Berlin

Ein Kompass für die Zeit nach Corona

Wie geht es nach der Pandemie weiter? Zehn Thesen, wie eine christliche Ethik in Post-Corona-Zeiten aussehen könnte.
Leben mit Coronavirus
Foto: Joel Carrett (AAP) | Kein Weg führt zurück: Corona hat unser Leben unwiderruflich geändert. Die Hoffnung auf Normalität paart sich mit Ungewissheit über die Welt von morgen.

Das Corona-Virus ist nicht besiegt. Mit allen möglichen Mutationen wird es weiter viel Leid bringen. Bald zwei Jahre sind vergangen seit dem ersten bekannten Auftreten beim Menschen. Diese Monate haben die Welt schockiert und nachhaltig verändert. Impferfolge machen Hoffnung. Doch müssen wir uns darauf einstellen, das Virus langfristig nur mit einer fortlaufenden Impfung beherrschen zu können. Immerhin sehen wir Licht am Ende des Tunnels mit all den Kranken und Toten, mit all den wirtschaftlichen und sozialen Belastungen, mit all den Ängsten und Einschränkungen. Ein Danach kann nicht einfach wie das Davor sein. Dieser epochale Schock muss Folgen haben für unser Verständnis von Humanität und Vertrauen, von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Eine christlich-sozialethische Perspektive geht an die Wurzeln unseres Verständnisses vom Menschen und Zusammenleben. Sie ist deshalb im wahrsten Sinne radikal. Zehn Thesen um das Verständnis von Menschenbild, Politik, Meinungsbildung und Kirche zeigen die Richtung in die Zukunft.

 

These 1: Extreme zerstören das humane Fundament Sozialer Marktwirtschaft

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In Krisen haben extreme Positionen Konjunktur. Der Utilitarismus steht für eine Verrechnung menschlichen Lebens je nach gesellschaftlicher Nützlichkeit. Leben heute könnte geopfert werden für künftiges Leben, und altes Leben für junges. In Italien erlebten wir 2020 entsprechend die Einführung einer altersdiskriminierenden Triage. In Großbritannien und Deutschland blühten libertäre Ökonomisierungen auf. Toby Young vertrat die Herdenimmunität. Dazu rechnete er gerettete Lebensjahre in Geldeinheiten um und konnte in einer rein monetären Bilanz menschliches Leben einem in Geld verrechneten Nutzen unterordnen. Gleiches tat der Gesundheitsökonom Bernd Raffelhüschen. Auf der anderen Seite werden die Stimmen einer neo-sozialistischen Reform der Marktwirtschaft lauter, um aufgetretene Marktfehler auszumerzen. Mehr Etatismus soll die vermeintlich defizitäre Eigenverantwortung ersetzen. Das Humanum als unverfügbarer Selbstwert mit Verantwortung vor sich, vor anderen und einer objektiven Idee des Guten geht so verloren. Die Extreme zerstören das humane Fundament Sozialer Marktwirtschaft.


These 2: Menschliche Machbarkeit hat Grenzen

Menschenleben zu retten, bleibt das richtige Ziel. Dabei gerät nur schnell aus dem Blick, dass es niemals eine hundertprozentige Risikoabsicherung gibt. Jede Teilnahme am Straßenverkehr birgt ein Lebensrisiko. Die Vorstellung, Politik, Medizin und Wissenschaft könnten uns durch immer straffere Maßnahmen jedes Risiko nehmen, ist ein fataler Fehler menschlicher Hybris. Solche Begrenztheit menschlicher Machbarkeit anzunehmen, sollte Demut auch in anderen wichtigen Fragen unserer Zeit bedeuten. Sie führt etwa zur Ablehnung von transhumanistischen Utopien von menschlichem Bewusstsein, das   über PCs hochgeladen   unendliches Leben verspricht.


