Die von der Welt unbeachtete Hungersnot

Eine Dürre hat den westafrikanischen Niger, eines der ärmsten Länder der Welt, hart getroffen Von Carl-H. Pierk

Es sind die stillen Katastrophen. In Afrika erleben wir besonders viele Katastrophen, die sich still abspielen. Die immer wiederkehren, ohne dass die Weltöffentlichkeit Notiz von ihnen nimmt. Besonders schlecht ist die Lage im westafrikanischen Niger, wo sich eine große Hungersnot anbahnt. Gefährdet ist jedoch die gesamte Sahelzone mit dem Tschad, Mauretanien sowie dem Norden des Senegals. Im Niger selbst war das Thema Hunger jahrzehntelang absolut tabu. Für den mittlerweile von einer Militärjunta weggeputschten Dauerpräsidenten Tandja war es etwas Ehrenrühriges, Nahrungsmittelkrisen in seinem Land zugeben zu müssen – für Tandja fand Hunger einfach nicht statt. Als vor fünf Jahren die Ernten durch eine Heuschreckenplage und Dürren vernichtet wurden und im Fernsehen Bilder von bis auf die Knochen abgemagerten Kindern zu sehen waren, warf der Präsident den Medien Propaganda vor. Nachdem der Präsident durch einen Militärputsch im Februar 2010 gestürzt wurde, kündigte die neue Regierung zwar an, die Nahrungskrise vorrangig anzugehen – doch politische Unruhen haben den Kampf gegen den Hunger erschwert. Der neue Premierminister Danda bittet die Weltgemeinschaft jetzt offen und ganz konkret um Hilfe – in Höhe von mehr als 120 Millionen Dollar.

Niger ist ein reiner Binnenstaat, lediglich im Juli und im August gibt es nennenswerte Niederschlagsmengen. Große Teile des Landes werden von der Wüste Sahara bedeckt, aber auch die Sahelzone ist relativ trocken. 2005 hatten Heuschrecken im Niger die Ernte weggefressen, dieses Mal macht die Dürre den Bauern einen Strich durch die Rechnung: Wieder droht eine Hungerkrise. Und wieder wird klar, dass der Niger noch lange am Tropf der internationalen Entwicklungs- und Nothilfe hängen wird. Der Niger und der Hunger – das ist eine tragische, scheinbar endlose Geschichte. Schuld sind nicht nur Umweltschäden und der Klimawandel. Auch die liberalisierte Agrarpolitik und vor allem das schlechte Krisenmanagement des Niger selbst spielen eine wichtige Rolle. Die meisten Menschen im Niger verlassen sich in der Landwirtschaft auf den Regen oder ihre Herden. Aber die Niederschläge im letzten Jahr waren zu gering und kamen zu spät, dadurch kam es zu Ernteausfällen. Auch die Weideflächen sind ausgetrocknet. Gleichzeitig sind die hohen Nahrungsmittelpreise des Jahres zuvor nie richtig gesunken. Diejenigen Menschen, die in diesem Jahr nicht ausreichend Nahrungsmittel anbauen konnten, können es sich deshalb nicht leisten, Nahrungsmittel zu kaufen.

Jeder fünfte Haushalt im Niger hat nach einer Darstellung der Hilfsorganisation „SOS-Kinderdörfer“ Nahrungsmittelvorräte für gerade mal zehn Tage. Das bedeutet, dass 2 700 000 Menschen ums Überleben kämpfen und dringend auf sofortige Hilfe angewiesen sind. Weitere 5 100 000 Menschen werden mittelfristig Unterstützung benötigen. Die Vereinten Nationen (UN) gehen davon aus, dass mindestens 200 000 Kinder vom Hungertod bedroht sind. Kinder unter fünf Jahren sind am meisten gefährdet. Die Fernsehbilder, die vor fünf Jahren um die Welt gingen, lösten Entsetzen aus: Sie zeigten abgemagerte Kinder mit aufgeblähten Bäuchen. Damals waren nach UN-Zahlen drei Millionen Menschen akut von der Katastrophe bedroht, tausende Kinder starben. Diesmal könnte die Hungerkrise schlimmer werden als im Jahr 2005. Die Republik Niger in der Sahelzone zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein Großteil der Bevölkerung muss mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, die Kindersterblichkeit ist extrem hoch. Da andere Arbeitsmöglichkeiten fehlen, gibt es keine Alternative zur Landwirtschaft. Hunger und Arbeitslosigkeit treiben die Menschen am Rande der Wüste in eine Spirale der Hoffnungslosigkeit. Sie müssen sich von wilden Früchten, Blättern und Futtermais ernähren. Frauen suchen in Ameisenhaufen nach versteckten Getreidekörnern. Vor allem junge Menschen versuchen, dem Elend auf dem Land durch Abwanderung in die Städte zu entgehen. Doch ihr Traum von einem besseren Leben endet häufig auf der Straße.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) müsse mehr als doppelt so viele Hungernde wie bisher geplant unterstützen, teilte die Organisation in Dakar (Senegal) mit. „Die Dürre hat Niger sehr hart getroffen und die Welt muss nun reagieren, um massives menschliches Leiden und den Verlust einer Generation zu verhindern“, sagte die Exekutivdirektorin des WFP, Josette Sheeran. Die Aufstockung der WFP-Hilfsoperation zielt vor allem darauf, die Mangelernährung von 1,5 Millionen Menschen durch Nahrungsverteilungen zu bekämpfen sowie Kleinkinder in den am stärksten betroffenen Gebieten mit Spezialnahrung zu versorgen. Das WFP will außerdem schwangere und stillende Mütter sowie Essensbanken unterstützen – dies sind Gemeinschaftsläden, in denen Frauen Getreide zu subventionierten Preisen kaufen können, wenn die Vorräte der letzten Ernte zu Ende gegangen sind. Die Gemeinschaften füllen diese Bank nach der nächsten Ernte wieder auf, wenn die Nahrungspreise am niedrigsten sind. Die Ernte wird nicht vor Oktober kommen. Und ob die Erträge reichen werden, ist im Moment noch nicht absehbar.

Themen & Autoren

Kirche