Droht der Ukraine jetzt die Spaltung?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie ernst die Drohungen aus dem Kreml gegen Kiew zu nehmen sind – Die ukrainischen Kirchen spielen eine große, aber nicht immer widerspruchsfreie Rolle für das Identitätsbewusstsein ihres Volkes. Von Stephan Baier
Foto: dpa | Russlands Präsident Wladimir Putin im Juli 2013 bei einem Besuch im ukrainischen Sewastopol auf der Halbinsel Krim, wo Russlands Schwarzmeerflotte ihren Heimathafen hat.
Foto: dpa | Russlands Präsident Wladimir Putin im Juli 2013 bei einem Besuch im ukrainischen Sewastopol auf der Halbinsel Krim, wo Russlands Schwarzmeerflotte ihren Heimathafen hat.

Steht der Ukraine, nachdem die Gefahr eines Bürgerkrieges fürs erste gebannt zu sein scheint, nun eine geografische Spaltung bevor? Kaum ein westliches Medium, das derzeit nicht darauf verweist, dass weite Gebiete des Ostens und des Südens der Ukraine einen hohen russischsprachigen Anteil haben. Landkarten, die das Wahlverhalten der Jahre 2004 und 2010 zeigen, weisen augenfällige Parallelen zur Sprachgrenze auf. Die sprachliche und die geografische Teilung des Landes scheint mit einer politisch-weltanschaulichen einherzugehen.

Laut einer Zählung von 2001 verstanden sich 78 Prozent der damals 48 Millionen Einwohner des Landes als Ukrainer, 17 Prozent als Russen, wobei aber 30 Prozent Russisch als Muttersprache verwenden. Was liegt da näher, als im russophonen Osten und Südosten, in der Heimat Wiktor Janukowitschs, eine eher nach Moskau hin orientierte Bevölkerung zu vermuten, im Westen dagegen eine tendenziell oppositionell orientierte, nach Europa blickende?

Die aktuellen russischen Polemiken gegen die vermeintlichen „Nationalisten“, die nun in Kiew illegal die Macht übernommen hätten, spielen auf diese Sicht des gespaltenen Landes an und mobilisieren gezielt geschichtsbeladene Mythen: Hier wird das Zerrbild eines vor allem in der Westukraine beheimateten militanten Nationalismus an die Wand gemalt, dem Moskau gerne seine selbst in Sowjetzeiten bemühte pan-slawische und orthodoxe Brüderlichkeit gegenüberstellt.

Wenn Russlands Außenminister Sergej Lawrow sich nun am Dienstag in Moskau „tief besorgt“ über die Zukunft der Ukraine äußerte, vom angeblichen Einfluss rechtsextremer Kräfte sprach und einen Dialog zur nationalen Versöhnung forderte, dann wissen Ukrainer mit Sowjeterfahrung dies als Drohung zu deuten: Die Diffamierung der bisherigen Oppositionskräfte, denen es gelang, den Despoten zu verjagen, geht einher mit einer Schiedsrichterrolle, die Moskau sich selbst ungefragt einfach nimmt. Angesichts dessen zeugt die Aussage der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am Dienstag in Kiew, die „starken Verbindungen zwischen der Ukraine und Russland dürfen nicht beschädigt werden“, von historischer wie politischer Ignoranz.

Wie wird die russische Führung wohl agieren, wenn im ukrainischen „Bruderland“ (so Lawrow in gewohnter Diktion) regionale oder politische Kräfte den „großen Bruder“ zu Hilfe rufen? Solche Stimmen könnten aus dem russophilen Osten kommen, auch von der mehrheitlich russischsprachigen Krim, die erst seit 1954 zur Ukraine gehört, oder aus dem Umfeld des gestürzten Autokraten Janukowitsch und der von seiner Macht gemästeten Oligarchen.

Mit der Aufhebung des umstrittenen Sprachengesetzes von 2012, das das Russische im Osten faktisch zur zweiten Staatssprache machte, hat das Parlament in Kiew am Sonntag eine ernste Provokation gesetzt. Nicht nur Moskau reagiert darauf höchst sensibel. Auch die Regierungen Rumäniens und Ungarns protestierten am Dienstag vernehmbar. Die Verletzung der Rechte der Russischsprachigen könnte jenen Vorwand bilden, auf den Moskau nur wartet.

