Eine Eskalation ist jederzeit möglich

Zwischen Schock und Verwirrung: Ukraines Caritas-Direktor Andrij Waskowycz über die Stimmung in seinem Land. Von Clemens Mann
Foto: Archiv | Andrij Waskowycz.
Foto: Archiv | Andrij Waskowycz.
Wladimir Putin hat am Dienstag in seiner Rede zum einen mit dem Westen abgerechnet, zum anderen den Anschluss der Krim an Russland besiegelt. Welche Reaktionen gab es in der Ukraine auf diese Rede?

Man ist entsetzt darüber, dass Wladimir Putin vollendete Tatsachen schaffen möchte – im Widerspruch zum Völkerrecht, im Widerspruch zur gesamten Nachkriegsordnung in Europa. Putin stellt die Welt vor neue geopolitische Fakten und betreibt ein Konzept imperialer Politik in Europa. Zugleich ist unklar, wie es weitergehen soll. Erstens ist da die Frage, was auf der Krim weiter geschehen wird. Es gibt bereits Nachrichten, dass der Stab der ukrainischen Streitkräfte gestürmt wurde. Die russische Krim-Seite schiebe Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde vor, sodass sich ukrainische Streitkräfte nicht verteidigen könnten. Unklar ist auch, was mit der ukrainischen und krimtatarischen Bevölkerung auf der Krim passiert. Wird es zu Flüchtlingsströmen kommen? Oder werden Ukrainer und Krimtataren von der Krim ausgestoßen und abgeschoben? Und dann gibt es noch die Frage, wie es mit der Ostukraine weitergeht. Es gibt gezielte Destabilisierungsversuche, die bedrohlich aussehen und auf eine Konfrontation hinauslaufen. Man ist sich nicht im Klaren, ob das nicht der Kurs Russlands ist.

Im Osten der Ukraine fordern Separatisten ebenfalls einen Beitritt zu Russland. Für wie realistisch halten Sie es, dass weitere Gebiete annektiert werden?

In der Ukraine ist man überzeugt, dass das provoziert ist. Russland hält einen gewaltigen Propaganda-Apparat am Laufen, um diese Stimmung zu erzeugen. In großen Teilen der Ukraine läuft russisches Fernsehen. Man verbreitet die Lüge, dass in Kiew eine rechte Regierung an der Macht ist; rechte Kräfte versuchten, ein faschistisches Regime aufzubauen. Das ist alles Propaganda. Das ukrainische Fernsehen beginnt, die Dinge nun objektiver darzustellen. Dennoch wirkt die Propaganda unter Janukowitsch nach. Die separatistischen Kräfte in der Ostukraine sind kleine Gruppierungen. Die meisten Menschen sind nicht bereit, sich Russland anzuschließen. Ich glaube, dass die Ostukraine nur mit Waffengewalt Russland einverleibt werden könnte.

Wie versucht Kiew die Ostukraine zu stabilisieren?

Zuvor war die Grenze zu Russland sehr durchlässig. Jetzt schottet man sie stärker ab. Es werden Schützengräben ausgehoben, damit Kriegsgerät aus Russland nicht in die Ukraine gebracht werden kann. Außerdem sollen Provokateure nicht in die Ukraine einreisen dürfen. Die Kontrollen sind verschärft worden; das ist ein ganz wichtiger Punkt. Regierungschefs Jazenuk hat gestern außerdem angewiesen, dass ukrainische Soldaten im Verteidigungsfall zurückschießen dürfen. Die Frage ist, inwieweit die Ukraine bereit ist, militärisch vorzugehen.

Was glauben Sie? Wie entschlossen ist die Regierung wirklich?

In der Ukraine wächst die Zustimmung, sich militärisch zu verteidigen. Es liegt nun an Russland: Bleibt es auf der Krim oder greift es auch nach ukrainischem Festlandterritorium. Ohnehin ist die Situation sehr angespannt, da die Regierung die Annektierung nicht anerkennt. Zwar ist es bisher noch nicht zu größeren Auseinandersetzungen gekommen, aber eine Eskalation ist jederzeit möglich. Die Ukraine hat große Hoffnungen darauf gesetzt, dass klare Erklärungen der westlichen Regierungen, der USA und der Europäischen Union, dazu führen, dass es Russland nicht so weit treibt. Doch jetzt wurden Tatsachen geschaffen.

Ist die ukrainische Übergangsregierung stark genug, um diese Krise durchzustehen?

Die Regierung hat sich in der Zwischenzeit konsolidiert, viele Experten einbezogen und versucht, Konzepte zu entwickeln. Sie muss sich natürlich noch stärker einarbeiten. Aber ich glaube, dass sie die Krise meistern und auch künftig Vertreter der Ostukraine einbeziehen kann.

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