Analyse

Die Wurzeln des Hasses speisen sich aus Angst und Neid

Antisemitismus ist nicht nur ein Problem in des Islam oder der Rechten. Es existiert eine nur schwer erklärbare Affinität der Linken zum Islam. Versuch einer kulturellen Erklärung eines bedrohlichen Phänomens.
Kundgebung gegen Antisemitismus
Foto: Martin Schutt (dpa-Zentralbild) | Woher rührt Antisemitismus? Im Bild: Ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen jeden Antisemitismus. Wegschauen ist keine Option" .

Der Judaist Peter Schäfer kennzeichnet die ständige Ambivalenz zwischen der Angst vor den Juden und dem Hass auf die Juden als das unsterbliche Haupt der Hydra des Antisemitismus. Dieser wachsen bekanntlich immer neue Köpfe nach, sobald alte abgeschlagen werden.

Seltsam und einzigartig ist die Vielzahl der Feindschaften, die dem Judentum über seine ganze Geschichte hinweg und heute wieder – allerdings heute nicht mehr aus dem Christentum - entgegengebracht werden. Sowohl Links- als auch Rechtsextremisten, vor allem aber religiöse Extremisten sind bei allen Gegensätzlichkeiten untereinander in einer Hinsicht verbunden: in der Feindschaft gegenüber dem Judentum. Konkret, gegenüber dem jüdischen Staat Israel, aber auch gegenüber Juden in aller Welt.

Keine Vertreibung

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Seltsam asymmetrisch die Perspektiven, mit denen dabei etwa die Vertreibung der Juden aus der arabischen Welt, die kaum bekannt zu sein scheint, und die andauernde Empörung über die Vertreibung von  Palästinensern aus Israel im Rahmen des Krieges von 1948 gesehen werden, übrigens keine Vertreibung der, sondern von Palästinensern, denn immerhin leben 1,6 Millionen im heutigen Israel - und zwar als israelische Staatsbürger.

In den letzten Jahren ist der Antisemitismus trotz dessen zeitweiliger Tabuisierung nach dem Holocaust auch in Europa größer, gefährlicher und offener geworden. In Frankreich verlassen jüdische Mitbürger bereits scharenweise das Land, um in Israel Sicherheit zu suchen. Auch wenn es vereinzelte Reste des alten rechtsextremen Antisemitismus gibt: schon mit bloßem Auge sichtbar und kaum mehr leugbar ist, welchem Kulturmilieu der neue Gefährder-Schub entstammt.
Bei den islamischen Zuwanderern handelt es sich zumeist selbst um Semiten. Dies zeigt schon, dass es - anders als es der Begriff Antisemitismus suggeriert - , nicht wirklich um rassisch-ethnische Unterschiede geht.

Der Hass geht tiefer

Auch die Besetzung fremder Territorien kann nicht der wirkliche Grund sein, denn zahllose andere Gebiete in der islamischen Welt sind besetzt oder unterdrückt, aber eben nicht durch Mächte einer anderen Religion: es gibt zahllose unterdrückte Minderheiten im Orient (nicht zuletzt die Christen) und allein die allgemeine Gleichgültigkeit, mit der das Schicksal der Kurden in vier islamischen Ländern hingenommen wird, zeigt wie instrumentell die gängigen Erklärungsversuche sind.

Der antisemitische Hass gründet tiefer. Wie schon die kaufmännischen oder wissenschaftlichen Erfolge der Juden überall Angst, Neid und Hass hervorriefen, treffen wir in der islamischen Welt auf Angst und Hass vor der weit erfolgreicheren jüdischen Kultur und Zivilisation Israels. Jeder Entwicklungsvergleich zwischen Israel und der umliegenden islamischen Welt fällt zugunsten Israels aus. Es ist der aus der westlichen Zivilisation herrührende Erfolg Israels, ohne den es – umgeben von lauter failed states - keinen Tag im Orient bestehen könnte.

Hetze gegen Israel

Da diese Überlegenheit zumal bei jungen Muslimen auf Faszination zu stoßen droht, muss von den alten Eliten umso mehr die israelische Schuld am eigenen Versagen in den Vordergrund gerückt werden. Dafür erweist sich der eigene kulturell-religiöse Überlegenheitsanspruch als unverzichtbar: Die islamistische Radikalisierung muss daher parallel zu den wissenschaftlich-technischen Erfolgen ansteigen. Auch in der zur Staatsräson erhobene Hetze des Irans gegen den „kleinen Satan“ Israel und gegen den „großen Satan“ USA kommt die zugleich antiisraelische und antiwestliche Stoßrichtung des revolutionären Islams überdeutlich zum Ausdruck.

Die seltsame Freundschaft der Linken zum Islam

Während sich der Antisemitismus im Islam somit leicht erklären lässt, bereitet uns die umgekehrte seltsame Freundschaft der politischen Linken zum Islam in Europa größere Mühen. Der Islam ist weder mit den materialistischen Idealen der alten Linken noch mit der hedonistischen Emanzipation der Grünen oder den diversen Geschlechteridentitäten der Woke-Kultur kompatibel. Im Gegenteil wäre seine Machtübernahme mit dem Ende entsprechender Initiativen identisch.
Für die seltsame Freundschaft des in Frankreich so genannten Islamogauchism kann es nur einen Grund geben: der gemeinsame Feind des links-grünen Moralmilieus und der Islamisten ist der sozial unvollkommene und religiös unreine Westen. Dieser wird in der Tat weder den totalitären Ansprüchen diesseitiger noch jenen jenseitiger Heilslehren gerecht.

Täter und Opfer

 

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Nachdem der Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit in den Weiten der Globalisierung ungreifbar geworden war, musste die Welt neu nach Tätern und Opfern vermessen werden. Militante Muslime gelten Kulturmarxisten als neues Proletariat, welches sich gegen den westlichen Imperialismus doch erheben möge. In den „postkolonialen Studien“ scheint es nur noch den Westen als möglichen Täter zu geben. Umgekehrt sind die diskriminierten Opfer von aller Verantwortung befreit. In diesem Schema bleiben der arabische Sklavenhandel oder der Kolonialismus der Osmanen über weite Teile Nordafrikas und Südosteuropas unerwähnt. Wenn Aktivistinnen die Verhüllung der Frau als Emanzipation ausgeben, ist ihnen ihre weltanschauliche Feindschaft zum erfolgreichen «Weißen Mann» wichtiger als die konkreten Freiheiten vieler Frauen.

Ein Europa, aus dem heute Juden als Minderheiten fliehen müssen, hat im Grunde schon kapituliert. Hoffnung bleibt uns allein auf die langfristige Notwendigkeit einer Kooperation technischer Funktionssysteme, mit denen sich neuerdings arabische Staaten im so genannten Abraham-Abkommen an Israel wenden. Schon David Ben Gurion hatte die Zukunft Israels in der Zivilisierung des Nahen Ostens gesehen. Die zionistische Ideologie sei vom Glauben durchdrungen, die Rückkehr des jüdischen Volkes mit der Aufgabe zu verbinden, eine freundschaftliche Zusammenarbeit der semitischen Völker zu erreichen, die im Mittelalter die Fackelträger des Fortschrittes und der Wissenschaft gewesen waren.

Hass auf den Westen

Bei den weniger Weit- und Einsichtigen kulminiert hingegen der Hass, und zwar gegen die gesamte westliche Zivilisation. Diese ist immer noch erfolgreicher als andere, kann diese aber anders als in den vergangenen Jahrhunderten nicht mehr dominieren. Wie Israel wird der Westen immer mehr in die Rolle einer erfolgreichen Minderheit geraten, der überall Angst, Neid und Hass entgegenschlagen. Die Vielzahl der Formen des Antisemitismus bedeuten zugleich immer Feindschaften gegen den Westen. Insofern wird der Kampf gegen den Antisemitismus eine Nagelprobe darauf sein, ob jedenfalls die Europäer überhaupt noch zur Selbstverteidigung ihrer Kultur und Zivilisation in der Lage sind.


Der Autor lehrte bis zu seinem Ruhestand als Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen Köln. Er veröffentlichte unter anderem „Der Westen und sein Naher Osten. Vom Kampf der Kulturen zum Kampf der Zivilisation“ (Lau, 2015) und „Der Westen und die neue Weltordnung“ (Kohlhammer, 2017).

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