Ein anderer möglicher Zankapfel ist der Status der Halbinsel Krim, wo etwa 60 Prozent der zwei Millionen Einwohner ethnische Russen sind und wo in Sewastopol Russlands Schwarzmeerflotte ihren Heimathafen hat. Bereits 2010 ließ sich Moskau von Janukowitsch den Pachtvertrag für die Stationierung seiner Flotte, der 2017 abgelaufen wäre, um ein volles Vierteljahrhundert verlängern.

Der Drang Moskaus ans „warme Meer“, also über das Schwarze Meer zum Bosporus und über Serbien und Montenegro zur Adria, bestimmte bereits die Außenpolitik der Zaren im 19. Jahrhundert. Sie bestimmt auch Moskaus Politik gegenüber der Ukraine und den Staaten des Balkan im 20. und 21. Jahrhundert. Die häufig pathetische Berufung auf Slawentum und Orthodoxie war auch schon vor mehr als einem Jahrhundert der russische Fuß in der Türe zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Völker. Kreml-Herrscher Wladimir Putin knüpft daran nahtlos an. So hat er nie einen Zweifel daran gelassen, dass er eine möglichst weitgehende Integration der Ukraine in sein Reich anstrebt. Im Juli 2013 beschwor er bei einem Besuch in Kiew „unsere gemeinsamen Vorfahren“, die „gemeinsame Vergangenheit“ und die verbindenden „orthodox-slawischen Werte“. Bewusst verschwieg Putin in diesem Zusammenhang die jahrhundertelange gewaltsame Russifizierung weiter Teile der Ukraine unter den Zaren wie später unter der roten Terrorherrschaft, die Millionen Todesopfer der Zwangskollektivierung und der künstlichen Hungersnot unter Josef Stalin und die brutale Vernichtungsstrategie des kommunistischen Moskau gegen die ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus.

Präsident Putin strebt offen nach einer eurasischen Freihandelszone als Alternative und Gegenstück zur Europäischen Union. Fast ebenso offen strebt er nach einer neuerlichen Dominanz Moskaus im Raum der einstigen Sowjetunion. Dass er dabei angesichts des drohenden Staatsbankrotts der Ukraine durchaus zu wirtschaftlicher Erpressung bereit ist, wozu ihm das Gazprom-Monopol die Macht gib, hat er seit Oktober 2013 ausreichend bewiesen. Und sein Ministerpräsident Dmitri Medwedew hat es am Montag auch offiziell bestätigt: Russland hält die Kiew zugesagten Milliardenkredite vorerst zurück.

Sekundiert wird das russische Führungstandem dabei ideologisch vom russisch-orthodoxen Patriarchat, das die Ukraine seit je her als Teil ihres „kanonischen Territoriums“ sieht. Diesem Anspruch korrespondierte in Kiew bisher der Wunsch Janukowitschs, eine auf ihn zugeschnittene Putinokratie zu errichten. Im Gegensatz zu den Siegern der „Orangen Revolution“ von 2004, dem damaligen Präsidenten Wiktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, hat Janukowitsch als Staatspräsident keine Neutralität im Streit der drei orthodoxen Kirchen gewahrt, sondern die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats gefördert.

Es ist darum ein bezeichnender politischer Schachzug, dass der Synod dieser Kirche seinen bisherigen Metropoliten Wolodymyr unmittelbar nach Janukowitschs Sturz von allen Aufgaben entband und den westukrainischen Metropoliten Onufri zum Kirchenverweser berief. Wenn die Kirche sich so eng an die politische Macht bindet, dann stehen und fallen ihre Amtsträger auch mit dieser. Der Moskauer Patriarch Kyrill soll seinen neuen Statthalter in Kiew bereits beglückwünscht haben. Kyrill selbst hatte übrigens Janukowitsch 2010 noch vor der Vereidigung im traditionsreichen Kiewer Höhlenkloster in einer öffentlichen Zeremonie feierlich gesegnet – wie sich ein Jahrzehnt zuvor auch Putin vor Fernsehkameras vom Patriarchen segnen ließ.

