Ein unscheinbares Wort macht Karriere

Wer es in den Mund nimmt, wird kaum noch vom Boden kommen

Von Johannes Seibel

Es gibt Wörter und Redewendungen, die führen im Deutschen ein paradoxes Aschenputteldasein. Sie sind zwar unzweifelhaft da, sie sind allgegenwärtig, ja sie durchdringen jede Pore unseres Daseins, aber jeder tut so, als seien sie das unscheinbarste der Welt, als gäbe sie es nicht und keiner will sie in den Mund nehmen. Igitt.

Beispielsweise in Sack und Asche gehen. Haben wir alle doch nicht mehr nötig in diesen aufgeklärten Zeiten, glauben wir, und wenn doch, machen wir das anders, nicht aschfahl, sondern in Hochglanz: Dann setzen wir uns in eine Talkshow oder schreiben ein Buch und bekennen, was das Zeug hält, womit sich mit ein wenig Geschick gar noch etwas Asche machen lässt.

Asche machen. Jeder weiß, was gemeint ist. Jeder möchte in seinem Leben nichts sehnlicher als krass viel Asche machen. Aber bloß nicht so sein und so reden wie die, die Asche machen expressis verbis auch tatsächlich sagen, wenn sie Bimbes, Kohle, Zaster, Moneten meinen, die Halbseidenen, die Schmuddelkinder, die Neureichen. Dann doch lieber schick in der Mitte der Gesellschaft über Derivate smalltalken, über Optionsscheine und Terminwarengeschäfte und Rendite und Boni. Das hört sich gut an, viel besser jedenfalls als ein ordinäres Asche machen.

Ist jedoch der Ruf erst ruiniert, lebt sich's selbst für die biedersten Biedermänner gänzlich ungeniert. Das wissen etwa die aschblonden Isländer ganz genau. Deshalb streuen sie sich die Asche wegen ihrer Beinahe-Staatspleite, mit der sie viel, sehr viel, viel zu viel Geld anderer Leute verbrannt haben, auch nicht aufs eigene Haupt; nein, sie lassen ihre Äscher einfach mal kräftig pupsen, und schon ist der Rest Europas derart eingeäschert, dass dort keiner mehr ab- und sich über die Isländer zu überheben getraut. Schon ist vulkanische Ruhe. Gibt's in Griechenland auch Vulkane?

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