„Ein Pakt mit Johannes Paul II.“

Von Krakau nach Tschenstochau und wieder zurück: Papst Franziskus absolviert das WJT-Programm mit viel Energie. Von Stefan Meetschen
World Youth Day 2016 in Krakow
Foto: Daniel Dal Zennaro (ANSA) | Am Donnerstag traf Papst Franziskus die Jugend der Welt im Jordan-Park in Krakau.

Das muss man ihm lassen: Energie hat er. Papst Franziskus, der seit Mitte dieser Woche den polnischen Boden sicher macht. Bereits im Flugzeug auf dem Weg zum Weltjugendtag nach Krakau meldete sich der 79-Jährige gegenüber den mitreisenden Journalisten zu Wort. Ordnete rhetorisch die aktuelle Weltlage, die für Europäer so bedrohlich wirkt, wie schon lange nicht mehr. „Wenn ich von Krieg spreche, spreche ich ernsthaft von Krieg“, zitiert ihn die Katholische Nachrichtenagentur (KNA). „Nicht von Religionskrieg, nein. Es herrscht Krieg der Interessen, es herrscht Krieg ums Geld, es herrscht Krieg um die Ressourcen der Natur, es herrscht Krieg um die Herrschaft über die Völker: Das ist der Krieg. Es kann jemand meinen: ,Er spricht von Religionskrieg.‘ Nein. Alle Religionen, wir alle wollen den Frieden. Den Krieg, den wollen die anderen. Verstanden?“

Irgendwie schon. Doch wer fragt angesichts des rasanten Tempos des Argentiniers überhaupt nach der Bedeutung jedes einzelnen Wortes? Kaum war er am Flughafen Krakau-Balice gelandet, ging es nach kurzem Empfangszeremoniell weiter mit dem Papamobil zum Krakauer Königsschloss. Giro di Cracovia. Winke, winke. Längst haben die Krakauer – jedenfalls diejenigen, die noch in der Stadt sind – den umtriebigen Pontifex „vom Ende der Welt“ in ihr Herz geschlossen. Er sie auch.

Offener Dialog hinter verschlossenen Türen

Seine Begrüßungsrede gegenüber Polens Präsident Andrzej Duda und den Vertretern der polnischen Regierung und Gesellschaft war jedenfalls sehr ausgewogen. Respekt vor der polnischen Geschichte, der katholischen Identität des Landes war darin genauso zu spüren, wie ein leichtes Missfallen gegenüber der polnischen Zurückhaltung bei der europäischen Flüchtlingshilfe.

Originalton Franziskus: „Zugleich ist die Bereitschaft zur Aufnahme derer notwendig, die vor Kriegen und Hunger fliehen; die Solidarität gegenüber denen, die ihrer Grundrechte beraubt sind, darunter des Rechtes, in Freiheit und Sicherheit den eigenen Glauben zu bekennen.“ In Polen, wo man – neben einer Million Ukrainern – auch Flüchtlinge aus dem Nahen Osten aufgenommen hat, die aber nicht bleiben wollten, war man vermutlich schon auf schärfere Kritik eingestellt.