Abgesehen von der Orthodoxie des Moskauer Patriarchates waren alle anderen autochthonen Kirchen der Ukraine in den zurückliegenden Monaten klar positioniert – und zwar auf der Seite der Demonstranten. Das ist bei den Katholiken des lateinischen wie des byzantinischen Ritus selbstverständlich, bei den beiden autokephalen orthodoxen Kirchen aber anerkennenswert. Eine Zeltkapelle auf dem zentralen Kiewer Unabhängigkeitsplatz „Maidan“ wurde wochenlang von mehreren Konfessionen genutzt, bis die Polizei sie am 19. Februar in Brand setzte.

Priester aller ukrainischen Konfessionen waren unter den Demonstranten. Bischöfe riefen zum Gewaltverzicht auf und machten Janukowitsch öffentlich Vorwürfe. Nach den Massakern der Vorwoche machte die Orthodoxie des Kiewer Patriarchats das Regime für die Gewalt verantwortlich und strich die im orthodoxen Ritus übliche Fürbitte für die Herrschenden aus ihrer Liturgie. Kiewer Kirchen der autokephalen Orthodoxie, der römischen wie der unierten Katholiken, wurden zu Spitälern und Zufluchtsorten für Demonstranten.

Bei aller historischen, sprachlichen, politischen und auch konfessionellen Zerrissenheit, die in der Ukraine mit Händen zu greifen ist, sind in den zurückliegenden Wochen doch auch neue Kräfte des Zusammenhalts sichtbar geworden: Da ist die „Geografie der Opfer“, also die Tatsache, dass in nahezu allen Landesteilen Menschen gegen das korrupte Regime von Wiktor Janukowitsch aufstanden, und unter den Opfern seiner Gewalt Menschen aus allen Regionen sind. Da ist ein Neben- und Miteinander der Konfessionen, das noch vor kurzem undenkbar schien.

Manches mag ein taktisches Spiel sein, etwa wenn der Patriarch des von Moskau autokephalen Kiewer Patriarchats der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats eine Wiedervereinigung vorschlägt, um die zwei Jahrzehnte währende Spaltung zu überwinden und die Bevölkerung zu einen. Doch die gemeinsamen Appelle des „Gesamtukrainischen Rates der Kirchen und Religionsgemeinschaften“, dem 18 monotheistische Bekenntnisse – neben den Kirchen auch die jüdische und die muslimische Glaubensgemeinschaft – angehören, zeigen eine erstaunliche Einmütigkeit. Zuletzt auch am Wochenende in einer Erklärung, die vor der Teilung des Landes warnt, ja eine Spaltung der Ukraine als „Sünde vor Gott und künftigen Generationen unseres Volkes“ bezeichnet.

Die Dramatik der Formulierung zeigt aber doch, dass die Gefahr einer Spaltung noch nicht gebannt ist. Und zwar nicht nur, weil Moskau mutwillig Öl in die Glut gießen könnte, um die gesellschaftlichen und regionalen Spannungen neu zu entfachen. Die Ukraine hat eine Geschichte, in der mehr trennt als eint.

Zwar eint alle Christgläubigen des Landes – und diese sogar mit dem Moskauer Patriarchat – die gemeinsame Berufung auf die Taufe des Großfürsten Wladimir im Jahre 988. Doch bereits im 14. Jahrhundert führten die Wege auseinander. Während die westlichen und südlichen Gebiete der „Kiewer Rus“ unter die Oberhoheit Polens und Litauens fielen, versuchten die Großfürsten von Moskau als „Sammler der russischen Erde“ ihre Herrschaft über den Osten zu festigen. Weil Kiew einst – vor dem großen Schisma von 1054 – die Taufe von Byzanz und nicht von Rom angenommen hatte, sahen sich jene Gebiete, die zum polnisch-litauischen Großreich fielen, nun aber mit Tendenzen zur liturgischen Latinisierung und zur ethnischen Polonisierung konfrontiert. Eine Tendenz, die bis in unsere Zeit in der Westukraine anti-polnische Ressentiments zementierte.

