"Die Radikalisierung kommt von außen"

Die Katholiken Sri Lankas seien glücklich, inmitten einer starken buddhistischen Gemeinschaft zu leben, sagt der Erzbischof von Colombo, Kardinal Malcolm Ranjith.
Der Bischof von Colombo zum Umgang mit dem Terror
Foto: Stephan Baier | Der Erzbischof von Colombo, Kardinal Malcolm Ranjith, verhinderte Racheakte und mahnte die Gläubigen nach den blutigen Anschlägen zu Ruhe und Versöhnung.

Eminenz, ist mittlerweile geklärt, wer hinter den Terroranschlägen auf drei Kirchen in Sri Lanka zu Ostern steckt? Mehrere Täter wurden verhaftet – ist dieses grausame Verbrechen jetzt aufgeklärt?

Nein, noch immer nicht. Der Präsident berief eine Untersuchungskommission, doch der Bericht, den diese erstellte, ist bis heute nicht veröffentlicht worden und darum öffentlich nicht bekannt. Außerdem gibt es ein weiteres Komitee, das durch die Regierung berufen wurde und sich aus Parlamentsabgeordneten zusammensetzt. Sie haben zwar verschiedene Leute befragt, aber ihren Untersuchungsprozess noch nicht abgeschlossen. Wir haben also bisher keine offizielle Mitteilung darüber, wer für diese Anschläge verantwortlich ist.

Sie haben der Regierung und dem Präsidenten Vorwürfe gemacht, Informationen von ausländischen Geheimdiensten, die vor solchen Anschlägen gewarnt hatten, ignoriert zu haben. Was genau ist passiert?

Der indische Geheimdienst hatte die zuständigen Stellen der Regierung von Sri Lanka informiert über die Möglichkeit dieser Anschläge, und zwar bereits am 4. April, also drei Wochen zuvor. Aber sie haben nichts unternommen, nur den Brief an diesen und jenen weitergereicht – ohne eine Maßnahme zu ergreifen. Dann hat dieselbe Quelle ihre Warnungen erneuert und mehrfach wiederholt.

"Sogar noch am Morgen der Anschläge
haben sie gewarnt! Aber niemand hat
davon wirklich Kenntnis genommen"

Sogar noch am Morgen der Anschläge haben sie gewarnt! Aber niemand hat davon wirklich Kenntnis genommen. Auch an der Spitze der Regierung geschah nichts. Das ist ein schwerwiegender Fehler, eine Fehlkalkulation und aus meiner Sicht auch ein sträfliches Verbrechen, weil so viele Menschen dadurch ihr Leben verloren.

Unternimmt die Regierung genug, um jetzt die Sicherheit der Gläubigen zu garantieren? Müssen Sie neuerliche Angriffe auf Kirchen und Heiligtümer befürchten?

Wir haben das Problem, dass wir nicht wissen, wie viele dieser Selbstmordattentäter ausgebildet wurden und wo sie sind. Es wird vermutet, dass neun von ihnen in die Anschläge involviert waren, aber Informationen deuten darauf hin, dass es noch mehr gibt. Solange unsere Regierung und die Sicherheitskräfte nicht ernsthaft darauf schauen, besteht immer eine Gefahr für das Leben unserer Leute. Darum sagen wir, dass nicht genug getan wurde.

Die Muslime bilden auf Sri Lanka eine Minderheit von etwa acht Prozent: Gibt es hier eine traditionelle Neigung zur Gewalt oder herrschte auf Sri Lanka bisher ein friedliches Nebeneinander von Christen und Muslimen?

Seit Jahrhunderten leben wir hier zusammen, ohne dass es je eine derartige Gewalt zwischen unseren Gemeinschaften gegeben hätte. Die Muslime sind friedfertige Leute, aber leider sehen sie sich selbst in den zurückliegenden 25 oder 30 Jahren dem starken Druck eines sehr radikalen, ideologischen Islam ausgesetzt. Dieser kommt von außen nach Sri Lanka und führt unter jungen Leuten zu einem Geist der Radikalisierung.

"Wir können die muslimische Gemeinschaft
nicht für das verantwortlich erklären, was geschah"

Wir können die muslimische Gemeinschaft nicht für das verantwortlich erklären, was geschah. Aber es gibt Leute, vor allem jene, die durch den Wahhabismus indoktriniert sind, die radikalisiert wurden. Das ist die Ursache.

Wie sehr spielt die internationale Radikalisierung innerhalb der islamischen Welt hier eine Rolle? Oder sehen Sie nationale, ethnische Aspekte im Vordergrund?

Nein, ich glaube nicht, dass die Radikalisierung auf nationaler Ebene erfolgt. Es gibt lediglich einige Irrationalitäten seitens sehr kleiner buddhistischer Gruppen, aber das ist unter Kontrolle. Im Wesentlichen lebten Buddhisten, Hindus, Muslime und wir friedlich in unserem Land zusammen. Es gab einen ethnischen Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen, aber keinen lang andauernden Konflikt zwischen den Religionsgemeinschaften.

Nach den Anschlägen zu Ostern gab es einige wenige Übergriffe gegen Muslime und islamische Einrichtungen.

Sie waren verursacht durch politisch interessierte Gruppen, aber ohne öffentlichen Rückhalt. Am Sonntag nach den Osteranschlägen gab es in Negombo einen Zwischenfall, in den auch einige Christen involviert waren, die von außen angestachelt wurden. Ich sehe in diesen Reaktionen politische Interessen, keine religiösen Motive.

