Ein Programm gegen den Hunger

Weniger Nahrungsmittelabfall kann Millionen vor Hunger bewahren. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: dpa | Mit dem Gemüseberg hätten noch zahlreiche Menschen ernährt werden können.
Foto: dpa | Mit dem Gemüseberg hätten noch zahlreiche Menschen ernährt werden können.

Bangkok (DT) Dass derzeit rund 870 Millionen Menschen auf dieser Welt täglich Hunger leiden, ist an sich ein erschreckender Befund. Dass dies allerdings schon allein vor allem daran liegt, dass Unmengen an Lebensmitteln nach der Ernte verderben, verloren gehen oder ungegessen weggeworfen werden, gibt vielen zu denken: Wenn insgesamt nur ein Viertel weniger Nahrungsmittel im Abfall landeten, könnten damit all die hungernden Menschen bereits ausreichend ernährt werden.

Mit dieser Erkenntnis hat die UN-Agrarorganisation (FAO) am Dienstag in Bangkok eine beispielhafte Initiative gegen Hunger angekündigt. „Wir verlieren weltweit jedes Jahr die unglaubliche Menge von 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmitteln“, sagte der FAO-Regionalvertreter für die Asien-Pazifik-Region, Hinroyuki Konuma. „Das wäre genug, um drei Milliarden Menschen zu ernähren.“ Mit der Initiative, deren Bekanntgabe im Rahmen einer Tagung hochrangiger Interessenvertreter zu Nahrungsmittelverlusten und Verschwendung von Lebensmitteln im Asien-Pazifik-Raum erfolgte, will die FAO erreichen, dass sich weniger Essbares auf dem Weg von der Ernte zum Endverbraucher in den Müll verirrt. Über 130 Teilnehmer aus 20 Ländern wollen sich nun um Wege bemühen, die hohen Nahrungsmittelverluste zu reduzieren. Erwartet wird eine amtliche Verlautbarung mit Handlungsvorschlägen, wie Essen für den heimischen Tisch bewahrt werden kann.

Nach FAO-Angaben produzieren Bauern weltweit genug Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und anderes Essen für alle rund sieben Milliarden Erdenbürger. Dennoch hungere aber jeder achte regelmäßig. Und zwar, weil er zu arm ist, sich das Essen zu kaufen, das beim Händler liegt, nachdem vorher gründlich aussortiert wurde. Allein in Asien erreichen nach FAO Schätzungen 42 Prozent der Obst- und Gemüseernte und 30 Prozent des Getreides die Verbraucher nicht. In Indien, wo nach Angaben der Weltbank ein Drittel der Armen der Welt lebt, gehen rund 40 Prozent der im Land produzierten Lebensmittel verloren, wie ein Abgeordneter nach der Parlamentsabstimmung in Bangkok über das wohl größte Ernährungsprogramm der Welt, das demnächst in Asien starten soll, sagt. Der rasche wirtschaftliche Aufschwung der Asien-Pazifik-Region im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ließ Armut und Hunger nicht verschwinden. Die Gewinne des Wachstums wurden ungleich verteilt, was zu einer aufklaffenden Einkommenslücke in zahlreichen Ländern der Region führte. Nach Statistiken der United Nations Economic und der Social Commission für Asien und den Pazifik lebten geschätzte 653 Millionen Menschen der Region unterhalb der nationalen Armutsgrenze im Jahr 2010.

Das soll nun geändert werden. Das Programm sieht vor, monatlich 820 Millionen Menschen mit fünf Kilogramm Getreide zu Cent-Preisen auszustatten, sobald das Oberhaus und der Präsident zugestimmt haben. Das gilt als Formsache. Des weiteren sollen die Lagerkapazitäten ausgebaut werden. Die FAO will mit Experten auch bessere Lager- und Haltbarkeitsmethoden entwickeln. Zudem plant sie mit den Agrarministern in der Region Aufklärungs- und Schulungskampagnen, um zusätzlich Lebensmittelverluste zu reduzieren. Yukol Limlamthong, Thailands stellvertretender Premierminister und Landwirtschaftsminister, sagte auf der Eröffnungssitzung der Tagung, dass es im Kontext der Asien-Pazifik-Region mehr Bemühung um ein globales Bewusstsein brauche für das kritische Problem des Verlustes von Essen nach der Ernte und insbesondere dessen Verschwendung auf Seiten der Verbraucher, welche heutzutage ansteige. Der Oppositionspolitiker Gurudas Dasgupta befürwortete das Programm im Parlament: „Ich begrüße die Entscheidung, Getreide stark zu subventionieren, denn die Menschen hier haben kein Geld, um sich Essen zu kaufen.“

Kritiker jedoch halten das 16 Milliarden teure Projekt für kaum finanzierbar. Vor allem, weil Indien in einer Finanzkrise stecke. Der Indische Industrieverband CII warnte, dass dadurch das schon gefährlich hohe Haushaltsdefizit weiter ansteigen würde. Die Unternehmerin Kiran Mazumdar Shaw, die reichste Frau Indiens, fragte auf Twitter: „Wird es uns finanziell ruinieren?“ Wie sie riefen viele Kommentatoren dazu auf, die Getreidemengen und Auslieferungen digital zu erfassen, um Korruption und weitere Verteilungsungerechtigkeit zu verhindern.

Mit Material von dpa.

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