Ein Leben im Dienst der Politik und des Friedens

Friedensnobelpreisträger und Ex-Präsident Schimon Peres stirbt mit 93 Jahren. Von Andrea Krogmann
Foto: dpa | Schimon Peres – hier mit Palästinenserführer Jassir Arafat – suchte nach einem Frieden mit den Palästinensern.

Wie kaum ein zweiter hat Schimon Peres den Nahen Osten in den letzten Jahrzehnten mitgestaltet. Mehr als 60 Jahre diente er Israel in nahezu allen wichtigen politischen Ämtern. Er beendete seine politische Karriere 2014 auf deren Höhepunkt mit der ihm zuvor über lange Jahre im eigenen Land versagten Anerkennung. Am Mittwochmorgen ist der neunte israelische Präsident an den Folgen eines schweren Schlaganfalls in einem Krankenhaus bei Tel Aviv gestorben. Schimon Peres wurde 93 Jahre alt. Mit dem Friedensnobelpreisträger geht einer der hartnäckigsten israelischen Fürsprecher für einen Frieden mit den Palästinensern.

Schimon Peres, am 2. August 1923 im polnischen Wiszniew geboren (heute Wischnewa in Weißrussland), kam als Elfjähriger mit seinen Eltern nach Palästina und schon als Jugendlicher in die Politik. Er engagierte sich in der Arbeiterpartei und der Gewerkschaftsbewegung und kämpfte in der jüdischen Miliz „Haganah“. 1959 erstmals als Abgeordneter in die Knesset gewählt, diente er mit einer kurzen Unterbrechung 2006 bis zu seiner Wahl zum israelischen Präsidenten 2007 in jedem Parlament seines Landes. Er war von 1977 bis 1992 Vorsitzender der Arbeiterpartei „Ha-Awoda“, bevor er 2005 in die neugegründete Kadima-Partei wechselte. Als er als ältestes Staatsoberhaupt der Welt und dienstältester Politiker seines Landes im Sommer 2014 sein letztes offizielles Amt niederlegte, hatte Schimon Peres in zwölf Regierungen gedient, war Knessetsprecher gewesen, Außenminister, mehrfach Ministerpräsident, stellvertretender Staatspräsident und schließlich seit 2007 Präsident.

„Weise und gut“ nannte Papst Franziskus das Staatsoberhaupt. Die Bilder des gemeinsamen Besuchs von Peres und Palästinenserchef Mahmoud Abbas gingen um die Welt. Die Wertschätzung der westlichen Welt für den alten Mann, der auch nach Ende seiner offiziellen Karriere unbeirrbar an seinem optimistischen Traum von Frieden für Nahost und Sicherheit für Israel festhielt, kannte kaum Grenzen, Attribute wie „Friedenstaube“ begleiteten die Nennung seines Namens.

Schimon Peres wollte ein starkes, ein jüdisches Israel. Es gebe im Judentum keinen Unterschied zwischen Religion und Nation, betonte er wiederholt. Ein starkes und sicheres Israel war für den Staatsmann jedoch anders als für die meisten seiner politischen Zeitgenossen undenkbar ohne einen dauerhaften Frieden, für dessen Erreichen Peres eine starke Führung forderte. Er kritisierte den Missbrauch von Religion für das „Zementieren von Hergebrachtem“ und wandte sich gegen jedwede Form von Gewalt. Bomben und Steine, von denen in seiner langen Amtszeit unzählige in Kriegen und Intifadas zum Einsatz kamen, seien keine Alternative.

Im Ausland geschätzt für sein klares Engagement für einen friedlichen Nahen Osten, blieb der Einwanderer Peres dabei Zeit seines Lebens fremd im eigenen Land. Als naiven Träumer sahen sie ihn, wenn er inmitten der wiederkehrenden Zyklen der Gewalt von Frieden mit dem arabischen Nachbarn sprach. Seine Hartnäckigkeit machte ihn in den Augen vieler Israelis zu einem arroganten und unnahbaren Außenseiter. Die politische Linke im eigenen Land warf ihm Friedensbemühungen aus Pragmatismus vor. Letztlich habe er als Staatsoberhaupt der Siedlungspolitik des amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu legitimiert, eine Kritik, die auch von palästinensischer Seite zu hören war.

Es klingt beinahe wie eine Ironie des Schicksals: Lieben gelernt haben die Israelis ihren Schimon Peres erst in seinem letzten Amt, das zugleich für ihn das erste wichtige Amt war, in das er ohne nennenswerte Um- und Nebenwege gewählt wurde. Als neunter Präsident des Staates, rund ein halbes Jahrhundert nach Beginn seiner politischen Karriere, rühmte sich Schimon Peres nahezu ungebrochener Beliebtheit auch im eigenen Land – als jener Mann, der innerhalb des israelischen politischen Systems mit Abstand der Machtloseste ist. Mit Schimon Peres ist am Mittwochmorgen in Israel eine wichtige „Stimme des Friedens“ verstummt. Von Peres' großem Traum des Friedens ist der Nahe Osten weiter entfernt als je zuvor.

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