Eine Katastrophe im Niemandsland

Die Hungersnot am Horn von Afrika hat viele Ursachen: Explodierende Nahrungsmittelpreise, eine instabile sicherheitspolitische Lage und staatliche Vernachlässigung der Region spitzen die Lage nach Ausbleiben des Regens zu. Fehlendes Medieninteresse tat ein Übriges. Von Michael Gregory
Foto: dpa | Tausende von Menschen sind am Horn von Afrika ohne internationale Hilfe dem Hungertod ausgeliefert. Kurzfristige Notprogramme helfen der Region aber nicht.
Foto: dpa | Tausende von Menschen sind am Horn von Afrika ohne internationale Hilfe dem Hungertod ausgeliefert. Kurzfristige Notprogramme helfen der Region aber nicht.

Es war wie so oft bei Katastrophen in entlegenen Weltregionen: Wo keine Medien und Journalisten hinkommen, weil die Infrastruktur fehlt, da gibt es kaum Nachrichten. Und weil die Nachrichtenlage über die Situation vor Ort dünn ist, gibt es zu wenig öffentliche Wahrnehmung. Und weil es kaum öffentliche Wahrnehmung gibt, ist es schwer, Mitgefühl zu wecken, das grenzüberschreitend gebracht wird, um internationale Hilfe in Gang zu bringen. Ganz so weit, wie viele glauben, ist die Welt in Zeiten der Globalisierung offenbar doch nicht zusammengerückt.

Am Horn von Afrika, im Grenzgebiet zwischen Somalia, Äthiopien und Kenia, ist genau das zu beobachten. Dass lange kaum Berichte in den Medien verbreitet wurden, obwohl die Katastrophe bereits in vollem Gange war, wirft ein Schlaglicht auf eine beklemmende Wirklichkeit: dass Realitäten, über die nicht berichtet wird, auch nicht beachtet werden – selbst wenn sie verheerende Folgen haben wie im Fall der Dürre in Ostafrika, die sich zu einer der schlimmsten Hungersnöte entwickeln könnte, die der Kontinent je erlebt hat. Nur langsam nahmen die Medien Notiz von den Ereignissen und entsprechend schleppend kam die Hilfe für die betroffenen Länder in der zurückliegenden Woche in Gang. Dabei drängt die Zeit. „Die Lage spitzt sich immer weiter zu. Die meisten natürlichen Wasserstellen sind ausgetrocknet, die Brunnen führen kaum noch Wasser. Die Nomaden und Halbnomaden verlieren ihre Herden und damit ihre Nahrungs- und Einkommensquellen. Gleichzeitig explodieren die Nahrungsmittelpreise. Dazu tragen auch die drastisch gestiegenen Benzinpreise sowie Nahrungsmittelspekulationen bei. In Kenia und Somalia haben die Nahrungsmittelengpässe den Katastrophenzustand erreicht“, berichtet Dorothee Klüppel, Abteilungsleiterin Afrika beim katholischen Hilfswerk Misereor, der Tagespost.

Radikale Milizen schließen Hilfslieferungen weiter aus

Mittlerweile haben die radikal-islamische Shabab-Milizen in Somalia ihre Ankündigung, internationale Hilfswerke ins Land zu lassen, zurückgezogen. Der britische Sender BBC zitierte am Freitag Sprecher Ali Mohamud Rage mit den Worten, die UN-Berichte seien „kompletter Nonsens, 100 Prozent ohne Grundlage und pure Propaganda“. Es gebe zwar eine Dürre in Somalia, die Situation sei aber lange nicht so schlimm wie beschrieben. „Die Organisationen, denen wir die Arbeit verboten haben, dürfen auch weiterhin nicht hier arbeiten. Sie sind in politische Aktivitäten involviert“, erklärte Rage. Seit 1991 herrscht in Somalia Bürgerkrieg. Am stärksten vom Hunger betroffen sind die Provinzen Bakool und Lower Shabelle im Süden. Früher war das die Kornkammer Somalias, heute sind dort 350 000 Menschen akut vom Verhungern bedroht: Eine Somali klagt: „Wir sterben hier, wenn wir keine Hilfe bekommen. Wo ist die UNO? Wo ist die islamische Welt? Sie sollen kommen, um unsere Leben zu retten.“

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen will jetzt eine Luftbrücke zur Versorgung der Bevölkerung einrichten. Es dürfte eine der größten Notfalloperationen werden, die das Programm je durchgeführt hat. Laut UNO benötigen elf Millionen Menschen akut Hilfe. Zehntausende Somalier seien bereits an den Folgen der Dürre gestorben. Viele unterernährte Flüchtlinge sind wochenlang unterwegs, um sich in eines der Lager in Kenia oder Äthiopien zu retten. EU-Krisenreaktionskommissarin Kristalina Georgieva sieht in der aktuellen Hungersnot zugleich eine Chance für Bemühungen um einen Frieden in dem politisch zerrütteten ostafrikanischen Staat Somalia. „Vielleicht sollten wir diese Krise als Gelegenheit sehen, dass Somalia wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird“, sagte Georgieva der Nachrichtenagentur AP am Donnerstag in Genf. Der kurzfristigen Nothilfe für die elf Millionen Bedürftigen müssten Programme folgen, die sicherstellten, dass die Menschen Dürren in der Zukunft überleben könnten, sagte die EU-Kommissarin. Dazu sei ein Engagement von der internationalen Gemeinschaft, den Somaliern selbst und deren politischer Führung nötig.

