Ein Schreckensjahr für die Kirche

2018 endet, wie es begonnen hatte – Wegen sexuellen Missbrauchs drohen Kardinal George Pell in Australien hohe Strafen. Von Guido Horst
2018 Schreckensjahr für die Kirche
Foto: Adobe Stock

Ein Schreckensjahr für die katholische Kirche, die römische mit eingeschlossen. Und es endete, wie es im Januar mit der Chile-Reise des Papstes begonnen hatte: mit empfindlichen Schlägen für die Hierarchie. Sie gelten als das Fundament der „Catholica“: die mit dem Papst, dem Felsen, verbundenen Bischöfe. Aber anders als bei den Missbrauchsskandalen Anfang des Jahrhunderts, vor allem in den Vereinigten Staaten, und dann 2010 in Deutschland, Irland und weiteren Ländern, ging es jetzt nicht mehr nur um einzelne Täter im Klerus, sondern um Vertuschungen, Schweigekartelle und vor allem eben um die Hirten selbst, die, wie Papst Franziskus in seinem „Brief an das Volk Gottes“ vom 20. August schrieb, „die Kleinen vernachlässigt und alleingelassen“ haben.

Dass jetzt bekannt geworden ist, dass Kardinal George Pell, seit anderthalb Jahren beurlaubter Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, von einem Gericht in Melbourne wegen obszönen Verhaltens und des Missbrauchs eines Minderjährigen in seiner Zeit als Erzbischof in Melbourne – also in den neunziger Jahren – schuldig gesprochen worden ist, ist wieder so ein Fall, wie er für das Jahr 2018 bezeichnend war: Nicht einen Pfarrer in irgendeiner Gemeinde hat die Härte des Gesetzes getroffen, sondern einen Bischof und Kardinal, der sogar so etwas wie eine Stütze römischen Reformeifers war: Pell sollte nicht nur die Vatikanfinanzen unter Kontrolle bringen, sondern saß auch in dem Rat der neun Kardinäle, der Franziskus bei der Leitung der Kurie helfen soll. Im Oktober hat ihn der Papst mit zwei weiteren Kardinälen aus diesem Rat entlassen.

Der Fall von „Uncle Ted“ McCarrick ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Aufklärung der Vorwürfe im Zusammenhang mit dem ehemaligen Erzbischof von Washington, der wegen homosexueller Gewalt an einem Minderjährigen schließlich seine Kardinalswürde verlor, lässt auf sich warten, obwohl auch Kurienleute diese nach den Vorwürfen des Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano, im Vatikan hätten viele von dem Lebenswandel McCarricks gewusst, angekündigt hatten. Im kommenden Januar muss sich Kardinal Philippe Barbarin vor einem Lyoner Gericht dafür verantworten, 2007 Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester seiner Diözese nicht verfolgt zu haben. In Deutschland lasten ähnliche Nachlässigkeiten auf dem Ruf des ehemaligen Konferenzvorsitzenden Erzbischof Robert Zollitsch. In England gilt das Gleiche für Kardinal Vincent Nichols, den Erzbischof von Westminster. In Lateinamerika ermittelt ein Menschenrechtsgerichtshof in derselben Materie gegen den ehemaligen Erzbischof von Mexiko-Stadt, Kardinal Norberto Rivera Carrera, und die Vorwürfe gegen hohe Kirchenrepräsenaten in Chile sind sattsam bekannt.

Besonders dramatisch aber ist der Prozess gegen Kardinal Pell. Mit der sogenannten „Suppression Order“ hat ein Gericht eine völlige Nachrichtensperre für den Fortgang des Verfahrens verhängt. Am 4. Februar soll nach dem bereits erfolgten Urteilsspruch auch das Strafmaß über den Kardinal verhängt werden – erst anschließend können dessen Anwälte Berufung gegen das Urteil einlegen. Und erst im Mai beginnt das zweite Hauptverfahren gegen den Kirchenführer, in dem es um Vorfälle in den siebziger Jahren geht. In Australien gibt es keine Verjährungsfristen bei sexuellen Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche und die Strafen sind hoch. Pell streitet alle Anklagen ab. Aber viele wissen auch, dass er in Australien zur Projektionsfläche aller antikirchlichen Ressentiments geworden ist. Die Ahnung, dass er als Sündenbock für viele Vergehen von Klerikern an Schutzbefohlenen herhalten muss, drängt sich da gewaltig auf. Ein Trost ist das nicht. Die Kirche insgesamt durchleidet eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise. Und auch der Missbrauchs-Gipfel Ende Februar im Vatikan wird das Blatt nicht wenden.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Chile-Reisen Erzbischöfe George Pell Kardinäle Minderjährigkeit Missbrauchsaffären Norberto Rivera Carrera Papst Franziskus Päpste Robert Zollitsch Sexueller Missbrauch Verbrecher und Kriminelle

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier