Ein Frieden mit bitterem Beigeschmack

Nach 56 Jahren Guerilla-Krieg hofft Kolumbien auf ein Friedensabkommen, aber nicht allen gefallen die Zugeständnisse an die Farc. Von Marcela Vélez-Plickert
Foto: dpa | Bogota an diesem Montag: Auch die katholische Kirche hofft auf „Paz“, auf Frieden für Kolumbien.

Sebastián Arismendy war vier Jahre alt, als sein Vater von der Farc entführt wurde und für immer verschwand. Sein Vater, ein Musiker, der in die Politik gegangen war, gehörte zu einer Gruppe von elf Abgeordneten aus der Stadt Cali im Südwesten Kolumbiens, die 2002 von der linken Narco-Guerilla verschleppt wurden. Fünf Jahre lang erhielt die Familie nur einmal jährlich als Lebenszeichen eine kurze Tonbandnachricht des Vaters. Verhandlungen mit den Farc führten zu nichts. 2007 wurden die elf Abgeordneten von den Entführern getötet.

Trotz dieses schrecklichen Familienschicksals ist Sebastián ein Befürworter des Friedensabkommens mit den Farc, den „Revolutionären bewaffneten Kräften Kolumbiens“, wie sie sich nennen. Der heute 19-Jährige, der in Bogotá studiert, hat den Mördern seines Vaters bei den Verhandlungen mit den Farc in Havanna direkt in die Augen blicken können. Er zeigte mit dem Finger auf sie: „Ich wollte dich töten, ich wollte dich töten, und dich auch..., aber ich habe euch vergeben“, sagte er. Sebastián war mit Verwandten nach Havanna geflogen, wo drei Farc-Kommandeure öffentlich um Vergeben für ihre brutalen Taten baten.

Auf das Konto der Farc gehen fürchterlich viele Opfer. Insgesamt sind geschätzt 260 000 Menschen in dem Konflikt gestorben, 93 000 werden vermisst. 56 Jahre lang tobte der Krieg in Kolumbien, einige Teile des Landes hatten die Farc dabei unter ihre Kontrolle gebracht. Ihr ideologischer Hintergrund ist im Laufe der Zeit schwächer geworden, sie wurden zunehmend als Bande wahrgenommen, die mit Drogenanbau und Drogenhandel Geld verdiente.

Die hohen Zeiten der Farc sind schon länger vorbei. In den neunziger Jahren hatten sie etwa 16 000 Kämpfer. Damals versuchte die Regierung eine Deeskalationsstrategie mit ersten Friedensverhandlungen. Zugleich gestand sie den Farc zu, ein „neutrales“ Gebiet von rund 40 000 Quadratkilometern (mehr als ein Zehntel der Fläche der Bundesrepublik Deutschland) zu verwalten. Die Guerillas übernahmen dort quasi staatliche Kontrolle, erhoben Steuern und Abgaben. Auch konnten sie ungehindert neue Kämpfer rekrutieren. Die Angriffe auf das Militär gingen unterdessen weiter.

2002 leitete die konservative Regierung von Álvaro Uribe einen radikalen Kurswechsel im Umgang mit den Guerillas ein. Sie wurden unerbittlich militärisch bekämpft. Daraufhin desertierten tausende Kämpfer und die Farc schrumpften auf etwa 8 500 Mitglieder, einige Kommandeure wie der Sprecher des „Generalstabes“, Raul Reyes, wurden getötet.

Nun wurde in Havana ein Abkommen ausgehandelt, das endgültig Frieden bringen soll. Es muss noch in einem Referendum an diesem Sonntag gebilligt werden. Die Zustimmung ist nach Umfragen sehr wahrscheinlich, doch bleibt das Land tief gespalten. Einige unterstützen den Schlussstrich, andere jedoch finden, dass den Guerillas viel zu große Zugeständnisse gemacht wurden.

Die Kirche, die die Verhandlungen in Havanna aktiv unterstützt hat, ruft die Kolumbianer auf, gewissenhaft abzustimmen. Vatikan-Staatssekretär Pietro Parolin sagte, die Kolumbianer sollten „frei, verantwortlich und informiert“ abstimmen. Kardinal Parolin war von Papst Franziskus als Sondergesandter nach Vartagena gesandt worden, um dort an diesem Montag einen Gottesdienst anlässlich der Unterzeichnung des Abkommens zu feiern. Trotz der Unterstützung während des Gesprächsprozesses hat Franziskus die Bitte der kolumbianischen Regierung abgelehnt, dass die Kirche ein offizieller Teil der Komitees wird, die die Spezialgerichte ernennen werden, welche die Verbrechen untersuchen sollen, die während des Krieges begangen wurden. Sie möchte offenbar nicht zu sehr in die staatlichen Prozesse hineingezogen werden.

Sebastián Arismendy, dessen Vater von den Farc ermordet wurde, sagt gegenüber der „Tagespost“, er verstehe, dass es viele gebe, die das Abkommen ablehnten, weil sie zu große Kompromisse sehen. „Aber wir werden diesem Krieg kein Ende setzen, wenn wir nicht dafür etwas geben. Warum sollten die Farc sonst damit aufhören, was sie schon ein ganzes Leben lang tun?“ In einem offenen Brief an seine Landsleute hat sich Sebastián deshalb mit der moralischen Autorität des Sohnes eines Ermordeten für das Abkommen eingesetzt.

Die Farc sind 1964 als eine marxistische Kampfgruppe gegründet worden. Sie wollten eine Bodenreform erzwingen, die der armen Landbevölkerung zugute kommen sollte, danach sollte ein sozialistischer Staat aufgebaut werden. Obwohl die Bauern vom Farc-Programm profitieren sollten, waren sie es letztlich, die am meisten unter dem Krieg litten. Nach Angaben des UN-Berichterstatters für Menschenrechte führte der von den Farc ausgelöste Krieg zur Flucht und Vertreibung von mehr als fünf Millionen Menschen. Die Farc kämpften gegen Regierungstruppen, wüteten aber auch unter der Landbevölkerung. Wer nicht für sie war, den betrachteten sie als Feind. Jungen und Männer wurden unter Todesdrohungen in die Farc-Gruppen gezwungen. Wer sich weigerte, wurde erschossen. Bauern und Kleinunternehmer mussten Schutzgeld zahlen. In Reaktion auf das Vorrücken der Farc bildeten sich andere bewaffnete Gruppen wie die Nationale Befreiungsarmee (ELN), die ebenfalls schwere Verbrechen begingen. Die meisten dieser Gruppen haben sich aufgelöst und die Waffen niedergelegt, einige aber sind zu ordinären Verbrecherbanden ohne politische Ziele degeneriert, die mit Entführungen Geld verdienen, wie es die Farc vorgemacht haben.

Die Farc hatte als erste in großem Stil mit Kidnappings Kasse gemacht, um ihren Guerilla-Krieg zu finanzieren. Zwischen 1970 und 2010 wurden rund 30 600 Menschen entführt. Tausende wurden umgebracht, andere erlitten schwerste Traumata, wenn sie Wochen, Monate oder Jahre durch Lager in Wäldern geschleppt wurden. 419 Menschen sind bis heute in der Gefangenschaft der Farc, sagt der Journalist Herbin Hoyos, der selbst entführt worden war, aber überlebte. Hoyos hat seitdem das Radioprogramm „Las Voces del Secuestro“ (Die Stimmen der Entführten) betreut und ist einer der schärfsten Kritiker des Abkommens.

„Wir dürfen nicht ruhen, bevor nicht die größten Verbrecher der Farc ihre Grausamkeiten vor einem internationalen Strafgericht gestanden haben“, sagt Hoyos, der wegen vieler Todesdrohungen gegen sich und seine Familie im Exil lebt. In seiner Sendung übermittelt er Botschaften von Familienangehörigen von Entführten, die den Verschleppten Mut zusprechen. Hoyos kritisiert, dass die Regierung in dem Friedensabkommen nicht die Freilassung aller Gefangenen verlangt hat und dass die noch inhaftierten Geiseln und Zwangsrekrutierten bei der Farc bleiben. Hoyos Radioprogramm wird am Sonntag, am Tag des Referendums, zum letzten Mal zu hören sein – nach offiziellen Angaben des Senders Caracol, der das Programm überträgt, aus „administrativen Gründen“. Viele glauben, dass die Absetzung des Programms eine Bedingung der Farc für das Abkommen war.

Kritiker des Friedensabkommens sagen, dass Präsident Juan Manuel Santos, einst Verteidigungsminister von Uribe, den Guerillas zu viele Konzessionen gemacht habe. Mit dem Vertrag erhalten 7 800 Mitglieder der Farc eine Amnestie. Wenn Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus der Kampfzeit geahndet werden, dann gelten von nun an spezielle Konditionen. Sondergerichte können für Mordtaten Haftstrafen von bis zu acht Jahren verhängen, was aber viel weniger ist als der übliche Strafrahmen.

Für die Farc zahlt sich der Friedensschluss politisch aus. Die Narco-Guerilla wandelt sich in eine politische Partei um und bekommt für die nächsten acht Jahre garantiert mindestens zehn Sitze im Kongress. Zudem werden 16 Wahlbezirke neu geschaffen in Regionen, wo die Farc eine starke Gefolgschaft haben, so dass sie insgesamt sogar auf 26 Abgeordnetensitze kommen könnten. Außerdem erhalten die Farc Zugang zu 30 Radiofrequenzen.

Wenn die Umfragen nicht völlig falsch liegen, wird am Sonntag eine Mehrheit der Kolumbianer für das Abkommen stimmen. Damit werden fast sechs Jahrzehnte mit Massenmorden, Bombenanschlägen, Entführungen und flächendeckender Angst im Land beendet. Die Unterstützer des Friedensvertrags hoffen, dass Kolumbien damit auch wirtschaftlich eine bessere Chance erhält und einen Entwicklungssprung machen wird. Es gibt aber keine Garantie, dass das Abkommen funktioniert. Sebastián Arismendy begründet sein „Ja“ mit den Worten: „Es ist einen Versuch wert. Sicherlich ist das Abkommen nicht perfekt und es hat viele politische und soziale Kosten. Aber es ist das kleinere Übel.“

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