Ein Briefchen löst ein Beben aus

In einem Grußwort spricht Benedikt XVI. von einem „törichten Vorurteil“ gegenüber Franziskus und der „inneren Kontinuität“ zwischen beiden Päpsten. Für viele war das ein Schock. Von Guido Horst

Die Nerven liegen blank. Eigentlich war es nur eine normale Buchpräsentation im Vatikan. Zum fünften Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus hatte am Montagabend das Mediensekretariat geladen, dass heißt dessen Chef, Monsignore Dario Vigano. Eine kleine Reihe von elf Broschüren, die sich mit der Theologie des Jesuiten-Papstes befassen. Zu den Autoren des Werks mit dem italienischen Titel „La Teologia di Papa Francesco“ (Die Theologie von Papst Franziskus) zählen der Münsteraner Fundamentaltheologe Jürgen Werbick mit einem Beitrag über das Gottesbild von Franziskus, der Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann mit der Anthropologie des Papstes, sowie Lucio Casula, Carlos Maria Galli und andere. Herausgegeben ist die Reihe von Roberto Repole, dem Vorsitzenden der Italienischen Theologenvereinigung. Übersetzungen der Bändchen in andere Sprachen sind geplant. So weit so gut.

Doch dann steuerte auch der emeritierte Papst einen Brief als Grußwort zur Buchpräsentation bei. Und das war dann die Sensation. In kurzen, aber recht markanten Worten ließ Benedikt aus dem Klösterchen im Vatikan verlauten, er begrüße „diese Initiative, die dem törichten Vorurteil widersprechen und gegensteuern will, wonach Papst Franziskus nur ein Mann der Praxis ohne spezielle theologische oder philosophische Bildung wäre, wohingegen ich nur ein Theoretiker der Theologie mit wenig Verständnis des konkreten Lebens eines zeitgenössischen Christen gewesen wäre“. Vigano las den Brief vor und zitierte auch den zweiten Satz des Emeritus: „Die kleinen Bände zeigen zu Recht, dass Papst Franziskus ein Mann von tiefer philosophischer und theologischer Bildung ist und helfen dadurch, die innere Kontinuität zwischen den beiden Pontifikaten aufzuzeigen, trotz aller Unterschiede in Stil und Temperament.“ In den italienischen Zeitungsredaktionen warf man am Montagabend die Seiten um, Titelseiten mussten her, die Benedikt und Franziskus gemeinsam zeigen. Das einhellige Fazit der Leitartikler: Der emeritierte Papst springt dem amtierenden Papst zur Seite, weil dieser bei traditionellen Gläubigen und Kurienprälaten in Misskredit geraten ist und diese sich dabei immer auf Benedikt berufen. Doch hier sage es ja der Theologen-Papst Ratzinger selber: Ihn und mich verbindet „innere Kontinuität“.

Helles Entsetzen bei den Traditionalisten im Netz. Blogs und Tweets vermuteten eine Fake news, es könne doch nicht wahr sein, dass der verehrte Benedikt einen solchen Kotau vor Franziskus macht. Der Betreiber eines Blogs durchforstete alles, was der deutsche Papst geschrieben hatte, ob sich dort das Wörtchen „stolto“ finde, denn „stolto“ heißt auf Deutsch „töricht“ und Benedikt hatte ja vom „törichten Vorurteil“ geschrieben. Nein, Papst Ratzinger hat dieses Wort nie benutzt, war bald zu erfahren, also sei der Brief eine Fälschung. In den sozialen Netzwerken jubelten dagegen Franziskus-Fans. „Mit Eleganz und Entschiedenheit setzt sich Benedikt XVI. von den Zweifeln und theologischen Kritiken an Papst Franziskus ab“, funkte Antonio Spadaro SJ, Chef der „Civilta cattolica“, begeistert in seine Internet-Gemeinde.

Doch dann wurde auch der letzte Abschnitt des Grußworts von Benedikt bekannt, den Vigano nicht veröffentlicht hatte: „Trotzdem möchte ich keine kurze und dichte theologische Bemerkung zu ihnen (Viganó, Anm.d.R.) schreiben, denn mein ganzes Leben habe ich es immer so gehalten, dass ich mich nur zu Büchern äußerte, die ich wirklich gut gelesen hatte. Unglücklicherweise bin ich, auch aus körperlichen Gründen, unfähig, die elf Bände in naher Zukunft zu lesen, obendrein warten noch andere Verpflichtungen auf mich, die ich bereits eingegangen bin.“ Also doch, bäumte sich die Traditionalisten-Szene auf: Das ist doch Ironie. Also dann hat dieses Grußwort auch keinen wahren Wert! – Wie gesagt: Die Nerven liegen blank.

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01.06.2021, 17  Uhr
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