Ein „Akt außerordentlichen Großmuts“

In Rom erwartet man ein Dekret, mit dem der Vatikan die Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe aufhebt

Rom (DT/gho) Im Vatikan verdichten sich die Gerüchte, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier Bischöfe aufheben will, die der Gründer der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, am 30. Juni 1988 in der Schweiz unerlaubt geweiht hatte. Es handelt sich um die Bischöfe Bernard Fellay, Alfonso de Gallareta, Tissier de Mallerais und Richard Williamson. Als erster hat der stets gut informierte Vatikan-Berichterstatter der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“, Andrea Tornielli, diese Nachricht verbreitet. Die Entscheidung des Papstes, so Tornielli, sei in den vergangenen Monaten gereift, nachdem der heutige Superior der Pius-Bruderschaft, Bischof Fellay, Benedikt XVI. vor einigen Monaten schriftlich gebeten hatte, die von Papst Johannes Paul II. vor 21 Jahren ausgesprochene Exkommunikation zurückzunehmen. Es handle sich um einen „Akt außerordentlichen Großmuts“, wenn der Papst jetzt den Bann gegen die vier Bischöfe aufheben will, schreibt Tornielli.

Der Journalist Paolo Luigi Rodari von der italienischen Tageszeitung „Il Riformista“ will erfahren haben, dass das entsprechende Dekret vermutlich am morgigen Sonntag veröffentlicht wird. Der Präsident des Päpstlichen Rates für Gesetzestexte, Erzbischof Francesco Coccopalmerio, habe den Text „dem päpstlichen Willen entsprechend verfasst und unterschrieben“, meint Rodari. Ähnlich äußerten sich Vatikanprälaten, die aber nicht genannt werden wollen.

In Rom sorgte die Nachricht für Erstaunen, da vor allem die vier von Lefebvre geweihten Bischöfe in den vergangenen Jahren immer wieder durch Wortmeldungen aufgefallen waren, die sich durch Hochmut und Aggressivität auszeichneten. So hatte Bischof Tissier de Mallerais noch im vergangenen Dezember gegenüber einer Zeitung Papst Benedikt als „Modernist“ und „Häretiker“ beschimpft: „Der jetzige Papst ist ein wirklicher Modernist, er vertritt die gesamte modernistische Theorie, und zwar auf dem neuesten Stand von heute.“ Ebenfalls für Aufsehen sorgte ein Interview, das Bischof Richard Williamson jetzt dem schwedischen Staatsfernsehen gab, in dem er die Existenz von Gaskammern in der Nazi-Zeit leugnete. Williamson behauptete, dass in den Nazi-Lagern zweihundert- bis dreihunderttausend Juden starben, allerdings sei kein Jude in Gaskammern umgekommen. Williamson machte diese Äußerungen, als die ersten Gerüchte über die bevorstehende Aufhebung der Exkommunikation die Runde machten.

Beobachter schließen nicht aus, dass es in der Pius-Bruderschaft bis in die Riege ihrer Bischöfe hinein Bestrebungen gegen die Zurücknahme des Kirchenbanns gibt, die den vier Bischöfen die volle Einheit mit der römisch-katholischen Kirche gewähren, sie aber auch wieder der Jurisdiktion des Papstes unterstellen würde.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Kardinal Joseph Ratzinger selbst die Verhandlungen mit Erzbischof Lefebvre geleitet, die schließlich sogar zu einer Einigung führten. Doch über Nacht widerrief der Erzbischof seine Unterschrift und spendete mit dem emeritierten Bischof Antonio de Castro Mayer die Bischofsweihen, womit sich beide die Exkommunikation als Tatstrafe zuzogen. Die Aufarbeitung und Beendigung dieses Schismas blieb für Kardinal Ratzinger ein Herzensanliegen. Als Papst empfing er den Superior der Bruderschaft, Bischof Fellay, wenige Monate nach seinem Amtsantritt.

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