Minsk

Ein Erzbischof als moralische Führung in Belarus?

Warum der katholische Erzbischof von Minsk zum Symbol des Widerstands in Belarus wurde, und wie der Vatikan den Vertrauensverlust riskierte.
Erzbischof von Minsk, Tadeusz Kondrusiewicz
Foto: Tatyana Zenkovich (EPA) | Dem Erzbischof von Minsk, Tadeusz Kondrusiewicz, wurde Ende August nach einem Auslandsaufenthalt bis Dezember die Einreise verwehrt.

Die Proteste in Belarus gegen die Machtergreifung von Alexander Lukaschenko seit den letzten Präsidentschaftswahlen im August 2020 hören seit fast acht Monaten nicht auf. Der blutbefleckte Diktator – der er jetzt endlich für alle offensichtlich geworden ist – kann die Protestbewegung trotz des ihm zur Verfügung stehenden Sicherheitsapparats nicht unterdrücken. Die protestierende Gesellschaft wird ihm nie wieder gehorchen. Momentan scheint es eine Pattsituation zu sein, die einerseits nicht auf die Machtkonstellation vor August 2020 zurückgedreht wird, und sich andererseits nicht in die gewünschte demokratische Richtung entwickelt.

Nach massiver Gewalt und Repressionen im Herbst transformierte sich der Protest und verlor an Sichtbarkeit während des Winters. Aktuell scheint er aber wiederbelebt zu sein. Als Startpunkt für die neue Protestwelle wurde der 25. März gewählt, ein für die demokratischen Kräfte identitätsstiftendes Datum: der Tag der Freiheit, der an die Gründung der unabhängigen Belarussischen Volksrepublik 1918 erinnert. Der Diktator will seine Macht nicht aufgeben – trotz seiner mehrfachen Versprechen, er werde sich „nicht mit blauen Fingern an den Thron klammern“.

Von den Kirchen wird moralische Führung erwartet

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In dieser Krise ist von den Kirchen eine moralische Führung zu erwarten, in der die Vertreter der Kirchen die Wahrheit und nicht die Lüge unterstützen, sowie die Nächstenliebe und nicht den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit praktizieren. Genauso war die Reaktion der Katholischen Kirche in Belarus auf die übermäßige Gewalt der ersten drei Tagen nach der Wahl gegen die demonstrierenden Menschen. Priester und Bischöfe solidarisierten sich mit dem Protest und den Forderungen nach fairen Wahlen. Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz gelang es, sich mit Innenminister Juryj Karajev persönlich zu treffen und öffentlich – mit vor Aufregung zitternder Stimme – zu fragen, warum die protestierenden Menschen so brutal von den Sicherheitskräften geschlagen wurden. Für diese eindeutige Positionierung zugunsten der Protestierenden wurde der Erzbischof bestraft: Nach einer Auslandsreise am 31. August wurde ihm aus ungeklärten Gründen die Einreise ins Heimatland verweigert. Er wurde so für die ganze Protestbewegung zum Symbol des Widerstands. Viele Menschen – nicht nur Katholiken –  forderten seine Einreise nach Belarus.

Die Katholiken nahmen damals das Agieren der Staatsmacht als Verfolgung der eigenen Kirche wahr und hofften auf Unterstützung seitens des Papstes. Tatsächlich wirkte der Vatikan daran mit und nutzte seine diplomatischen Beziehungen zum Regime, so dass Erzbischof Kondrusiewicz am 24. Dezember 2020 nach Belarus zurückkehren konnte. Dafür musste er aber sein Amt als Vorsitzender der Bischofskonferenz in Belarus aufgeben und emeritierte als Erzbischof von Minsk am 3. Januar 2021. Dieser fragwürdige Deal sowie die öffentlichen Auftritte des Vertreters des Vatikans – etwa die Übergabe des Beglaubigungsschreibens und ein freundliches Gespräch des neuen Nuntius mit Lukaschenko – führten zum Vertrauensverlust unter den Katholiken und wurden als Kooperation mit dem Regime betrachtet.

Keine Reaktion aus dem Vatikan

Auch blieb der Brief von Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja an den Papst, die Bezug nehmend auf seine Enzyklika „Fratelli tutti“ über das Leiden der Menschen und die Repressionen gegen Christen in Belarus berichtete, ohne jegliche Reaktion des Vatikans.

Die Rhetorik und das Agieren der höchsten Amtsinhaber der Katholischen Kirche in Belarus änderte sich allmählich vom Widerstand zur gehorsamen Kooperation mit dem Regime, und ähnelte nun der Position der Orthodoxen Kirche, die sich aus einer bedauernswerten Tradition – an der auch die Verfolgungen in der Sowjetunion nichts änderten – an der Staatsmacht orientiert und dafür institutionelle Privilegien erhielt oder sogar ausbaute.

