Würzburg

Die Post-Corona-Ära

Von einer "neuen Normalität" sprechen die einen, und davon, dass nach dem Ende dieser Pandemie nichts mehr so sein werde wie davor. Von einer raschen Beendigung des Ausnahmezustands und der Rückgewinnung unseres gewohnten Lebens träumen andere. Ein Überblick über widerstreitende Visionen.

Die "Post-Corona-Ära"
Was erwartet uns in der "Post-Corona-Ära"? Wird alles so sein wie zuvor, oder gibt es allenfals eine "neue Normalität"? Die Tagespost beleuchtet wesentliche Fragen. Foto: Photographer:Sergey Novikov (Ser (67678014)

Mehr oder weniger Globalisierung?

Die Pandemie wurde durch die Globalisierung ermöglicht oder wenigstens begünstigt. An die Stelle Tod bringender Globalisierung tritt darum jetzt eine Renaissance des Regionalen: Zurück zu klaren Grenzen, kleinen Räumen und Nahversorgung, das bringt einen Zuwachs an Sicherheit. Die Nation als Sicherheitsgemeinschaft wird künftig stärker auf wirtschaftliche und medizinische Autarkie achten. Heimische Produkte mit klarem Herkunftsnachweis werden boomen. Auch im Tourismus ist Region angesagt statt Fernreise. Globale Quasi-Monopolisten wie Amazon, Google, Facebook & Co. werden juristisch und gesellschaftlich zunehmend geächtet.

Globale Probleme rufen nach globalen Strategien. Das Virus kennt   wie die Bedrohungen durch Klimawandel und Terrorismus   keine Grenzen. Darum braucht es mehr globale Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Forschung. Im Fall von Corona etwa die internationale virologische Forschung und medizinische Zusammenarbeit. Der weltweite Handel kehrt als Dimension von Freiheit und Wohlstand zurück. Es hat sich in der Krise gezeigt, wie sehr unser Lebensstandard von globalen Lieferketten und Handelsströmen abhängt. Monopolisten wie Amazon, Google, Facebook & Co. waren in der Krise erfolgreich   und bekommen jetzt zunehmend Konkurrenz.

Das Ende des Kapitalismus?

Die kapitalistische Weltordnung mit ihrer Raffgier und der (Börsen-)Macht internationaler Finanzspekulanten wurde durch die Pandemie hinweggefegt. Ein neuer Sozialismus, neue Vermögenssteuern und mehr Umverteilung sind das Gebot der Stunde. Begonnen hat bereits eine neue Debatte über soziale Gerechtigkeit und mehr Achtsamkeit gegenüber Umwelt und Mitwelt   statt der Philosophie des "immer schneller, immer mehr". Die westliche Wachstums-Ideologie ist am Ende. Der Umverteilungsstaat wird zum wohlwollenden Diktator.

Nur eine rasche Rückkehr zur freien Wirtschaft rettet uns vor Massenarbeitslosigkeit und Verelendung. Der Staat muss die Fesseln der Marktkräfte wieder lösen, damit Ressourcen frei werden, die Arbeitsplätze, Konsum und damit breiten Wohlstand schaffen. Nur wirtschaftlich starke Gesellschaften haben auch ein belastbares Gesundheitssystem für alle Bürger, wie sich gerade in der Krise zeigte. Substanzsteuern wären in Zeiten schwindender Substanz kontraproduktiv. Die Steigerung der Produktion und des Handels ist zudem die beste Impfung gegen eine drohende Inflationsgefahr.

Eine globale Wirtschaftskrise?

Unsere Volkswirtschaften sind langfristig beschädigt, weltweite Lieferketten sind gerissen, kerngesunde Betriebe wurden ruiniert, viele Staaten sind massiv überschuldet. Die Massenarbeitslosigkeit wird uns mittelfristig bleiben, die Volatilität der schon lange überhitzten Aktienmärkte auch. Durch die von den Zentralbanken Europas und der Vereinigten Staaten, EZB und FED, maßlos betriebene Flutung der Märkte mit billigem Geld wird es zu einer (Hyper-)Inflation kommen. Diese entwertet die Einkommen, die Pensionen und unser Erspartes. Wir werden alle ärmer.

Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise haben jene Gesellschaften die besten Chancen auf rasche Genesung, die persönliche und unternehmerische Freiheit mit guter Ausbildung, hoher Leistungsbereitschaft, breitem Arbeitsethos, Phantasie, Kreativität und Intelligenz verbinden. All das spricht global betrachtet für die Chancen der Europäer, sich rasch zu erholen. Dazu kommt, dass Staaten mit solider Bonität sich auf den Finanzmärkten fast grenzenlos mit billiger Liquidität eindecken können. Mit Krediten nahezu zum Nullzins befeuern sie das Comeback ihrer Volkswirtschaften.

Das Ende des vereinten Europas?

Das vereinte Europa hat in der Krise versagt, zu langsam und zu schwach reagiert, sich als Schönwetter-Konstrukt erwiesen. Im Not- und Krisenfall müssen die 
Nationalstaaten zur Tat schreiten. Die EU hat alle Hände voll damit zu tun, zu koordinieren, aber Taten setzen die nationalen Regierungen. "Die Zukunft gehört den Patrioten", sagte US-Präsident Donald Trump. Das gilt auch diesseits des Atlantik: Nationale Sicherheit statt globalistischer Freiheit. Der Rückzug in nationale Narrative dient auch der Abschottung gegen international in Umlauf gebrachte Fakenews.

In der Krise zeigte sich das Versagen der europäischen Nationalstaaten, die panisch Grenzen hochzogen, den grenzüberschreitenden Handel stilllegten und sich als unsolidarisch erwiesen. Erst das Eingreifen der EU-Kommission hat die Solidaritäts-Blockade gelöst. Aber ja, die EU braucht künftig viel mehr Kompetenzen und effizientere Entscheidungsstrukturen. Auch können sich die Europäer nur gemeinsam wehren gegen die bösartigen Fakenews aus russischen und chinesischen Trollfabriken, die uns mit ihren Narrativen spalten und verwirren wollen.

Weltmacht Nummer Eins: China?

Chinas Streben nach der Rolle als Weltmacht Nummer Eins ist dauerhaft beschädigt: Erst übersahen, dann leugneten und vertuschten sie das Ausmaß 
der Epidemie; erst verbreiteten sie das Virus, dann Fakenews über ihre Hilfen für andere Staaten und über die Herkunft des Virus. Immer offensichtlicher 
wird, dass China ein diktatorischer Überwachungsstaat orwell schen Ausmaßes ist - und darum weder Vorbild noch Wunschpartner für andere Staaten. Chinas 
BIP ist um 6,8 Prozent eingebrochen, sein Image noch mehr.

China hat geschickt wechselnde Rollen gespielt: Opfer der Epidemie, Helfer in der Not  Während andere mit der von Wuhan ausgegangenen Pandemie zu kämpfen hatten, füllte Peking seine Lager mit billigem Öl, baute seinen totalitären Polizeistaat aus, streckte seine Hand auf 80 Inseln im Südchinesischen Meer aus   und all das fast unter der Wahrnehmungsschwelle der Weltöffentlichkeit. China weitet seinen politischen und ökonomischen Einfluss in Asien, Afrika, Lateinamerika, sogar in Europa und in der UNO immer weiter aus.

Weicht die Demokratie dem Autoritarismus

Autoritäre Tendenzen (wie in Russland, China und der Türkei) werden in Europa wachsen. Die Krise hat gezeigt, dass viele Menschen den Ausnahmezustand bereitwillig akzeptieren, wenn die Angst vor einer Katastrophe groß genug ist. Wenn das ein kleines Virus schafft, müsste es auch angesichts des globalen Klima-Kollaps möglich sein. Wenn die Menschen die Klimakatastrophe ausreichend fürchten, verzichten sie gerne auf viele ihrer Grundrechte und Freiheiten   für Maßnahmen, die die Klimakatastrophe zu verzögern versprechen. An die Überwachung durch Staat und Gesundheitsbehören werden wir uns gewöhnen: Ob wir die U-Bahn betreten oder Kino und Restaurant   unsere Gesundheitsdaten werden in Echtzeit überprüft, unser sozialer Status registriert werden. Die Fortschritte der künstlichen Intelligenz und Big Data werden das 21. Jahrhundert prägen.