Haben sich die offiziellen Repräsentanten des Islam auf Sri Lanka von den Attentätern distanziert und für die Attentate entschuldigt?

Wir haben uns mehrfach getroffen und auch zusammengearbeitet. Das sind sehr friedvolle Menschen, die mit den Attentaten nichts zu tun haben. Auch die Botschafter islamischer Staaten kamen zu mir, um mir ihre Trauer über das Geschehene auszudrücken. Ich sehe keine Verantwortung bei der islamischen Gemeinschaft.

"Es handelt sich um kleine, organisierte
Gruppen, die versuchen,
Konflikte in unserem Land zu schaffen"

Es handelt sich vielmehr um kleine, organisierte Gruppen, die versuchen, Konflikte in unserem Land zu schaffen. Der radikale, wahhabitische Typus des Islam, der überall auf der Welt propagiert wird, vor allem von Saudi-Arabien, sollte von Riads großen westlichen Freunden kontrolliert werden. Saudi-Arabien hat große westliche Unterstützer. Sie müssen Saudi-Arabien zu Demokratie, Gleichheit und zur Anerkennung der Menschenrechte zwingen. Aber jene Staaten, die andere belehren, die Menschenrechte zu achten, erfüllen ihre eigenen Verpflichtungen nicht. Sie gehen selektiv vor: belehren manche Staaten, vermeiden es bei anderen. Da läuft etwas ganz falsch in der Art, wie die westliche Welt auf diese Situation reagiert!

Wie sind heute, drei Monate nach den Anschlägen, die Gefühle bei den Katholiken: Gibt es noch Angst, Zorn, Wut – oder nur Trauer?

Mir scheint, die Katholiken haben in großer Würde und mit großem Sinn für Spiritualität reagiert. Ihr anfänglicher Zorn hat sich ganz gewandelt in eine Bereitschaft zur Vergebung. Es gibt keine Alternative zur Versöhnung. Religion darf nicht exklusivistisch sein, sondern muss die Menschen zusammenführen. Durch unsere religiösen Überzeugungen sollten die besten Elemente der Menschlichkeit hervortreten. Und darum dürfen wir nicht kämpfen oder morden aus religiösen Gründen. Ich denke, es gibt keine Religiosität oder Spiritualität, die gegen die grundlegende Würde des Menschen gerichtet ist.

Wird der interreligiöse Dialog nach diesen Anschlägen intensiviert?

Sicher! Für uns in Asien ist der interreligiöse Dialog von vorrangiger Bedeutung, denn wir leben unter Menschen aller möglichen Religionszugehörigkeit. Buddhismus, Hinduismus, Islam und Christentum sind sehr alte Religionen, und sie haben vielen Menschen geholfen, Erfüllung zu finden.

"Wir dürfen nicht gegeneinander kämpfen,
sondern müssen zusammenarbeiten, um das
Leben der Menschen stetig zu verbessern"

Wenn ihnen das in der Vergangenheit gelang, dann kann es auch morgen gelingen. Also dürfen wir nicht gegeneinander kämpfen, sondern müssen zusammenarbeiten, um das Leben der Menschen stetig zu verbessern.

Gibt es in Sri Lanka bereits einen organisierten interreligiösen Dialog?

Ja, es gibt Institutionen und Initiativen. Auch auf der Ebene der Regierung, die jetzt einen interreligiösen Rat einberufen will, der über bestimmte Fragen entscheiden soll. Das sind gute Initiativen.

Sri Lanka ist ein buddhistisch dominiertes Land. Wie tolerant ist die buddhistische Mehrheit gegenüber den religiösen Minderheiten, insbesondere den Christen?

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Ich bin persönlich sehr zufrieden damit, dass Buddha sagte, man müsse seine Lehre nicht kritiklos akzeptieren. Er hieß Kritik willkommen. Darum ist der Buddhismus ein in hohem Maße tolerantes Unterfangen. Wir in Sri Lanka sind sehr glücklich, in einem buddhistischen Kontext zu leben, weil das religiös ein sehr toleranter Kontext ist. Natürlich haben wir auch radikale Elemente in allen religiösen Gruppen, sogar unter Christen. Wenn wir nach den Wahrheiten der großen religiösen Lehrer leben, können wir Glück und Erfüllung erreichen. Wir in Sri Lanka sind sehr glücklich, inmitten einer sehr starken buddhistischen Gemeinschaft zu leben.

Welche juristischen, politischen und gesellschaftlichen Diskriminierungen erdulden die Christen heute in Sri Lanka?

Mehr und mehr ist die Gesellschaft von Sri Lanka eine offene Gesellschaft, wo etwa Positionen und Arbeitsstellen nicht nach Kriterien der religiösen Zugehörigkeit vergeben werden. Wir bewegen uns allmählich in diese Richtung. Die buddhistische Gemeinschaft ist durchaus dafür. Wir müssen mit ihnen, aber auch mit den Muslimen und Hindus zusammenarbeiten, um ein neues Sri Lanka zu schaffen, wo wir spüren, dass die Unterschiede für uns kein Problem sind. Die buddhistische Mehrheitsgesellschaft ist kein Problem für uns.

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03.11.2020, 10  Uhr
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