Der für das Regime als unzuverlässig geltende Metropolit Pavel Ponomarev wurde nach dem Ausbruch der Proteste kurzerhand nach Russland versetzt. Sein Amt wird seither vom absolut loyalen belarussischen Bischof Veniamin Tupeko bekleidet. Während er sich mehrmals in den vergangenen Monaten mit dem Diktator traf und so dem Regime Legitimation verlieh, engagieren sich einzelne orthodoxe Priester und Laien für die vom Regime verhafteten Menschen. Sie fürchten sich nicht, das Regime der Lüge zu bezichtigen und sein Unrecht zu verurteilen: Priester versuchten zu vermitteln und den Verhafteten, die unter unmenschlichen Bedingungen gehalten und gefoltert wurden, mit dem für das Leben Nötigsten  – Arzneimittel und Hygieneartikel – zu versorgen, weil die Verwandten oder Freunde der Verhafteten in den Gefängnissen kein Gehör fanden. Ein Priester ging aus Solidarität mit einem hungernden politischen Gefangenen selbst in den Hungerstreik. Das trug dazu bei, dass der Gefangene seinen Hungerstreik beendete.

Priester verlieren Stellen in Kirchenverwaltung

Ein anderer Priester setzte sich dafür ein, dass Gefangene durch seine Bürgschaft für die Zeit der Untersuchung freigelassen werden. Das blieb nicht ohne Folgen für die kirchlichen Karrieren: Einige Priester verloren ihre Stellen in der Kirchenverwaltung. Damit erwies sich die Leitung der orthodoxen Kirche als Teil der Nomenklatur, die sich aus Angst und Unsicherheit opportunistisch und servil gegenüber der Macht verhält, und nicht als Teil der Gesellschaft, die die Kirche bis vor kurzem zu vertreten beanspruchte. Tausende Menschen wandten sich mit persönlichen Schreiben oder gemeinsamen Briefen an Metropolit Veniamin und baten um Vermittlung oder zumindest um eine realitätsgemäße Beurteilung der Situation im Land. Sie erhielten aber keine Antwort.

Das Verschweigen und die „Neutralität“ in Bezug auf die brisanten Fragen ist schon längst zum typischen Verhalten der offiziellen Kirchenvertreter geworden. Nur wenn die Staatsmacht etwas anfordert, kann die Kirche nicht „nein“ sagen.

Es kam wiederholt vor, dass den Kirchen seitens des Staates mit Sanktionen wegen „antistaatlicher“ Positionierung ihrer Mitglieder gedroht wurde. Zum Opfer solcher Repressivmaßnahmen wurde die evangelische Gemeinde in Minsk „New Life Full Gospel Church“, die als „nichttraditionelle“ Kirchengemeinschaft allerdings immer wieder dem Druck des Staates ausgesetzt war und in der Ausübung der Religionsfreiheit eingegrenzt wurde. Das Kirchengebäude wurde im Februar von der Polizei geräumt, seither finden die Gottesdienste in der Nähe des Gebäudes bei jedem Wetter unter freiem Himmel statt. Der Anlass dazu war offensichtlich eine Videobotschaft der Gläubigen gegen staatliche Gewalt. Der Grad der Nähe der Religionsgemeinschaft zur Macht bestimmt eindeutig ihre Toleranz und Anpassungsfähigkeit gegenüber dem Regime.

Vor kurzem veranstaltete der Machthaber das belarussische Gebet in der Gedenkstätte „Chatyn“, die an die Opfer des Nationalsozialismus unter der Zivilbevölkerung erinnert, und zog dabei Parallelen zwischen den Faschisten und „denjenigen, die unter den weiß-rot-weißen Fahnen auftreten“, also jenen, die derzeit für die demokratischen Freiheiten und die Menschenwürde kämpfen. Die offiziellen Vertreter der vier Religionsgemeinschaften – Orthodoxe, Katholiken, Muslime und Juden – nahmen an dieser Veranstaltung teil und spielten mit. Keiner traute sich zu fragen: Warum sitzen Hunderte unschuldiger Menschen seit Monaten in Gefängnissen und werden dort physisch und psychisch misshandelt, obwohl sie gegen kein Gesetz verstoßen haben und nur nach der freien Ausübung ihrer Rechte streben?

Die Autorin ist Historikerin und Religionswissenschaftlerin aus Minsk und forscht an der Universität Mainz.

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Alena Alshanskaya

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