermeisten Bischöfe blieben standhaft bei der Linie, die die katholische Kirche Frankreichs in der Fünften Republik immer gewahrt hatte: keine Wahlempfehlung, weder für noch gegen eine Partei oder Kandidaten.

In einem Online-Interview sprach der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz von einem „Klima der Hysterie“; Rolle und Aufgabe der Kirche sei es, „wie seit 45 Jahren nicht Partei zu ergreifen, weder für noch gegen“ einen Kandidaten oder Partei. Man stehe für pastorale und nicht politische Argumente.

Schon nach dem ersten Wahlgang hatte der Vorsitzende, Georges Pontier, Erzbischof von Marseille, dem man wegen seiner bekannten Gesinnung eher links von der Mitte sicher keine Nähe zu Marine Le Pen nachsagen kann, eine Erklärung herausgegeben, in der er im Namen der rund hundert Bischöfe Frankreichs ein Votum gegen eine „Gesellschaft der Gewalt“ formulierte und die Gläubigen aufrief, für eine Gesellschaft einzutreten, die solidarisch sei mit den „Schwächsten vom Anfang bis zum natürlichen Ende des Lebens“, die Flüchtlinge willkommen heiße und Europa nicht verachte.

Darin könnte man ein Votum gegen Marine Le Pen sehen. Aber es ist im gesellschaftspolitischen Bereich und vor allem, was die Themen des Lebensschutzes angeht, genauso ein Votum gegen Emmanuel Macron. Weder Macron noch Le Pen wollen die bestehenden Gesetze zur aktiven Sterbehilfe, der Gleichstellung der Ehe mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (Ehe für alle) und der Abtreibung (Fristenlösung) antasten. Beim Thema Leihmutterschaft gibt es kaum Differenzen, bei der künstlichen Befruchtung wollen beide neue Optionen für weitere Personenkreise schaffen.

Keiner der beiden Kandidaten würde sowieso auf die Kirche hören oder sie auch nur wirklich ernst nehmen. Le Pen äußerte sich während des Wahlkampfs zu ihrem Verhältnis zur Kirche so: Sie sei gläubig, „aber mit der Kirche verkracht“. Nach zwei Scheidungen und diversen Lebenspartnerschaften ist das kein Wunder.

Auch Macron gehört nicht zur Gruppe praktizierender Christen. Er ist im besten Fall Agnostiker. Seine 24 Jahre ältere Frau hatte sich für ihn scheiden lassen. Aber das sind für ihn Vorteile im Verhältnis zu den Medien. Eine Umfrage nach dem ersten Wahlgang gemäß der Konfessionen und Religionszugehörigkeiten ergab, dass er in der Gruppe der Protestanten die meisten Stimmen geholt hatte, die zweitmeisten in der Gruppe der Atheisten, überholt nur noch von dem Linksaußen Melenchon. Ähnlich sieht es aus bei den Muslimen. Unter den praktizierenden Katholiken hat er kaum Wähler, gleiches gilt aber auch für Le Pen, die ihre meisten Wähler ebenfalls bei Atheisten und nicht-praktizierenden Gläubigen findet. Die Katholiken haben überwiegend Fillon gewählt und man kann vermuten, dass viele von ihnen sich am Sonntag enthalten oder einen ungültigen Stimmzettel abgeben werden.

Sie sind wohl auch von dem Fernsehduell am Mittwochabend am meisten enttäuscht. Familie spielte dort keine Rolle und die geistige Auseinandersetzung mit dem Islam oder überhaupt die geistige Verfasstheit des Landes auch nicht.

Die meisten der 16 Millionen Zuschauer dürfte von Anfang an der Eindruck beschlichen haben: Hier geht es um die Lufthoheit über dem edelsten Stammtisch der Nation. Das Duell – um das Präsidentenamt immerhin – geriet zum polemischen Schlagabtausch und das über zweieinhalb Stunden lang. Die beiden Kontrahenten schenkten sich nichts. Mindestens ein Dutzend Mal bezichtigte Macron seine Gegnerin der Lüge („Kandidatin der Lüge“), der Spaltung des Landes („Kandidatin des Hasses“), der Rückwärtsgewandtheit und der Programmlosigkeit. Sie sei „Parasit des Systems“, das sie vernichten wolle.