These 3: Die Utopie vom selbstlosen Kollektivmenschen ist falsch

In der Krise offenbarte sich die Conditio humana mit ihrer hellen Seite - etwa durch solidarisches Miteinander, großartigen Einsatz in Gesundheitsberufen et cetera   und mit ihrer dunklen Seite - etwa mit Corona-Partys, Kämpfen ums knappe Klopapier. Es ist falsch zu glauben, der Mensch sei von Natur aus des Menschen Wolf. Er hat auch eine moralisch gute Seite. Ebenso falsch ist die Utopie vom selbstlosen Kollektivmenschen. Denn auch eigennützige Züge sind dem Menschen zu eigen. So hatte es schon Thomas von Aquin erkannt. In der Migrations-, Wirtschafts- und Steuerpolitik ist es fahrlässig, allein auf selbstlose intrinsische Gemeinschaftswesen zu setzen. Moral Hazard und gesellschaftliche Spaltung wären die Folge. Bedingungsloses Grundeinkommen durch bloße Umverteilung ist deshalb ebenso eine unrealistische Verlockung wie Ignoranz gegenüber Überfremdungsängsten.


These 4: Es ist Zeit für neue Redlichkeit

Der Ursprung des Virus bleibt weiter nebulös. Der Verdacht, ein chinesisches Kampfstoff-Labor könnte dahinterstecken, ist nicht entkräftet. Diese Denk-Option, der aggressive Neu-Imperialismus und die massiv unterdrückte Freiheit in China lösen in der westlichen Welt wenig Empörung aus. Kurzfristige Interessen oder Ideologie behindern eine klare Kante gegenüber solcher Aggression. Es ist Zeit für neue Redlichkeit mit Koalitionen, die sich nicht ökonomisch, militärisch oder anderweitig einschüchtern lassen und stattdessen hörbar für Menschenrechte eintreten.


These 5: Gute Politik findet sich dort, wo Moral und Macht zusammenfallen

Das Ringen um eine gute Corona-Politik war in Deutschland begleitet von wichtigen personellen Entscheidungen in der Politik, so etwa der Kür von potenziellen Kanzlerkandidaten. Auch linke, liberale Parteien und Personen schärften in der Krise ihre Profile, ganz klassisch im Kontinuum zwischen Misstrauen und Vertrauen in staatliche Obrigkeit. Hier gilt es, im Sinne des Soziologen Niklas Luhmann die Perspektiven zu unterscheiden. Während es in Philosophie und Religion um die Frage nach Wahrheit und dem moralisch Guten geht, ist es in der Politik zuerst die Frage nach Macht. Gute Politik findet sich dort, wo Moral und Macht zusammenfallen.


These 6: Sensibler Umgang mit Begriffen ist das Gebot der Stunde

Gesundheitspersonal in der Corona-Krise

Wording transportiert oft ethisch gehaltvolle Inhalte. Als "Social Distancing" als wünschenswerte Tugend propagiert wurde, tat sich Unbehagen auf. Denn es könnte sich die Überzeugung einbrennen, dass menschliche Nähe etwas Schlechtes ist. Das aber widerspricht dem Gedanken gesellschaftlicher Irenik und erst recht der Nächstenliebe. Diskussionen um die sogenannte "Herdenimmunität" suggerierten eine Vermassung des Menschen und dessen Gleichsetzung mit Tieren. Wir sollten in Zukunft sensibel darauf achten, welche Ideen von Mensch und Gesellschaft mit Begriffen eingeführt werden, etwa wenn von Suizid statt Selbstmord, von Sterbehilfe statt Euthanasie, von Umwelt statt Schöpfung, von Kapitalismus statt Marktwirtschaft gesprochen wird. Sprache bildet Kultur. Wir sollten aufmerksam sein und diese inhaltlich mitgestalten, statt mitzuschwimmen.


These 7: Die Zeit ist reif für mehr Demut

Die Orientierungssuche war groß nach Haltepunkten auf schwankendem Boden immer neuer Erkenntnisse zu Virus und Mutationen, zu Inzidenz und Impfung, zur Wirksamkeit von Maßnahmen, zu sozialen Folgen von Schulden, Home-Office und Home-Schooling. An welche Lippen sollte man sich hängen? Virologen, Intensivmediziner, Politiker, Ethiker, Reporter, Pharmavertreter, Ökonomen traten in Medien als Warner, Mutmacher, Schlichter, Pragmatiker oder Idealisten auf. Und doch stocherten die echten und vermeintlichen Experten meist im Nebel. Die Suche nach dem verlässlichen Anker in der Not blieb weitgehend erfolglos. Platons Höhlengleichnis lehrt uns schon: Menschliche Expertise in echter Not ist zwar unverzichtbar. Sie ist aber in der Regel nur ein Schatten der Wahrheit. Skepsis braucht es deshalb gegenüber jeglicher Prophetie der Schatten. Daraus folgt gebotene Demut in Wissenschaft, Medien, Politik und Wirtschaft. Und das Vertrauen darauf, dass es mit dem Gottvertrauen neben den Schatten auch noch eine andere Prophetie gibt, die verlässlich Licht und Hoffnung ausstrahlt.


