„Die Schwangerenberatungen steigen kontinuierlich an“

Dorothee Bodewein von der Caritas Magdeburg: Warum Sachsen-Anhalt nicht auf seine katholischen Beratungsstellen verzichten kann

Sind Sie von der Ankündigung der Landesregierung unmittelbar betroffen?

Ja. Bislang hat die Landesregierung wiederholt die Anpassung des Personalschlüssels ausgesetzt. Sachsen-Anhalt hat zwar stark unter dem demographischen Wandel zu leiden. Doch nun sollen wir ab 2010 nur noch die Finanzmittel für mindestens eine Beratungsstelle statt drei bekommen. Als einziger Anbieter der rein psychosozialen Schwangerschaftsberatung hoffen wir, dass durch den guten Willen der Landesregierung nach oben etwas mehr Luft für uns bleibt. Das letzte Wort hat ohnehin das Sozialministerium.

Wie argumentieren Sie gegenüber dem Land?

Wir weisen darauf hin, dass wir ein plurales Angebot gerade auch vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbilds benötigen. Und auf die kuriose Definition der Wohnortnähe in der Verordnung. Aus der Sicht des Landes ist es nämlich ausreichend, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb eines Tages etwa von Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts bis nach Zeitz im Süden reisen kann, um dort eine Beratungsstelle aufzusuchen, die der eigenen Wahl entspricht. Eine Frau, die unter Umständen schon Kinder hat und durch eine Konfliktsituation psychisch belastet ist, wird eine solche Reise aber kaum als wohnortnah wahrnehmen.

Die Beratungsstellen der Caritas haben entgegen dem Trend mehr Zulauf ...

Seit der Einführung der Sozialgesetze, also Hartz IV beispielsweise, können wir feststellen, dass wir einen ungeheueren Anstieg in der Beratung haben. Auch die Schwangerenberatungen steigen kontinuierlich an. Im Jahr 2005 hatten wir nur 933 Klientinnen, 2006 waren es 1 040, 2007 1 057 Klientinnen. Insgesamt stieg die Zahl der Beratungen zwischen 2005 und 2007 von 2 186 auf 2 972 Beratungen. Psychosoziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, befristete Beschäftigungsverhältnisse, Verschuldung, mangelnder bezahlbarer Wohnraum gehören zum Alltag von Frauen und Familien, die unsere Beratung aufsuchen. Da ist es nicht leicht, sich für ein Kind zu entscheiden.

Spielt es für die Schwangeren eine Rolle, dass Sie keinen Schein für eine straffreie Abtreibung ausstellen?

Zu einem Großteil wissen sie, dass sie bei uns keinen Schein bekommen. Der Ausstieg aus der staatlichen Beratung im Jahr 2000 war ein ganz deutliches Signal. Wer zu uns kommt, hat sich gedanklich eigentlich schon für sein Kind entschieden, will aber noch den letzten Impuls haben. Es kommen auch Frauen, die den Beratungsschein schon in der Tasche haben und von uns noch einmal Argumente für ihren Entscheidungsprozess hören möchten. Wir beraten ja auch ergebnisoffen. Doch bei uns ist klar, dass wir den positiven Ansatz des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, dessen Inhalt ja nicht das Töten, sondern der Schutz des Lebens ist, stärker mittragen. Daher suchen viele Frauen zur moralischen Abfederung ihrer Entscheidung unsere Beratung.

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