Eine Zeit des Umbruchs

Udo Di Fabio sprach in Ausburg über das Menschenbild der Verfassung. Von Sebastian Sasse
Foto: PBA | Udo Di Fabio sprach beim Jahresempfang des Augsburger Bischofs Konrad Zdarsa.

Balance – für Udo Di Fabio ein Schlüsselbegriff zur Diagnose der Lage der deutschen Gesellschaft. Ausgangspunkt für den Bonner Staatsrechtler ist dabei das christliche Menschenbild und wie sich dieses im Grundgesetz widerspiegelt. Vor über 300 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur beschrieb di Fabio in seinem Festvortrag beim Jahresempfang des Augsburger Bischofs Konrad Zdarsa, wie sehr der deutsche Rechtsstaat durch das Christentum geprägt ist. Gleichzeitig machte der bekennende Katholik deutlich, dass es nicht mehr selbstverständlich für jeden Bürger sei, sich über diesen Zusammenhang bewusst zu sein. Trotzdem warnte Di Fabio vor Alarmismus, man befände sich vielmehr in einer „Zeit des sanften Umbruchs“. Der Analyse des ehemaligen Bundesverfassungsrichters konnte man anmerken, dass dieser nicht nur Jurist, sondern auch Soziologe ist. Besonders dem Ansatz seines Doktorvaters Niklas Luhmann, dem Schöpfer der Systemtheorie, fühlt sich der 63-Jährige verbunden. In der Vergangenheit hat Di Fabio, der auch Abstraktes verständlich darstellen kann, immer wieder über die „Kultur der Freiheit“ nachgedacht, die für ihn im Zentrum der westlichen Zivilisation steht.

Die ideale Gesellschaft kann man sich nach Di Fabio wie eine Waage vorstellen. Es geht darum, Grundprinzipien, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen müssen, miteinander ins Gleichgewicht zu setzen. Diese Aufgabe immer wieder neu lösen zu können, das ist aus seiner Sicht eine große kulturelle Leistung. Freilich muss dann derjenige, der die Waage einstellt, auch ein Gefühl dafür haben, wie denn eine solche Balance aussehen kann. Die große Quelle, die Aufschluss darüber gibt, wie man solche Gleichgewichte hergestellt, so hebt di Fabio immer wieder hervor, sei unsere kulturelle Tradition. Und in deren Zentrum stehe das Christentum. Der Rechtsprofessor verweist hier auf Giovanni Pico della Mirandola. Der Humanist der Renaissancezeit, der einen wichtigen Beitrag zu unserer heutigen Vorstellung von der Person und ihrer Stellung im modernen Staat geliefert hat, hat sich in seiner Argumentation auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen bezogen. Von der ließen sich sowohl die Freiheitsrechte des Menschen wie seine Würde ableiten. Und diese Einsicht schaffe auch Verständnis dafür, wie der Mensch sich und seine Umwelt kultivieren könne. Der Mensch sei mit Kreativität und Gestaltungskraft begabt, vor allem aber auch fähig, zu lernen, sich zu bilden. Diesen Aspekt hebt Di Fabio besonders hervor. Das erklärt auch, warum der Professor zwar ein nüchterner Analytiker der Probleme, aber kein Kulturpessimist ist. Denn, wenn die Waage aus dem Gleichgewicht geraten ist, dann sei der Bürger selbst in der Lage, die Balance zwischen den Prinzipien wieder herzustellen.

Allerdings gibt auch Di Fabio zu, dass die Institutionen, die den Einzelnen bei dieser Aufgabe unterstützen, an Bedeutung eingebüßt haben: Zu ihnen rechnet er Ehe und Familie, aber auch Verbände wie die Gewerkschaften. Und schließlich die Kirchen. Alle diese Gruppen hätten in gewisser Weise eine Mittlerfunktion. Sie könnten dem Einzelnen dabei helfen, seine Aufgabe darin zu erkennen, an einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Individualismus und Gemeinschaftsbindung mitzuwirken. Auf staatlicher Ebene, aber auch ganz konkret im Alltag, im Umgang mit Familie, Freunden und Kollegen.

Und es gibt noch die Verfassung. Orientierung liefert sie für Di Fabio durch ihren Gottesbezug. Dass Gott im Grundgesetz angerufen wird, sei ein Beleg für die christliche Prägung unserer Kultur. Trotzdem will der Jurist den Gottesbegriff im Grundgesetz nicht allein religiös deuten. Denn dieser Gott sei nicht nur der christliche, sondern auch der der Muslime, ja sogar „der Gott der Agnostiker“. Und darin liegt in gewisser Weise die Pointe in Di Fabios Argumentation: Obwohl es dem christlichen Einfluss zu verdanken sei, dass Gott in der Verfassung angerufen wird, sei es auch Menschen möglich, die einer anderen oder keiner Religion angehören, diesen Bezug als Orientierungspunkt anzuerkennen. Er zeige ihnen eine Einsicht auf, die unsere Verfassungsordnung maßgeblich geprägt habe: „Die menschliche Vernunft hat Grenzen.“ Diese Grenzen bilden so etwas wie den Rahmen der Werteordnung des Grundgesetzes. Und man könne auch verlangen, dass sie von Andersgläubigen, Agnostikern oder Atheisten eingehalten werden. Denn diese Verfassungsordnung sei keine Grundlage für eine Theokratie, sondern die durch christliche Vorstellungen geprägte Werteordnung einer pluralen Demokratie

Bischof Konrad Zdarsa zeigte sich überzeugt, dass Udo di Fabios Gedanken viele Zuhörer dazu angeregt haben, über die angesprochenen Aspekte nachzudenken.

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