These 8: Narrative bestimmen unsere Wertekultur

In der Corona-Krise waren das etwa die Erzählung von der großen Verschwörung oder die vom wissenden Staat, der alles richtet, die vom weisen und die vom überforderten Gesundheitsminister, die von China als hinterlistigem Verursacher oder grandiosem Überwinder des Virus u.a., je nach Medium und Meinung. Das soziologische Wissen um die Wirksamkeit der Narrative sollte uns aufhorchen lassen. Manche Narrative halten der Realität nicht stand, so etwa der von der neuen Wertschätzung der Pflege: Öffentlichkeitswirksam wurden Anerkennung und Boni versprochen. Passiert ist wenig. Intransparente Vergabeverfahren führten zu viel Verärgerung. Narrative müssen stets an der Wirklichkeit gemessen werden.


These 9: Not lehrt nicht unbedingt beten

Das wurde in der Krise deutlich. Es gab viele kreative Ideen und großartige Initiativen in der Pastoral vor Ort. Aber nicht überall. Es gab auch Enttäuschung über versäumte Chancen, in dieser Zeit Glaubensgemeinschaft zu erfahren. Die christliche Botschaft der Liebe für Kranke und Sterbende oder die Wertschätzung der vielen Helden in der Krise braucht auch öffentlich Bilder und Gesichter. Solche Sichtbarkeit der Kirche als Anker und glaubwürdiges Vorbild gibt Mut. Auch hätte man sich etwa klarere Positionierungen von Glaubens-Interessen gewünscht. Als 2020 schon früh über die Fortsetzung der Fußballbundesliga diskutiert wurde, waren Gottesdienste noch kein Thema. Kirche muss ihrem Wesen nach für verantwortbare Gottesdienste eintreten. Es braucht ein neues Selbst-Bewusstsein zum eigenen Auftrag. 


These 10: Das Licht der Kirche gehört auf den Scheffel

Nähe zu Menschen zeigt Kirche, wenn sie sich ehrlich mit deren Freuden, Ängsten und Nöten beschäftigt, wenn sie also die wirklich existenziellen Fragen adressiert. Überschattet waren die schweren Monate stattdessen von unterschiedlichsten Formen kirchlicher Selbstbeschäftigung. Die Energie nach innen und außen müsste mehr in diejenigen Bereiche fließen, zu denen die Kirche gerufen ist: etwa die liebende Begleitung der Helfer, der Verlierer und Kranken, den Mut zur Würde in eigener Begrenztheit, zu Geborgenheit und Hoffnung in scheinbarer Ausweglosigkeit, zu Würde und Begleitung auch im Sterben oder auch zur Ermutigung kreativer Forschung als heilsgeschichtlich relevante Erfüllung. Auch aktuelle Hochwasserkatastrophen fordern dazu heraus. 

Ein verantwortbares "Danach" der Corona-Krise sollte aus christlich-sozialethischer Sicht radikal ansetzen. Damit es Gehör findet, müssen wir dem Zerrbild von Kirche, das sich in vielen Köpfen breitmacht, schnellstmöglich ein positives Narrativ von Kirche und Christsein entgegensetzen: mit dem bewussten christlichem Humanum als Kompass, mit gestärktem Gottvertrauen, mit gelebter und geforderter Redlichkeit, Mut für und Demut vor Gott als Tugenden sowie mit wachem Blick für Wesen und Wirken von Politik, Ideologie, Sprache und Prophetien. Die Kirche muss dazu ihr Wesen als Nähe zu Gott und Menschen neu justieren. Mit diesem großartigen Narrativ der Gemeinschaft in verantwortlicher Freiheit kann sie Gesellschaft wieder gewinnend mitgestalten.

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