Le Pen wiederum unterstellte dem ehemaligen Minister schlicht Unterwerfung unter die Interessen von Lobbygruppen der Finanzwelt („Kandidat der Banken“), des Systems, der von Hollande gesteuert werde („heimlicher Kandidat der Sozialisten“). Er liege vor Hollande, den Banken und den Einflüsterern aus Brüssel auf dem Bauch, er sei der „Kandidat des Kriechertums“. Noch nie hat es einen derart aggressiven Schlagabtausch bei einer Präsidentenwahl gegeben.

Bei so viel Polemik und ständigen, vorwurfsvollen Unterbrechungen war es schwierig, einen Austausch von Argumenten auszumachen. Die Welten waren zu unterschiedlich, sowohl in staatspolitischer als auch in persönlicher Perspektive. Dabei lagen die Ansichten bei den politisch heiklen Tagesthemen gar nicht so weit auseinander.

Beispiel Rente: Le Pen will zurück zur Rente mit 60 nach 40 Berufsjahren, aber erst, wenn es wieder genügend Beschäftigung gebe, also vermutlich gegen Ende des Mandats im fünften Jahr. Bis dahin bleibt es bei der Rente mit 62. Vor einigen Wochen hatte sie noch eine Rückkehr zur Rente mit 62 innerhalb von zwei Monaten verkündet. Macron will an den 62 Jahren nicht rühren.

Beispiel 35-Stunden-Woche, eine weitere heilige Kuh der Linken in Frankreich: Le Pen will es den einzelnen Branchen überlassen, eine Ausweitung oder Überstunden zuzulassen. Macron will es den einzelnen Unternehmen anheimstellen. Beide sehen, dass die Produktion bei 35 Stunden kaum gesteigert werden kann, aber so weit kam die Argumentation schon nicht.

Beim Thema Leihmutterschaft warf Le Pen ihrem Gegenüber vor, Frankreich zu einer großen Markthalle machen zu wollen, in der alles und jeder gekauft und verkauft werden könne. Beide erklärten den Kampf gegen den Terrorismus zur obersten Priorität. Aber während Macron sich bei der Ursachenforschung blass zeigte und vermied, den Islam zu nennen, legte Le Pen den Finger auf die Wunde und sprach vom Islam als der Quelle des aktuellen Terrorismus. Sie warf Macron vor, sich zum Handlanger des Verbands Islamischer Organisationen (UOIF) zu machen, obwohl es in dieser Organisation von Fundamentalisten wimmele. Macron lasse sich von ihnen unterstützen. Macron wich mit gravitätischer Stimme auf den allgemeinen Kampf gegen jede Form von Gewalt aus, auch der islamistischen. Le Pen will alle Gefährder (rund 15 000) sofort des Landes verweisen, Macron erst, wenn sie juristisch auffällig geworden sind. Le Pen will die Grenzen schließen, Macron nur überwachen.

Die größte Differenz zeigt sich beim Thema Europa. Hier geht es auch um die politische Philosophie. Le Pen will „die Nationen und Völker der EU entreißen“. Sie will zurück zum Staatenbund. Macron will die EU zu einem Bundesstaat ausweiten. Le Pen will die Souveränität der Vaterländer, so wie sie die Gründer der „Europäischen Allianz“, de Gaulle und Adenauer im Sinn hatten, befreien. Konkret strebe sie einen Austritt aus dem Euro an. Sie wolle aber das Volk bei jedem Schritt befragen. Schon im September solle es das erste Referendum geben.

Macron hielt ein bewegtes Plädoyer für den Euro. „Wir wollen kooperieren, Sie wollen einen Währungskrieg. Ich will mit Frau Merkel zusammenarbeiten, nicht gegen sie.“ Die unterschiedliche Philosophie wurde auch beim Thema Globalisierung, Freihandel und Außenpolitik deutlich. Eine Blitzumfrage nach der Sendung stellte Macron als Punktsieger fest.

In beiden Lagern schwenkt man Siegesfahnen. Weder Le Pen noch Macron zeigen echtes Interesse an einem argumentativen, für den Wähler entscheidungsrelevanten Austausch. Le Pen greift an, Macron wehrt sich. Beide zeigen mit dem Finger des Vorwurfs auf den anderen. Von Versöhnungsbereitschaft keine Spur.

Bei einem Umfragevorsprung von 60 zu 40 dürfte die Schlacht zugunsten Macrons geschlagen sein. Aber das hat die Debatte und überhaupt der gesamte Wahlkampf gut illustriert: Die Gräben in Frankreich, die politischen, geistigen und gesellschaftlichen, sind so tief wie nie. Und so katholisch, wie dieses Land mal war, ist die älteste Tochter der Kirche nicht mehr.

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