Und die polnischen Bischöfe? Die durften nun ihrerseits einmal Dampf ablassen. In der Wawel-Kathedrale fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein „offener Dialog“ zwischen dem Pontifex aus Südamerika und dem Episkopat statt, der in der Mehrheit irritiert ist, wie Franziskus die Ehe- und Familienlehre der Kirche mit dem Schreiben „Amoris laetitia“ durcheinandergewirbelt hat. Man wünscht sich bei allem Wirklichkeitssinn (oder gerade deswegen!) eine Rückkehr in die geordneten Bahnen von „Familiaris consortio“, dem Schreiben des polnischen Papstes, das – wie eigentlich alles, was Johannes Paul II. verfasst hat – in seiner Heimat nicht verhandelbar ist. Was sich in der offiziellen Ansprache des Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki so anhört: „Wir grüßen Dich, im Geiste des tiefen Glaubens, als Petrus unserer Zeit, dessen Aufgabe die Sorge um die Einheit, die Integrität und die Unauflöslichkeit der Lehre Christi ist.“ Wobei man in Polen aufgrund der eigenen Geschichte – vor 1 050 Jahren wurde das Land getauft, die polnische Mystikerin Schwester Faustina prägt mit ihren Visionen des barmherzigen Jesus entscheidend die katholische Spiritualität des 21. Jahrhunderts – auch um den eigenen Stellenwert in der Weltkirche weiß. Entsprechend beendete Gadecki seinen Vortrag: „... wenn wir unsere Bindung an Christus persönlich und gemeinschaftlich vertiefen und anderen die Freude am Evangelium weitergeben, dann werden wir – trotz unserer Schwächen und Mängel – wirklich zu einem ,Funken‘ werden, der aus Polen kommt und die christlichen Wurzeln Europas verstärkt und die Welt auf die Wiederkunft Christi vorbereitet.“

Papst Franziskus scheint soviel Selbstvertrauen im Kontext der Eschatologie zu mögen. Nachdem der Papst am Donnerstagmorgen dem schwer erkrankten Altbischof von Krakau, Kardinal Franciszek Macharski, sozusagen unter Namensvettern, einen Besuch abgestattet hatte und auch Zeit für einen Kurzbesuch im Kloster der Schwestern von der Heimsuchung Mariens fand, um diesen eine schöne Widmung ins Erinnerungsbuch zu schreiben („Mit Dank für euren wertvollen Dienst segne und ermutige ich euch für eure Aufgabe im Bereich der Erziehung, liebevoll die Samen der Güte, der Schönheit und der Wahrheit aufzuziehen, die Gott in den jungen Generationen aussät“), überschüttete der Papst („Gott ist konkret“) im weltberühmten Marienwallfahrtsort Tschenstochau die polnischen Katholiken mit Komplimenten – im marianischen Geist. „Der Ewige teilt sich mit, indem er seine Zeit mit konkreten Menschen und in konkreten Situationen verbringt. Auch eure Geschichte, die durchwirkt ist von Evangelium, Kreuz und Treue zur Kirche, hat die positive Ansteckung eines echten Glaubens erlebt, der von Familie zu Familie, vom Vater an den Sohn und vor allem von den Müttern und den Großmüttern übertragen wurde, denen so viel Dank gebührt. Im Besonderen habt ihr die konkrete und vorsorgliche Zärtlichkeit der Mutter aller mit Händen greifen können – dieser Mutter, die zu verehren ich als Pilger hierhergekommen bin ...“. Sprich: Wenn Polen am Glauben und an Maria festhält, wird alles gut.

Premierministerin Szydlo rief Alarmstufe „Alfa“ aus

Ein Optimismus, der auch in Krakau – trotz schwüler Regen- und Gewitteratmosphäre – konkret spürbar bleibt. Zwischen Rynek (Marktplatz) und Blonia-Wiesen herrscht eine solch entspannte, friedliche Atmosphäre, wie man sie früher in Westeuropa für garantiert hielt. Die herzlichen Handshakes der Pilger mit Polizisten und Soldaten zeigen, dass sich die jungen Gläubigen, die zum WJT gekommen sind, ihre Hoffnung und gute Laune auch nicht durch die Alarmstufe „Alfa“ verderben lassen, welche Premierministerin Beata Szydlo (PiS) zur Sicherheit der Pilger und des Papstes ausgerufen hat. Sympathisch, dass ihre Büroleiterin Beata Kempa gegenüber polnischen Journalisten eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung der Regierung ausplauderte. „Wir haben einen Pakt mit Johannes Paul II. geschlossen.“

