Die „Mutter der Pille“ ist tot

Mit Carl Djerassi verstarb einer der spektakulärsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts – Ein Nachruf Von Stefan Rehder
Foto: Archiv | Carl Djerassi bei den Bodenseedialogen 2013 in Bregenz.
Foto: Archiv | Carl Djerassi bei den Bodenseedialogen 2013 in Bregenz.

Carl Djerassi, der sich selbst gern als die „Mutter der Pille“ bezeichnete, war ein „Workoholic“. Bis zuletzt hatte er einen prall gefüllten Terminkalender und versuchte, wie er in seiner vierten (!) Autobiografie schrieb, „26 Stunden in einen 24 Stunden Tag zu pressen“. Wer ihn auf Symposien erlebte, der konnte ihn spät abends noch in der Hotellobby antreffen, wo er, während sich die anderen dort längst zu zwanglosen Gesprächen niedergelassen hatten, noch E-Mails las und beantwortete und bereits die Online-Ausgaben der Zeitungen studierte, die ihre Redakteure zur Berichterstattung entsandt hatten.

Djerassi war ein Ruheloser, der Zeit seines Lebens darunter litt, dass ihm die Anerkennung versagt blieb, die er selbst für angemessen hielt. Dabei zählte der Chemiker, der 1923 als Sohn eines jüdischen Ärzteehepaars in Wien geboren wurde und mit 15 Jahren vor den Nationalsozialisten zunächst nach Bulgarien floh und später in die USA emigrierte, zu den wenigen Naturwissenschaftlern, für die sich die ganze Welt zu interessierten pflegte. Kein halbrunder und schon gar kein runder Geburtstag vergingen, ohne das sich eine neue Flut von Würdigungen, Porträts und Interviews ihren Weg durch das Fernsehen, Radio-Stationen, Zeitungen und Online-Medien ihren Weg zu den Konsumenten bahnte. Allenfalls Steven Hawking, Greg Venter und Richard Dawkins hätten Anlass, sich über ein ähnlich hohes Medieninteresse an ihrer Person zu beklagen wie Djerassi, der davon nie genug bekommen konnte.

Dabei war Djerassi, dem es Anfang der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zusammen mit Luis E. Miramontes gelungen war, in den Labors der Firma Syntex in Mexiko-City das Gestagen Norethisteron zu synthetisieren, streng genommen nicht einmal der Erfinder der Anti-Baby-Pille. Die entwickelten nämlich kurz darauf Gregory Pincus und John Rock. Anders als im Fall des Biochemikers Erwin Chargaff, ohne dessen Vorarbeiten James D. Watson und Francis Crick höchstwahrscheinlich das Modell der Doppelhelixstruktur der DNA nicht hätten entwickelt können, hatte sowohl die Fachwelt als auch die Öffentlichkeit Djerassis Pionierarbeit bei der Entwicklung der Anti-Baby-Pille stets im Kammerton zu würdigen verstanden.

Djerassi, der mehr 40 Jahre lang an der Stanford University lehrte und rund 1 200 wissenschaftliche Arbeiten publizierte, wurde mit Auszeichnungen, darunter 32 Ehrendoktoraten, geradezu überhäuft. Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm das Große Verdienstkreuz, die Republik Österreich das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Die Österreichische Post brachte 2005 zu Ehren Djerassis, der zwischen seinen Wohnsitzen in San Francisco, Wien und London hin und her pendelte, eine Briefmarke mit seinem Konterfei heraus. All das konnte ihn nicht zufriedenstellen.

Dass die Welt sich nicht bereit fand, seine Dramen und Science-Fiction-Romane ebenso frenetisch zu feiern, wie die Tatsache, dass er mit der künstlichen Herstellung des Sexualhormons Norethisteron der Entwicklung der Anti-Baby-Pille den Weg geebnet und die Fortpflanzung revolutionierte, hat er nie überwunden. In seinen Autobiografien suchte er die ihm mangelhaft erscheinende Rezeption seiner literarischen Werke durch eifriges Zitieren auszugleichen.

Auch in seinem Privatleben musste der so leicht zu kränkende Mann, Vieles erdulden. Nach zwei Scheidungen (1950 und 1976) starb seine dritte Frau, die Standford-Professorin Diane Middlebrook, 2007 an Krebs. Fast drei Jahrzehnte zuvor hatte sich seine Tochter, die wie sein Sohn aus seiner zweiten Ehe stammte, das Leben genommen. Djerassi selbst erkrankte an Leber- und Knochenkrebs.

Zuletzt war Djerassi immer wieder öffentlich mit der These in Erscheinung getreten, dass auf die von ihm mit ermöglichte Trennung von Sexualität und Fortpflanzung eine weitere Revolution folge. Dank des Fortschritts in der Reproduktionsmedizin würde aus dem mit der Pille möglichen „Sex ohne Zeugung“ künftig eine „Zeugung ohne Sex“. Auch von der Präimplantationsdiagnostik war Djerassi durchaus angetan: „Ich bin sicher, dass genau diese Möglichkeit des embryonalen Screenings, verbunden mit In-vitro-Fertilisation, immer mehr fruchtbare Paare veranlassen wird, auf diese Technologie zurückzugreifen“, schrieb er in seinem Werk „Sex, die Kunst und Unsterblichkeit“. Katholiken glauben, dass die „Mutter der Pille“, die in der Nacht zum 31. Januar in San Francisco verstarb, kurz darauf vor ihren Schöpfer trat. Schwer vorzustellen, dass die Würdigung Djerassis wissenschaftlicher Arbeit dabei triumphaler ausfiel.

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