Eine Zukunftsfrage der Menschheit

Bischof Algermissen hält eine atomwaffenfreie Welt für möglich und ruft Christen zum Einsatz für den Frieden auf Von Markus Reder
Gemeinsam mit dem Friedensbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, haben Sie in Ihrer Funktion als deutscher Pax Christi-Präsident aus Anlass des 65. Jahrestages der atomaren Angriffe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August eine Welt ohne Atomwaffen gefordert. Ist das angesichts der globalen Bedrohungslage nicht eine Utopie?

Ich glaube, dass das tatsächlich Realität werden kann. Nicht im Sinne eines naiven Pazifismus, aber als Frucht von Einsicht und internationalen Vereinbarungen, die zu erreichen mühsam, aber möglich ist. Einer Völkergemeinschaft, der es gelungen ist, die biologischen und chemischen Waffen und jetzt auch die Streubomben zu ächten, der kann es auch gelingen, die Atomwaffen abzurüsten. Das ist nicht von heute auf morgen möglich. Entscheidend ist für mich der politische Wille, verbindlich damit zu beginnen. Diesen politischen Willen sehe ich im Moment trotz anders lautender Ankündigungen leider nicht im ausreichenden Maße gegeben.

Dann bleibt die atomwaffenfreie Welt also doch ein schöner Traum?

Ohne eine – auch biblisch begründete – Vision von Frieden, wird die Menschheit keine Zukunft haben. Das erschreckende Zerstörungspotenzial nuklearer Waffen darf uns nicht kalt lassen. Leider ist sich unsere Gesellschaft der großen Gefahren, die davon ausgehen, viel zu wenig bewusst. Ein Material, das derart welt- und menschenvernichtend ist, muss weltweit gebannt werden. Das ist eine Zukunftsfrage der Menschheit.

Wäre eine atomwaffenfreie Welt tatsächlich sicherer? War es nicht gerade die atomare Abschreckung zwischen Nato und Warschauer Pakt, die Sicherheit garantierte?

Das ist ein Trugschluss. Mit Waffengewalt lässt sich langfristig kein Friede sichern. Die deutschen Bischöfe haben dies in ihrer Erklärung vom 27. September 2000 mit Nachdruck zur Sprache gebracht. Waffen schaffen keinen Frieden, heißt es da. Gerechtigkeit schafft Frieden. Auch das Zweite Vatikanum hat sehr klar Position bezogen. In „Gaudium et Spes“ ist wörtlich von einer „Frist“ die Rede, die „uns von oben gewährt wird, um das tödliche Risiko der atomaren Abschreckung durch die Suche nach Alternativen zur Kriegsverhütung abzuwenden“ (Nr. 81). Für das Konzil ist klar: Ein atomarer Rüstungswettlauf ist moralisch zu verurteilen, weil dieser eines Tages all das tödliche Unheil bringen wird, wozu er jetzt schon die Mittel bereit hält. Also: Nicht Massenvernichtungswaffen, sondern Gerechtigkeit schafft Frieden.

Und wie begegnet man der atomaren Bedrohung etwa aus Nordkorea oder Iran?

Die Situationen in Nordkorea und Iran sind unterschiedlich und im größeren politischen Kontext zu beurteilen. Was den Iran angeht, muss die Lage im ganzen Nahen Osten gesehen werden. Ohne Frieden zwischen Israelis und Palästinensern wird es in Nahost keine Entspannung geben. Auch hier spielt das Thema Gerechtigkeit eine große Rolle. Und es gilt, was die deutschen Bischöfe im Jahr 2000 grundsätzlich formuliert haben: Ein Krieg beginnt nie erst, wenn geschossen wird und er endet auch nicht, wenn die Waffen schweigen. Wie er längst vor dem ersten Schuss in den Köpfen und Herzen der Menschen begonnen hat, so braucht es lange Zeit, bis der Frieden in den Köpfen und Herzen der Menschen einkehrt. Gerade im Nahen Osten muss alles getan werden, um den vergifteten Boden der Kriegsgefahr trocken zu legen und den Weg für den Frieden zu bereiten.

Sind Christen in besonderer Weise gerufen, sich für den Frieden einzusetzen?

Der Glaube an Erlösung und Auferstehung führt folgerichtig und direkt zum Aufstand gegen alle Formen des politisch, wirtschaftlich oder militärisch organisierten Todes. Wo immer die Mächte des Todes am Werk sind, müssen wir Christen uns dagegen auflehnen und dem eine Kultur des Lebens entgegensetzen. Das ist eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit.

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