Anders als Chinesen oder Russen sind die Menschen in den demokratischen Rechtsstaaten Europas gewöhnt, ihre Grundrechte lautstark einzufordern, Politiker zu kritisieren und deren Maßnahmen zu hinterfragen. Die Bürger sind mündig und freiheitsbewusst genug, ihre Freiheiten und Rechte nicht auf dem Altar vermeintlicher Sicherheiten zu opfern. Politiker, die hier überziehen, werden bei den nächsten Wahlen abserviert. Auch haben die autoritären Staaten die Krise keineswegs besser gemeistert als die demokratischen Rechtsstaaten. Freiheit schließt das Recht auf die eigenen Daten, auf Geheimnisse und digitales Vergessen ein. Privatsphäre wird als Luxus künftig noch mehr geschätzt werden. Das Vertrauen in den Staat hat Risse bekommen.

Kommt die gesellschaftliche Entschleunigung?

Die erzwungene Notbremsung unseres Lebens hat uns zu Besinnung, Einkehr und neuer Nachdenklichkeit geführt. Unsere Lebensabläufe waren überhitzt, unser Wirtschaften egoistisch und gierig. Gefordert sind eine entschleunigte Gesellschaft, die Wiederentdeckung der Muße und eine neue Innerlichkeit. Gefragt ist künftig Empathie statt Egoismus, Solidarität statt Gier.

Entschleunigung macht arm und krank, denn Leben ist Entfaltung, Bewegung, Dynamik. Wir müssen zurück zur vollen Geschwindigkeit praller Vitalität. Nur 
so bleiben wir psychisch gesund und können unseren Wohlstand zurückerobern. Nicht die Freiheit war widernatürlich, sondern der Shutdown, die Stilllegung 
es öffentlichen Lebens.

Renaissance der Familie?

Der kollektive Hausarrest hat ein antiquiertes Familienbild gestärkt: Frauen in der Küche und bei den Kindern, Schüler im häuslichen Unterricht, Väter als Diktatoren im Homeoffice  Die Überdosis an Kernfamilie fördert falsche Rollenbilder und häusliche Gewalt. Die Errungenschaften der Frauen-Emanzipation erfordern krisenfeste Fremdbetreuung von Kindern und stabile Arbeits- und Einkommensverhältnisse für Frauen.

Psychiater kennen schon lange das Phänomen des "empty home", des verwaisten Heims und fehlender Nestwärme. Eine Neuentdeckung familiärer Nähe ist eine Frucht, die wir aus der Corona-Zeit in die Post-Corona-Ära retten sollten. Single-Dasein wird als soziale Falle durchschaut, die Großfamilie als Netzwerk der Solidarität wiederentdeckt. Auch hat der Zwang zum Homeoffice gezeigt, was alles möglich und für Unternehmen fruchtbar ist: Eine neue work-life-balance deutet sich an.

Neue Formen für die Religion?

Religiosität (über-)lebt auch jenseits traditioneller Formen und sakramentaler Feiern. Neues ist gewachsen: online und offline, durch Livestream-Messen und privatisierte Religiosität. Die spirituelle Wirklichkeit hat sich als bunter erwiesen, als die Kirchen das zuvor wahrhaben wollten. Die Kirchen können nach der Pandemie nicht mehr für verbindlich erklären, was sie während der Pandemie als zeitweise verzichtbar ansahen.

Die laut artikulierte Sehnsucht nach den Sakramenten und der Teilnahme an Gottesdiensten sollte den Kirchen zu denken geben: Die vermehrte Nutzung des Internets wird die gemeinschaftliche Dimension der Kirche als einer Glaubens-und Gebetsgemeinschaft nie ersetzen. Wesentlicher dürften die kirchlichen Debatten künftig werden, weniger oberflächlich und theozentrischer.

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