Ein Glaube aus Fleisch und Blut

Bethlehem war immer für einen Lacher gut. Damals im Hörsaal 138. Kurz bevor es in die Weihnachtstage ging, wurde im Stall von Bethlehem noch mal so richtig ausgemistet. Exegetisch versteht sich. Übrig geblieben ist dann nicht viel. Erst sprangen Ochs und Esel über die Klinge historisch-kritischer Textarbeit. Am Ende blieb kein Bethlehem als Geburtsort, von Jungfrauengeburt ganz zu schweigen. Aber dafür wurde oft gelacht in dieser Vorlesung. Sparen wir uns Einzelheiten. Die professorale Weihnachtsbotschaft war klar: Die biblische Geburtsgeschichte mag frommen Seelen wohltun. Ich aber sage Euch: Wir aufgeklärten Christen wissen es besser.

Na dann, frohe Weihnachten! – Das alles ist etliche Jahre her und inzwischen hat sich manches verändert – nicht nur im Hörsaal 138. Auch Ratzinger stand damals in den Zimmern von Priesterseminaristen noch im „Giftschrank“. So hieß das absperrbare Schränkchen, in dem sich jene Bücher fanden, die man an der Uni besser nicht zitierte, wollte man halbwegs unbeschadet an sein theologisches Diplom kommen. Seit einigen Jahren ist Ratzinger nun Papst und an den theologischen Fakultäten in Deutschland wieder salonfähig. Manchmal ändern sich Dinge schneller als man glaubt. Manchmal sogar zum Besseren. Vor Jahren im Hörsaal 138 war daran nicht zu denken. Nein, das hätte man nicht einmal zu träumen gewagt. Dabei war Träumen damals durchaus „in“. Kirchenträume in den schillerndsten Farben zierten Plakate und Pinnwände an der Fakultät und prägten Besinnungswochenenden. Für Träume dieser Art war viel Platz. Schließlich hatte die Exegese nicht nur im Stall von Bethlehem ordentlich durchgefegt, die historische Zuverlässigkeit der Schrift stand insgesamt in Frage. Der exegetische Aderlass betraf nicht nur Weihnachten, sondern das gesamte Leben Jesu. Und wo nichts sicher ist, da ist alles möglich. Da nervt nur die Kirche mit ihrem starren Festhalten an der Überlieferung.

Das Leben Jesu, wie es die Evangelien erzählen, alles nur fromme Fama? Legendenmix, Gemeindebildung, bestenfalls noch in Geschichten gekleidete Theologie? „Was wir vom historischen Jesus wissen, passt auf eine Briefmarke“, mit dieser Quintessenz entließ man Generationen von Studierenden in das Leben und in die Seelsorge. Tragisch nur, dass die meisten von ihnen nicht Briefmarkensammler werden wollten, sondern ihr Leben eigentlich in den Dienst eben jenes Jesus stellen wollten.

Wer heute nach den Ursachen der Glaubens- und Kirchenkrise fragt, der muss auch darüber sprechen, wie an theologischen Fakultäten über Jahre und Jahrzehnte mit der Heiligen Schrift umgegangen wurde und wird. Um nicht missverstanden zu werden, die historisch-kritische Methode hat zweifellos ihre Berechtigung und Bedeutung, aber ihre ideologische Verabsolutierung hatte verheerende Folgen. Klaus Berger schreibt in seinem Jesus-Buch (2004) vom „doppelten Jesus-Verbot in der Theologie“. Das erste Verbot sprächen historisch-kritische Exegeten aus, die Jesus klein machen. Das zweite „die Ideologen und Schwätzer“, die solchen Exegeten folgten, und Jesus für ihre Ziele vereinnahmen und umdeuten. Man kann all jenen nur danken, die sich mühen, die Exegese von den Ketten ideologischer Verengung zu befreien. Wer das tut, bringt die Wissenschaft wieder zur Vernunft, verhilft dem Glauben zum Leben und gibt der Bibel ihre Bedeutung zurück. Wenn jüngere Neutestamentler wie Ansgar Wucherpfennig SJ davon sprechen, die Exegese tendiere im Großen und Ganzen wieder dazu, die historische Wahrheit als Hintergrund der Weihnachtsevangelien anzunehmen (DT vom 22. Dezember), dann ist das ein erfreulich hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft.

Die Vergangenheit aber wirkt nach. Denn geblieben ist die Erschütterung und Verunsicherung ganzer Theologengenerationen, die mal mehr suchend, mal mehr fragend, immer aber mit dem Vertrauen, in der Theologie gültige Antworten zu finden, an die Universitäten gegangen sind und dort bisweilen bitter enttäuscht wurden. Heute sind sie Religionslehrer, arbeiten in der Pastoral, sitzen im kirchlichen Mittelbau, an Redaktionsschreibtischen oder managen als Priester acht Pfarreien gleichzeitig. Wer all das aus dem Geist von Hörsaal 138 tun muss, der kann einem nur von Herzen leid tun.

Ist der Christus des Glaubens ein anderer als der historische Jesus? Das sind keine Randfragen für exegetische Proseminare oder biblische Einleitungswissenschaft, über die man unterschiedlicher Meinung sein könnte. Hier geht es um die Herzmitte des Glaubens. Insofern hat der Journalist Peter Seewald völlig Recht, wenn er sagt, „es war mit der größte Sieg der Gegner Christi, durchzusetzen, man könne das Leben Jesu nicht erzählen, weil die Quellen das nicht hergäben. Heute sind unsere Brunnen ausgetrocknet. Wir haben einen großen Teil des Grundwissens und der Grundwahrheiten verloren, mit denen das Christentum unsere Zivilisation gespeist hat.“ Seewalds viel diskutiertes Jesus-Buch (2009) verfolgt denn auch die Intention zu zeigen, dass man der Botschaft der Evangelien trauen kann und das Christentum auf historischen Fakten beruht.

Weder haben die Apostel für einen Mythos ihr Leben gelassen, noch sind Legionen von Märtyrern über Jahrhunderte kollektiver Geistesverwirrung erlegen. Sie haben auch kein wie auch immer geartetes jesuanisches Ethos hochgehalten, sie sind einer Person gefolgt. Sie haben an ihn geglaubt, weil sie mit ihm gelebt und ihn erlebt haben, jenen Jesus von Nazareth, der gekreuzigt wurde und auferstanden ist und dessen Geburt die Christenheit auf der ganzen Welt in diesen Tagen feiert.

An Weihnachten feiern wir einen Glauben aus Fleisch und Blut, einen Gott, der begreifbar wird und sich angreifbar macht. Das Kind in der Krippe: Das ist kein frommes Idyll, kein Mythos, keine Legendenbildung, das ist Realität, wahre Geschichte. Es ist dieser Realismus des Glaubens, von dem Papst Benedikt XVI. sagt, dass er uns in den Bedrängnissen der Gegenwart besonders gut tut (siehe Weihnachtsansprache an die römische Kurie, Seiten 7 und 8). Weihnachten bedeutet, sich von dieser Realität immer wieder neu durchdringen zu lassen.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier