Stuttgart

Die Stärken des Winfried Kretschmann

Worin liegt die Begeisterung für Winfried Kretschmann? Nach außen wirkt er gemächlich. Aber er weiß auch seine Feinde zu besiegen. Ist der Katholik gar ein Konservativer?
Winfried Kretschmann
Foto: Marijan Murat (dpa-Pool) | Kretschmann gehörte seit Anfang der 80er Jahre zu den Anführern des sogenannten ökolibertären Flügels seiner Partei, der bildete den Gegenpol zu den ökosozialistischen Fundis.

Sein Wahlkreis liegt in Nürtingen. Ja, genau dort, wo Harald Schmidt herkommt. „Dirty Harry“ ist nicht gerade für Lobreden bekannt, doch am Sonntagnachmittag unterbrach der ehemalige Late Night-Talker seine TV-Abstinenz und hielt in der ARD eine Lobrede auf Winfried Kretschmann: Er sei ein großer Fan, seine Mutter aber auch. Kein ganz unwichtiger Zusatz, denn Schmidt, als Schüler als Kirchenmusiker aktiv, stammt aus katholischer Familie. Und so wie den Schmidts dürfte es vielen gegangen sein. Was macht diesen katholischen 72-jährigen ehemaligen Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik mit Bürstenhaarschnitt zum Politstar?

Freiheit und Ökologie miteinander aussöhnen

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Kennen Sie die Ents? Das sind die  sogenannten Baumwächter in Tolkiens „Herr der Ringe“. Riesengroße Baummänner, deren Aufgabe es ist, die Pflanzen des Waldes vor Gefahren zu schützen. Sie wirken gemächlich, können aber eine ungeheure Kraft entwickeln, wenn es darum geht, ihre Gegner zu vernichten – und sie werden steinalt. Winfried Kretschmann hat 2019 der „Welt“ erzählt, dass er seinen Kindern immer aus dem „Herr der Ringe“ vorgelesen habe, besonders beeindruckt habe ihn an der Story die Bedeutung der Bäume. Ist der Ministerpräsident ein politischer Ent?

Zur Gemächlichkeit: So wirkt er zumindest auf seine schwäbischen Landsleute, manche möchten in ihm wohl die Reinkarnation von Papa Heuß selig sehen. Aber natürlich weiß er auch seine Feinde zu besiegen: Kretschmann gehörte seit Anfang der 80er Jahre zu den Anführern des sogenannten ökolibertären Flügels seiner Partei, der bildete den Gegenpol zu den ökosozialistischen Fundis. Kretschmann und seine Mitstreiter wollten Freiheit und Ökologie miteinander aussöhnen. Sie waren dabei durch die mittelständische Struktur im Ländle geprägt. Damals wurde zum ersten Mal über eine ökosoziale Marktwirtschaft nachgedacht. Aber mit solchen Ideen machte man sich bei den Grünen nicht nur Freunde.

Der große Ausreißer in seinem Lebenslauf

Diese Anfeindungen überstanden zu haben, hängt mit der dritten Ent-Eigenschaft zusammen: sehr alt zu werden. Man darf nicht vergessen, als Kretschmann dann endlich zum ersten Mal Ministerpräsident wurde, war er schon 62.

Ist Kretschmann ein Konservativer? Ideenhistoriker mögen damit hadern. Aber er selbst sieht sich so und hat sogar eine kleine Schrift dazu verfasst. Und so stellt sich die Frage, was war der große Ausreißer in seinem Lebenslauf: die Mitgliedschaft in der katholischen Studentenverbindung Carolingia Hohenheim im CV (wie es wohl mancher Grüne sehen würde) oder doch seine zwei Jahre beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Das zweite hat er selbst einen politischen Irrtum genannt.

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