Doch schlimmer als den westlichen Gebieten erging es jenen Regionen, die nach und nach unter die Kontrolle der Zaren gerieten. Als Ende des 18. Jahrhunderts auch die rechtsufrige Ukraine an Russland fiel, war die Russifizierung nicht mehr zu bremsen. Zarin Katharina II. löste die mit Rom unierten Bistümer und viele Klöster auf, verbot die ukrainische Sprache in der Schule wie im öffentlichen Leben. Die gesamte Kirchenverwaltung wurde dem Heiligen Synod der russischen Orthodoxie unterstellt. Diesen Versuch, die Brücken zwischen der Ukraine und dem Papst zu zerschlagen, wiederholte nach dem Zweiten Weltkrieg Josef Stalin auf weit brutalere Weise. Dazwischen aber gab es kräftige Lebenszeichen der ukrainischen Nation: In dem an Österreich-Ungarn gefallenen Galizien konnte sich die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche frei entfalten. Lemberg hatte damals drei katholische Erzbischöfe: für die Katholiken des lateinischen, des byzantinischen und des armenischen Ritus. Doch während in Lemberg (das die Polen Lwów und die Ukrainer Lwiw nennen) die sprachliche, kulturelle und konfessionelle Vielfalt blühte, herrschte wenige Kilometer östlich davon das strenge Regime des russischen Zaren. Mit Lenins Oktoberrevolution 1917 und dem Ende des Ersten Weltkriegs ging die Spaltung der Ukraine in die nächste Runde: Der Osten bildete bald eine „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“, während der Westen – nach dem kurzen Intermezzo einer „Westukrainischen Volksrepublik“ – an Polen fiel.

Die folgenden Jahrzehnte ukrainischer Geschichte lassen sich nur als Leidensgeschichte erzählen: Der Kommunismus und der Zweite Weltkrieg wüteten mörderisch in der Ukraine. Stalins ideologisches Toben gegen die einstige „Kornkammer Europas“ führte in den „Holodomor“, zum Hungertod von Millionen. Dieser Genozid am ukrainischen Volk war bis zum Ende der Sowjetunion ein Tabu, und wird von Sowjetnostalgikern bis heute geleugnet oder verharmlost. 1946 holte Stalin zum nächsten Schlag gegen das Identitätsbewusstsein der Ukrainer aus: Der atheistische Tyrann ließ Bischöfe, Priester und Ordensleute der unierten Kirche verhaften, ermorden oder nach Sibirien deportieren, bevor er die griechisch-katholische Kirche zwangsweise mit dem Moskauer Patriarchat verschmolz. Bei dieser Zwangs-Ökumene hatte der einstige Priesteramtskandidat Stalin keineswegs kirchliche Ziele. Vor allem ging es ihm darum, das nationale und kulturelle Selbstverständnis der Ukrainer zu brechen.

Erst mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 konnte sich diese Identität religiös, kulturell und geschichtlich wieder selbst finden. Gleichzeitig jedoch wurden Narben sichtbar, die die Geschichte diesem Volk geschlagen hat: zur sprachlichen und weltanschaulichen Zersplitterung, zu den unterschiedlichen kulturellen und geschichtlichen Traditionslinien von Ost und West trat nun offen die moralische Verwahrlosung, und auch ein konfessioneller Streit, nicht nur zwischen „Unierten“, „Lateinern“ und Orthodoxen, sondern auch zwischen den Orthodoxen unterschiedlicher Zugehörigkeit. Die Stunde Null, die jetzt mit dem Sturz von Wiktor Janukowitsch in Kiew eingesetzt hat, könnte die Chance auf ein neues Miteinander der Ukrainer sein, wenn das gemeinsame Ziel, ein freies und souveränes Land zu stabilisieren, tatsächlich trägt. Schon aber scheint in der politischen Arena das Ringen um Posten und Pfründe einzusetzen und sich das Gift des Misstrauens neuerlich auszubreiten. Für Russland wäre eine gespaltene und zerstrittene Ukraine allerdings eine leichte Beute.

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