Kabul

Ein Angriff auf das Leben

In Kabul wurde ein Anschlag auf eine Geburtsklinik ausgeübt. Waren es die Taliban oder der „Islamische Staat?

Angriff auf Krankenhaus in Kabul
Die Einschusslöcher im Fenster des Kabuler Krankenhauses. Foto: Rahmatullah Alizadah (XinHua)

Seit Ende Februar gilt ein Friedensabkommen zwischen den USA und den Taliban, das die Lage in Afghanistan beruhigen sollte. Es sieht die Abkehr der Taliban vom Terror und den Abzug der verbliebenen 12.000 US-Soldaten vor. Doch die Gewalt nimmt seither nicht ab. Das Land am Hindukusch erlebt eine Anschlagsserie von brutaler Grausamkeit. „Es ist jenseits des Horrors“, mit diesen Worten kommentierten Afghanen in den sozialen Netzwerken einen Anschlag auf die Entbindungsstation des Krankenhauses Dasht-e-Barchi in Kabul.

Vorsätzlicher Angriff auf die Geburtsklinik

Es war ein vorsätzlicher Angriff auf die Geburtsklinik. „Ich ging am Tag nach dem Angriff zurück, und was ich auf der Entbindungsstation sah, zeigt, dass hier gezielt Mütter erschossen wurden“, sagt Frederic Bonnot, der Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan. Die Organisation unterstützt das Krankenhaus seit sechs Jahren. „Die Angreifer sind durch die Räume gegangen und haben Mütter in ihren Betten erschossen. Systematisch. Was ich vorfand, waren Einschusslöcher in den Wänden, blutverschmierte Böden, ausgebrannte Fahrzeuge und zersplitterte Fenster, durch die hindurch geschossen wurde.“

Die Angreifer stürmten den Berichten zufolge kurz nach zehn Uhr vormittags durch das Haupttor in das Krankenhaus. Von  dort aus steuerten sie direkt auf die Geburtsstation zu, obwohl andere Stationen näher lagen. Es folgten vier Stunden des Horrors, in denen Patientinnen und Angestellte des Krankenhauses verzweifelt Schutz suchten. Offizielle Zahlen sprechen von 24 Toten und mehr als 20 Verletzten, mehrheitlich Patientinnen.  Zum Zeitpunkt des Angriffs lagen 26 Mütter auf der Station: Zehn von ihnen gelang es, zusammen mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, in sicheren Räumen Unterschlupf zu finden. Sechzehn Mütter waren dem Angriff ungeschützt ausgesetzt. Elf wurden getötet, drei von ihnen im Kreißsaal mit ihren ungeborenen Babys, und fünf wurden verletzt.

Rückschlag für die Friedensbemühungen

Ob die Taliban verantwortlich für den Anschlag sind, steht nicht fest. Experten vermuten den „Islamischen Staat“ (IS) als Urheber des Terrorakts. Fraktionen der Taliban werden Verbindungen zum IS nachgesagt. Die Gewaltwelle bedeutet einen Rückschlag für die Friedensbemühungen, während das Land mit der Pandemie kämpft. Ein Funken Hoffnung glimmt auf, dass fast acht Monate nach der Präsidentschaftswahl die politische Elite ihren Streit um die Führung des Landes beigelegt hat. Präsident Aschraf Ghani und sein Wahl-Rivale Abdullah Abdullah unterzeichneten am Sonntag eine Vereinbarung für eine Machtteilung.

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