Tatsächlich liegen die Gründe für die Hungerkatastrophe nicht allein darin, dass zwei Regenzeiten hintereinander ausgefallen sind, sondern an einer Reihe weiterer Faktoren, die mit klimatischen Veränderungen in der Region nichts zu tun haben. Dazu gehört vor allem mangelnde Achtsamkeit – seitens der Regierungen vor Ort aber auch seitens der internationalen Völkergemeinschaft, die zumindest in Kenia und Äthiopien mit zahlreichen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen vertreten ist. Schon die vorletzte Regenzeit hatte viel zu wenig Regen gebracht. Seit langem war klar, dass sich die Region auf eine länger anhaltende Dürre mit all den damit verbundenen Konsequenzen einstellen muss. Doch die Vorsorge reichte nicht aus. So hätten zum Beispiel mehr Wasservorhalteeinrichtungen – Tanks, Wasserrückhaltebecken – und auch Brunnen angelegt werden müssen, um die Versorgung zu sichern. Zwar wären natürlich auch diese Quellen bei langer Trockenheit irgendwann einmal versiegt, doch sie hätten helfen können, die akute Not hinauszuzögern. „Die klimatischen Bedingungen begünstigen immer wieder das Auftreten von Dürreperioden. Das schwere Ausmaß der aktuellen Hungerkatastrophe liegt aber gerade auch darin begründet, dass die Regionen, in denen die Not jetzt am größten ist, staatlicherseits vernachlässigt werden. Es ist die Aufgabe von Staaten, entsprechende Frühwarnsysteme oder Strategien der Risikominderung umzusetzen. Dazu gehört auch die langfristige Investition in Wasserrückhaltemaßnahmen“, sagte Klüppel. Darum setze das Hilfswerk einen Schwerpunkt bei der Wasserversorgung, etwa in der Diözese Marsabit, im Nordosten Kenias. Aber eben auch unzureichendes staatliches Handeln trägt zum verheerenden Ausmaß der Dürre in diesem Jahr bei. Die Region am Horn von Afrika ist geprägt von Grenzkonflikten zwischen den Staaten und von Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb der Länder. Besonders verworren ist die Situation in Somalia, einem Land, das seit vielen Jahren über keine funktionierende Regierung verfügt und unter Bürgerkrieg leidet. Darum ist die Notsituation dort auch besonders krass. „Ohne Frieden und gute Regierungsführung wird es keinen Weg aus dieser Dauerkrise geben“, sagt Klüppel.

Nomaden wurden von ihren Wasserstellen vertrieben

Leidtragende des grenzüberschreitenden Staatsversagens sind die Menschen vor Ort. So wurden viele Nomaden durch die dauerhaft schwelenden Konflikte von ihren traditionellen Wasserstellen vertrieben. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung in dieser „vergessenen“ Region isoliert lebt. Weil es an Infrastruktur – Straßen, Transport und Kommunikationsmitteln mangelt –, ist der Verkauf von Tieren und Produkten schwer und teuer. All diese Faktoren haben viele Nomadenfamilien in die Armut geführt, Sicherheitsrisiken ausgesetzt und oft auch in die Abhängigkeit von Nahrungsmittelhilfe getrieben.

Aber auch die internationale Völkergemeinschaft muss sich fragen, warum sie nicht früher präventiv tätig geworden ist oder nicht mit größerem Nachdruck gehandelt hat. Gerade von Kenia – Sitz des UN-Umweltprogramms – und auch von Addis Abeba aus wäre mehr Initiative möglich gewesen. Stattdessen wurden falsche Prioritäten gesetzt und dem Treiben der Desperados und Warlords jenseits der Grenze zu Somalia zugeschaut. Es müsste jetzt besonders um die Unterstützung der Nomaden gehen: „Die Regierungen in Kenia und Äthiopien wären durchaus in der Lage, ihre Landwirtschaftspolitik, die derzeit ausschließlich auf bäuerliche Produktionsbetriebe ausgerichtet ist, auf den nomadischen Sektor auszuweiten. Überdies dürfen Ackerflächen und Weideflächen nicht an ausländische Investoren verkauft werden“, sagt Klüppel. Doch die Zusammenarbeit mit den umherziehenden Viehhirten, deren Areale sich kaum begrenzen lassen, ist vielen zu mühsam. Überdies sei die politische Arbeit vor Ort wichtig, so Klüppel, um Druck auf die Regierenden aufzubauen, damit sie ihrer Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung besser nachkommen.

Und auch sie werden gebraucht: die Medien. Rechtzeitig über positive Entwicklungen und Erfolge in der Entwicklungsarbeit zu informieren – so lautet die Aufgabe, die sich an die Journalisten richtet. Ob sie angenommen wird, ist fraglich.

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