„Die PDS ist mir zu schnell salonfähig geworden“

Bischof Joachim Reinelt von Dresden-Meißen warnt vor Geschichtsvergessenheit

Die Aufarbeitung der DDR konzentriert sich stark auf die Stasi-Frage. Gehört das in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit?

Viel zentraler ist meines Erachtens die Frage, welche verbrecherischen Aktionen in der sozialistischen Ära genutzt wurden, um die Menschen zu den Auffassungen der SED zu zwingen. Das war vor allen Dingen der ständige, sehr massive Druck in den Schulen, in den Betrieben und ab und zu auch bei kulturellen Veranstaltungen. Mit allen Mitteln wurde versucht, die Menschen auf Linientreue zu bringen.

Könnten Sie dazu eine Episode oder ein Beispiel aus Ihrer eigenen Erfahrung benennen?

1953 wurde in unserer Schule die Evangelische Junge Gemeinde als amerikanische, feindliche Organisation diffamiert, deren Mitglieder aus unseren Schulen zu verschwinden hätten. „Wir wollen an unseren Schulen kein Kugelkreuz sehen“, hieß es damals. Das Kugelkreuz war das Zeichen der jungen Gemeinde und viele Schüler wurden aus den Schulen, zumindest aus den Oberschulen an den jetzigen Gymnasien, entfernt. Weil wir uns zwar kein Kugelkreuz, sondern ein katholisches Jugendkreuz angesteckt hatten, war ich eigentlich auch dran. Es ist mir durch einen günstigen Umstand gelungen, meine Haut zu retten und an der Schule zu bleiben. Es gab massiven Druck, und es wurden Lügen erfunden: Ich hätte zum Beispiel „RIAS-Thesen“ vertreten. Ich hatte aber in meinem Leben noch nie den Sender RIAS gehört. „Wer RIAS hört, lügt mit“, das waren so typische Phrasen. Als Pfarrer haben wir mitgelitten, weil die Eltern der Schüler, die zur Jugendweihe gehen sollten und katholisch waren, unter Druck gesetzt wurden. Welche Zerreißproben hat dieser Gewissenszwang, den die Partei ausübte, bewirkt? Nie ist davon gesprochen worden, oder viel zu wenig. Oder die Tatsache, dass ein grausiges System ein ganzes Volk einfach eingesperrt hat. Das alles muss doch reichen, um zu sagen: Es war ein verbrecherisches System.

Spielt dabei eine Rolle, dass diejenigen, die damals zum System gehörten, heute auch wieder politisch aktiv sind?

Das hängt mit Sicherheit damit zusammen. Die PDS ist mir zu schnell salonfähig geworden und hat sich jetzt mit der West-Linken vermischt. Dadurch steigt das Ansehen beider Parteien – mindestens bei denen, die vergessen haben, was diese Leute vierzig Jahre lang angerichtet haben.

Beobachten Sie dieses Vergessen nur im Westen oder auch im Osten?

Im Osten wird die Vergangenheit von sehr vielen verdrängt. Man erinnert sich nur noch an die gemütlichen Bratwurstrunden, die meistens größere, schönere Erlebnisse ersetzen sollten. Aber was in den Betrieben geschah, wozu man gezwungen wurde, die sogenannte „deutsch-sowjetische Freundschaft“ und alles, womit die Bevölkerung massiv unter Druck gesetzt wurde – das ist kein Thema mehr. Das Negative wird vergessen und der Rest wird hochstilisiert.

Verklären Katholiken die Vergangenheit, in der westliche Einflüsse weniger stark waren?

In unseren Gemeinden herrscht große Freude darüber, dass diese schlimme Zeit hinter uns liegt. Aber dass die neuen Bedrängnisse einer liberalistischen Phase der Geschichte auch als niederschmetternd empfunden werden, ist eine Tatsache. Ich wundere mich, dass selbst in unseren Kirchenzeitungen nicht unbedingt immer Klarheit, Treue und Geradlinigkeit so, wie es uns das Evangelium überliefert, deutlich wird. Das empört die Menschen hier wohl mehr als die Menschen im Westen.

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