Die Macht der Superdelegierten

Im Rennen um die US-Präsidentschaft kommt ihnen die Rolle des Züngleins an der Waage zu – Religion und Glaube spielen in Amerika eine wichtige Rolle

„Es ist, als sollte ich entscheiden, welches mein Lieblingskind ist. Wie soll man sich für einen entscheiden? Ich mag sie beide, sie würden gemeinsam ein großartiges Team abgeben.“ Sam Farr, Repräsentant der Demokraten im kalifornischen Carmel, beschreibt das Dilemma, in dem sich viele Superdelegierte befinden: Sie stehen unter enormem Druck. Ihnen obliegt es, beim Parteitag der Demokraten im August zu entscheiden, welcher der beiden Präsidentschaftskandidaten der oder die Richtige ist.

Der Nominierungsprozess der demokratischen Partei ist kompliziert. Der Sieger hat mindestens 2 025 Delegiertenstimmen auf sich zu vereinen. Nach dem jüngsten Stand liegt Barack Obama, der Senator aus Illinois, mit 1 610 Delegierten vor Hillary Rodham Clinton, der Senatorin von New York mit 1 481. Nach Kalkulationen der Experten wird in den noch ausstehenden Primaries bis zum Sommer keiner der beiden die erforderlichen Stimmen auf sich vereinigen können. Damit sind die sogenannten Superdelegierten ins Rampenlicht gerückt.

Diese wurden 1984 eingeführt. Dahinter stand die Erfahrung, dass Wähler der Demokraten manchmal für „schwache“ Kandidaten stimmten – entweder Kandidaten, die nie die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden konnten oder Kandidaten, die den Königsmachern der Demokraten nicht passten.

Einer dieser „Steroid“-Delegierten ist Sam Farr. Doch auch Bill Clinton, Ex-Präsident und Ehemann von Hillary, ist einer von ihnen. Diese 796 Parteiangehörigen sind meist erfahrene Politiker, Gouverneure, Senatoren wie Abgeordnete, aber auch einfache Parteisekretärinnen oder Aktivisten sind darunter. Sie sind, so wollen es die Regeln, in ihrer Stimmabgabe völlig unabhängig, sie sind also nicht wie die regulären Delegierten an den Willen der Wähler gebunden. Dennoch haben sie das Gewicht wie tausende von Bürgerstimmen. Hillary Clinton hat einen eindeutigen Vorteil. So bemerkte die „Washington Post“: „Der frühere Präsident hat monatelang die Superdelegierten aggressiv hofiert, alte Allianzen aufgefrischt, zum Vorteil der Senatorin von New York.“

Inzwischen Gerüchte, dass Stimmen gekauft werden

Fraktionsführerin Nancy Pelosi, ebenfalls eine der Superdelegierten, appellierte daher an ihre Mitstreiter, „dem Willen der Wähler zu folgen“. Damit stimmt sie mit Barack Obama überein, der plädiert, dass diese Superdelegierten nicht nach ihrem persönlichen Gusto stimmen sollten. „Die Wähler müssen überzeugt sein, dass diese Delegierten ihren Wunsch erfüllen, dass ihre Stimme zählt“, so Pelosi. Sie werde dem Kandidaten ihre Stimme geben, der rein rechnerisch die meisten Stimmen erhalten hat, auch wenn diese nicht für eine Nominierung reichten.

In den Medien zirkulieren inzwischen Gerüchte, dass Strategiemanager nun auf ein „koste-es-was-es wolle“ eingeschwenkt seien. Wie delikat die Lage geworden ist, riss kürzlich der CNN-Kommentator Glenn Beck an: Bestehe nicht die Gefahr, dass bei einem derart knappen Rennen die Kandidaten zu schmutzigen Tricks greifen könnten – oder konkret gesagt zum Stimmenkauf? Superdelegierte werden zu opulenten Empfängen eingeladen, bei denen es viel Gelegenheit für ein privates Gespräch gibt, bei dem dann alles Mögliche be- und versprochen werden kann.

„Versprechen, das ist doch, was Politik ausmacht“, sagt der Jesuit Thomas Reese vom Woodstock Theological Center in Washington. Es sei üblich, dass den Delegierten Hilfe in ihrem Wahlkreis, vielleicht auch ein Job in der neuen Regierung versprochen werde. Er schließt jedoch kategorisch aus, dass sich die beiden demokratischen Kandidaten auf schmutzige Tricks einlassen würden, denn „das wäre für sie ein Desaster!“

Überhaupt hält der renommierte Journalist und Buchautor zu Themen wie Politik und Vatikan die Behauptung einer Bestechung von Superdelegierten für reinen Unsinn. Dies umso mehr, wenn solche Behauptungen ohne Beweise in Umlauf gebracht würden. Nicht wegdiskutieren will er aber, dass es immer Sünder gebe. Das gilt auch für unqualifizierte Bemerkungen von Wahlhelfern. So sorgte die ehemalige Vizepräsidentschaftsanwärterin Geraldine Ford, die im Clinton-Lager kämpft, mit rassistischen Bemerkungen für Aufsehen. „Ein Kandidat kann nicht alles überwachen, was die Mitarbeiter sagen“, entkräftet Reese den Verdacht auf faules Spiel. „Hillary Clinton kann nicht mal kontrollieren, was ihr Mann sagt.“ Und er fügt hinzu: „Natürlich gibt es Rassismus in der US-Politik, genauso wie Sexismus.“

Auch die Religion spielt bei weitem eine größere Rolle als in Europa, sagt Reese. „Wir Amerikaner sind ein sehr religiöses Volk. Wir wollen hören, wo ein Kandidat steht. Ich glaube nicht, dass ein Atheist zum Präsidenten gewählt werden kann.“

So erklärt sich, weshalb die Kandidaten immer öfter ihre Glaubensüberzeugung bekunden. Dan Gildoff von Beliefnet.com aktualisiert regelmäßig sein „God-o-Meter“, ein von ihm erfundenes Messinstrument, um festzustellen, wie „theokratisch“ Politiker sind. Danach führen Hillary Clinton und der republikanische Baptistenprediger Mike Huckabee. Obama liegt auf Rang acht der Messlatte von null bis zehn. Erstaunen muss, dass der führende Kandidat der Republikaner, John McCain, nur vier Punkte erreicht. Deal W. Hudson, der Direktor von InsideCatholic.com erklärt sich das mit McCains Charakter, „der ungern über Religion spricht“.

Die katholischen Bischöfe hatten im vergangenen November eine aktualisierte Fassung ihrer Empfehlungen für „standhafte Bürgerschaft“ herausgegeben. „Keine Wahlempfehlung“, sondern Leitpunkte, aufgrund derer die Wähler „die beste Entscheidung“ in Einklang mit ihrem Gewissen treffen können, betont Floridas Erzbischof John C. Favalora. Weit deutlicher äußerten sich da der Erzbischof von Denver, Charles Chaput und Bostons Oberhirte Sean O'Malley. Sie machten den Wählern, und damit auch den 104 katholischen Demokraten im Kongress klar: Wenn ein Katholik für einen Abtreibungsbefürworter stimmt, dann grenze das an einen „Skandal“.

Augenblicklich sieht es so aus, als ob Clinton mit 249 Superdelegiertenstimmen ihren Konkurrenten Obama mit 213 abgehängt hat. Doch sind in den verbleibenden Primaries noch über 500 normale Delegierte zu bestimmen. Allein beim nächsten Wahltag am 22. April in Pennsylvania sind 158 Stimmen zu vergeben. Dort residiert auch der Superdelegierte und vehemente Abtreibungsgegner, Senator Robert P. Casey Jr.

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