Davon profitiert auch Papst Franziskus, der, aus Tschenstochau zurückgekehrt, die Straßenbahn Richtung Blonia-Wiesen nahm, um dort die jungen Leute aus 187 Nationen zu begrüßen und sie vor falschen „Rausch“-Angeboten zu warnen: „Liebe Freunde, ich frage euch: Wollt ihr für euer Leben diesen entfremdenden Rausch, oder wollt ihr die Kraft spüren, die euch das Gefühl der Lebendigkeit und der Fülle vermittelt? Entfremdender Rausch oder Kraft der Gnade? Um erfüllt zu sein, um erneuerte Kraft zu besitzen, gibt es eine Antwort: Es ist nicht eine Sache, nicht ein Objekt, es ist eine Person und sie lebt, sie heißt Jesus Christus.“

In der Straßenbahn zusammen mit dem Papst waren junge Menschen mit Behinderung. Auch der WJT 2016-Graphiker Maciej Szymon Ciesla hätte dort sein sollen, doch er verstarb nach einer Krebs-Erkrankung im Alter von nur 27 Jahren Anfang Juli. Papst Franziskus hat diesem Mann ein Denkmal gesetzt, als er bei seiner Ansprache aus dem legendären „Papstfenster“ im Erzbischöflichen Palast in der Franciszkanska-Straße 3, wo Johannes Paul II. bei seinen Besuchen die jungen Leute spontan zu begeistern vermochte, zu einer Schweigeminute für den Grafiker einlud. „Er ist schon bei Christus, während wir noch hier sind“, rief der Papst den jungen Leuten zu.

In diesem Moment war Franziskus nicht zu liberal oder zu konservativ, nicht zu wenig politisch oder zu viel, kein Verunsicherer und auch kein Sicherheitsproblem für die Kirche. Er war ganz das, was er sein soll: der „Petrus unserer Zeit“.

Hintergrund:

Auszug aus dem Grußwort des Heiligen Vaters auf dem Flug von Rom nach Krakau am 27.7.2016:

„Ein Wort, das im Zusammenhang mit dem, was Pater Lombardi ansprach, so oft wiederholt wird, ist „Unsicherheit“. Aber das wahre Wort lautet: „Krieg“. Seit langer Zeit sagen wir: „Die Welt befindet sich in einem stückweisen Krieg.“ Dies ist Krieg. Es gab den von 1914 mit seinen Methoden; dann den von 1939 bis 1945, ein weiterer großer Weltkrieg; und jetzt ist es dieser. Er ist vielleicht nicht sehr organisch; organisiert, ja, aber organisch… Doch es ist Krieg. Dieser heilige Priester, der gerade in dem Moment starb, als er das Gebet für die ganze Kirche darbrachte, ist einer; aber wie viele Christen, wie viele Unschuldige, wie viele Kinder… Denken wir an Nigeria, zum Beispiel. „Aber das ist Afrika…“ Es ist Krieg. Wir haben keine Angst, diese Wahrheit auszusprechen: Die Welt befindet sich im Krieg, denn sie hat den Frieden verloren.

Vielen Dank für Ihre Arbeit bei diesem Weltjugendtag. Die Jugend ist für uns immer ein Ausdruck der Hoffnung. Hoffen wir, dass die jungen Menschen uns etwas sagen, das uns in diesem Moment ein wenig mehr Hoffnung gibt.

In Bezug auf den Vorfall von gestern möchte ich auch all denen danken, die sich mit Beileidsbekundungen gemeldet haben, in besonderer Weise dem Präsidenten Frankreichs, der sich telefonisch mit mir in Verbindung gesetzt hat, wie ein Bruder. Ich danke ihm.

Nur ein Wort möchte ich noch sagen, zur Klärung. Wenn ich von Krieg spreche, spreche ich ernsthaft von Krieg. Nicht von Religionskrieg, nein. Es herrscht Krieg der Interessen, es herrscht Krieg ums Geld, es herrscht Krieg um die Ressourcen der Natur, es herrscht Krieg um die Herrschaft über die Völker: Das ist der Krieg. Es kann jemand meinen: „Er spricht von Religionskrieg.“ Nein. Alle Religionen, wir alle wollen den Frieden. Den Krieg, den wollen die anderen. Verstanden?“

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