Ein Gebet als Nationalhymne

Der Südsudan erlangt heute als säkularer Staat die Unabhängigkeit. Nach dem längsten Bürgerkrieg Afrikas gelingt damit die Loslösung des christlichen Südens vom muslimischen Norden. Von Rainer Rothfuß
Foto: Rothfuß | „Endlich frei“: In Juba führen Angehörige einer von rund 600 ethnischen Gruppen einen Freudentanz auf.
Foto: Rothfuß | „Endlich frei“: In Juba führen Angehörige einer von rund 600 ethnischen Gruppen einen Freudentanz auf.

Der Südsudan steht Kopf. Die Hauptstadt Juba, in der 2005 zum Ende des mit kurzer Unterbrechung rund 40 Jahre dauernden Bürgerkriegs gerade mal eine Handvoll Autos auf Erdstraßen unterwegs waren, putzt sich heraus: unzählige Helfer kehren die neuen Teerstraßen. An jeder Straßenecke eine Baustelle, neu eröffnete Hotels, Restaurants und Läden. Aus vorbeifahrenden Schulbussen tönt die neue Nationalhymne, die voll Inbrunst von Schülern auf dem Heimweg geübt wird: „Oh Gott, wir loben und preisen Dich, für Deine Gnade für Südsudan!“ Sie endet mit den Worten: „Wir grüßen unsere Märtyrer, deren Blut das Fundament unserer Nation gefestigt hat. Oh Gott, segne Südsudan!“ Enge Vertraute des neuen Präsidenten berichten, dass Salva Kiir mit Rücktritt drohen musste, um die Nationalhymne mit Gott im Mittelpunkt durchzusetzen.

Der fruchtbare und ressourcenreiche Südsudan hat eine traurige Geschichte jahrhundertelanger Unterdrückung hinter sich. Sie erklärt die tiefe Freude der Menschen, endlich frei zu sein. Wie der Historiker Egon Flaig in seiner „Weltgeschichte der Sklaverei“ nachweist, wurde der Südsudan, wie alle anderen schwarzafrikanischen Länder der Sahelzone, über nahezu 14 Jahrhunderte durch arabo-muslimische Sklavenjäger gepeinigt. Dieses weitgehend unbekannte finstere Kapitel muslimisch-afrikanischer Beziehungen kostete rund 50 Millionen Menschen das Leben. Für den Sudan ist die Sklaverei selbst im Jahr 2011 noch Realität. Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass noch immer etwa 35 000 südsudanesische Sklaven von ihren Herren im Norden unter schlimmsten Bedingungen festgehalten werden.

Dieses Leid mutet jedoch vernachlässigbar an gegenüber den 2,5 Millionen Todesopfern, die der über 20 Jahre dauernde zweite Bürgerkrieg zwischen Nord- und Süd gefordert hat. Ausgebrochen war er, nachdem die rassisch und religiös motivierte Diskriminierung der mehrheitlich christlichen und animistischen Schwarzafrikaner im Süden durch die Zwangseinführung des islamischen Schariarechts 1983 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Mit der Unabhängigkeit korrigiert der Südsudan kolonialzeitliche Grenzen, die von den Briten – entgegen dem Wunsch der zahlreichen Ethnien des Südens – auf Betreiben des Nordens 1956 durchgesetzt worden waren.

Analysten gehen davon aus, dass der durch fehlenden Seezugang besonders benachteiligte Südsudan kaum eine Chance auf eine sozial ausgewogene und demokratische Entwicklung haben wird. Doch die Menschen in der Hauptstadt überraschen durch Fleiß, Unternehmergeist und felsenfesten Glauben an eine bessere Zukunft, die sie endlich selbst bestimmen dürfen. Im landesweit von der katholischen Kirche verbreiteten „Gebet für den Südsudan“ bitten die Menschen um eine „Erneuerung ihres Willens zu Ehrhaftigkeit und harter Arbeit“. Noch dominieren im politischen Alltagshandeln vielmals Clandenken und mangelnder Respekt vor den in der neuen Verfassung verbrieften bürgerlichen Freiheitsrechten. So ließ nur wenige Tage vor der Unabhängigkeitserklärung der per Dekret ernannte muslimische Bürgermeister der Hauptstadt ohne Gerichtsbeschluss und unter Einsatz der allgegenwärtigen Armee den seitens der Landesregierung genehmigten Versammlungsplatz der schnell wachsenden Kush-Kirche gewaltsam räumen und alles Kircheneigentum zerstören. Die rund 2 000 armen Gemeindeglieder bleiben hilflos und verstört zurück.

Politikverdrossenheit kennen die Südsudanesen trotz aller Schwierigkeiten nicht. Von einer Wahlbeteiligung von 97 Prozent, wie beim Referendum vor sechs Monaten über die Abspaltung vom Norden, können die Staaten Europas nur träumen. Von einer Zustimmung zu dem zur Entscheidung stehenden politischen Vorhaben in Höhe von fast 99 Prozent ganz zu schweigen. Doch dass diese Einigkeit im Wunsch zur Unabhängigkeit nicht automatisch Garant für das Gelingen des neuen Staates ist, beweist Eritrea. Hier war die Zustimmung zur Abspaltung von Äthiopien 1993 ebenso hoch. Heute sind die freikirchlichen Gemeinden Opfer systematischen Staatsterrors.

Eine große politische Herausforderung hat der Präsident in den Verhandlungen über die Beziehungen zum früheren Erzfeind im Norden zu bestehen. Schließlich nimmt Südsudan Dreiviertel der Erdölreserven mit in die Unabhängigkeit. Eine öffentliche Ausschreibung für den Bau einer eigenen Raffinerie und die Pläne für den Abtransport des Erdöls über Kenia zum indischen Ozean existieren bereits. Der vor 22 Jahren an die Macht geputschte Staatschef Umar al-Baschir im Nordsudan wird den Verlust eines Großteils der Erdöleinnahmen seines streng islamistisch geführten Staates politisch kaum überleben können. Die trotz Friedensabkommen erneut militärisch besetzten Grenzgebiete im erdölreichen Abyei zeugen von zukünftigem Konfliktstoff. Die Grenze zum Norden soll aber dennoch dauerhaft offen bleiben für die rund eine Million muslimischer Viehhirten, die jährlich zur Regenzeit ihre Weidegründe im Süden aufsuchen. Aus eben dieser Bevölkerungsgruppe rekrutierten sich jedoch auch die Milizen, die in den Jahrzehnten des Bürgerkriegs mit Unterstützung Khartums ethnische Säuberung und Versklavung betrieben hatten.

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