Eine Art Glaubensexamen

Anhörungen von Asylbewerbern durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge werfen viele Fragen auf – Amt nimmt Kritik ernst – Änderungen offenbar in Sicht. Von Carl-Heinz Pierk
Muslime treten in das Christentum über
Foto: dpa | Pfarrer Gottfried Martens segnet die kleine Meliza vor ihrer Taufe in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz.

Abwegige Fragen, absurde Übersetzungen, willkürliche Entscheide: Die Klagen über die Anhörungen von christlichen Flüchtlingen, die vom Islam konvertiert sind, durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) häufen sich. Um Asyl in Deutschland zu erhalten, hört das Bundesamt Geflüchtete an und prüft anhand ihrer Aussagen, ob es nachweisbare Gründe gibt, die sie zu einem dauerhaften Aufenthalt berechtigen. Das geschieht auch, wenn die Asylsuchenden in ihrer Heimat aus Glaubensgründen verfolgt werden.

In den letzten Monaten wurden die Asylanträge vom Islam zum Christentum konvertierter Asylbewerber vom Bundesamt immer häufiger negativ entschieden. Dabei handelt es sich insbesondere um Asylbewerber aus dem Iran und aus Afghanistan, die häufig schon in ihren Heimatländern Christen waren, sich aufgrund massiver Verfolgung jedoch nicht taufen lassen konnten. Wer also prüft beim BAMF – und mit welcher Kompetenz? Die Fragenden, mitunter Atheisten, wissen dabei die Antworten oft selbst nicht. Trotzdem entscheiden diese Antworten später über die Zukunft der Flüchtlinge und einen Verbleib in Deutschland. Anhörungen sollen offenbar klären, ob Flüchtlinge, die in Deutschland Christen geworden sind, dies nur aus taktischen Überlegungen heraus getan haben. Auf Anfrage der „Tagespost“ erklärte das BAMF dazu: „Im Rahmen der persönlichen Anhörung prüft der Entscheider die näheren Umstände des Glaubenswechsels. Asylbewerber sind daneben immer gehalten, wenn möglich Nachweise beziehungsweise Beweismittel vorzulegen – dies wäre zum Beispiel die Taufbescheinigung. Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben. Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung. Dazu stellt das Bundesamt seinen Entscheidern aktuelle Herkunftsländerinformationen zur Verfügung, die die Gefährdungslage von Konvertiten im Detail beschreiben. Die konkrete Sachverhaltsermittlung obliegt dem im Einzelfall zuständigen Entscheider. Soweit geboten erscheinend, sind Nachfragen auch bei der aufnehmenden Gemeinde möglich und ausdrücklich vorgesehen.“ Im Wesentlichen gehe es darum, dass der Antragsteller glaubhaft machen müsse, „dass er seine Konversionsreligion bei Rückkehr in sein Heimatland ausüben wird und dass ihm deswegen dort eine asylrelevante Verfolgung droht“.

Im Rahmen von Anhörungen kommt es vielfach zu einer Art Religionsexamina, wie Pfarrer Gottfried Martens von der Dreieinigkeits-Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin-Steglitz festgestellt hat. Martens wurde durch sein Engagement für christliche Flüchtlinge bekannt, die in einigen deutschen Flüchtlingsunterkünften von ihren muslimischen Mitflüchtlingen drangsaliert und bedroht wurden. Heute setzt er sich vor allem für Flüchtlinge ein, deren Anhörung zur Konversion durch das Bundesamt Fragen aufwirft. Der evangelische Pfarrer zitiert aus Protokollen der Befragungen. Da heißt es unter anderem: „Wie versteht sich die Dreifaltigkeit mit der Allmacht Gottes?“ – „Wenn Jesus alle Menschen gleich liebt, warum ist dann Johannes sein Lieblingsjünger?“ – „Was kennen Sie noch für Konfessionen und was sind die Unterschiede?“ – „Die Taufe geht auf eine bestimmte Sünde zurück; können Sie mir diese erklären?“ – „Wie verträgt sich die Erbsünde mit einem vergebenden Gott?“ – „Was steht Ostern in der Kirche auf dem Tisch?“

Ob die Fragen tatsächlich so gestellt worden seien, könne man weder bestätigen noch widerlegen, heißt es beim BAMF in Nürnberg gegenüber dieser Zeitung: „Für Befragungen in der Anhörung zur Konversion gilt, dass sie nicht auf ein Glaubensexamen hinauslaufen dürfen. Vielmehr geht es um die Person, warum hat sie ihren Glauben gewechselt, wie wichtig ist ihr der neue Glaube, wie hat ihr Umfeld reagiert, wie hat sie ihren bisherigen Glauben praktiziert, wie den neuen Glauben, was gefällt ihr an ihrem neuen Glauben, was weiß sie über ihn. In diesem Zusammenhang wird vom Konvertit aber durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern kann, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich hat. Aus der Gesamtschau heraus ist schlussendlich eine Prognose des Verhaltens und die voraussichtliche Reaktion des Heimatlandes darauf zu treffen.“

Es sind nicht nur die teilweise skurrilen Fragen zum Glaubenstest, Kritik entzündet sich vor allem daran, dass der überwiegende Teil der Dolmetscher keine Ahnung vom christlichen Glauben zu haben scheint. Sie sind entweder muslimisch geprägt oder atheistisch. Entsprechend fallen die Übersetzungen immer wieder aus. Protokolle der Anhörungen, berichtete Martens, seien oft unvollständig oder falsch, weil die muslimischen Dolmetscher wie auch manche Anhörer den Ausführungen des Asylbewerbers zu seinem Glauben keine Bedeutung beimessen, sie nicht übersetzen und protokollieren oder Begriffe des christlichen Glaubens falsch übersetzen würden. „Antragsteller berichten sogar, dass sie wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben vom Anhörer und vom Dolmetscher verspottet wurden. Häufig wird die Rückübersetzung des Protokolls verwehrt, die ihnen zusteht. Asylentscheider, die den Antragsteller nicht selbst angehört haben, entscheiden jedoch nach Aktenlage anhand dieser Protokolle.“ Die Folge: In den letzten Monaten wurden die Asylanträge vom Islam zum Christentum konvertierter Asylbewerber vom BAMF immer häufiger negativ entschieden. Die Ablehnungsbescheide bestehen vielfach aus wiederkehrenden, vorgefertigten Textbausteinen, die zur persönlichen Situation des Asylbewerbers häufig keinen Bezug haben. Daher kommt es immer wieder zu Klagen bei Verwaltungsgerichten gegen die Ablehnung von Asylanträgen, weil die Antragsteller nicht nachweisen könnten, „den christlichen Glauben aus tiefer innerer Überzeugung angenommen zu haben“. Für Christen muslimischer Herkunft kann die Rückkehr in ihre Heimat lebensgefährlich sein – in vielen Staaten steht auf Apostasie die Todesstrafe. Auch die Ermordung durch extremistische Gruppierungen oder die eigene Großfamilie ist möglich.

Die Kritik an der Anhörungspraxis wird indes beim BAMF ernst genommen. Das bestätigt auch Pfarrer Martens gegenüber dieser Zeitung. „Es kommt Bewegung in dieser Angelegenheit.“ Die ersten negativen Bescheide seien vom Bundesamt aufgehoben worden. Sichergestellt werden soll, dass es kein Glaubensexamen mehr geben darf. Die noch immer zahlreichen anhängigen Verfahren sollen zügig abgearbeitet, Bescheide überprüft werden. Man bemüht sich außerdem beim Bundesamt, als Übersetzer Christen zu finden, damit insbesondere Konvertiten nicht mehr muslimischen Dolmetschern ausgeliefert sind.

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